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"Das Attentat - Sarajevo 1914": Teutonische Strippenzieher

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ZDF-Film über Franz Ferdinand Weltgeschichte als Kaiserschmarrn

Küss die Hand, Herr Intrigant: Der ZDF-Film "Das Attentat - Sarajevo 1914" soll von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand erzählen - und verirrt sich in Verschwörungstheorien.

Bitte versetzen Sie sich in folgende Situation: Der designierte Herrscher einer Großmacht fährt im offenen Wagen durch die Hauptstadt eines erst vor wenigen Jahren annektierten Landes. Begleitet wird er von seiner Frau. Obwohl es wiederholt Warnungen vor einem Attentat gegeben hat, ist die Strecke erstaunlich schlecht gesichert. Eine Bombe explodiert, verfehlt aber ihr Ziel. Knapp dem Tode entronnen, fährt der hochrangige Besucher noch am gleichen Vormittag ein zweites Mal dieselbe Strecke, abermals kaum geschützt. Als die Staatskarosse falsch abbiegt, kommt sie direkt vor einem dort wartenden Mitverschwörer des Bombenwerfers zum Stehen - dieser reagiert kaltblütig: Mit lediglich zwei Schüssen tötet er das Besucherpaar. Kann das Zufall gewesen sein?

Die Geschichte des Mordes am habsburgischen Thronfolger Franz Ferdinand und seiner Gattin Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajevo steckt voller Dramatik und verdächtiger Wendungen. Die Konsequenzen der Tat waren von welthistorischer Tragweite. Sie gilt als Auslöser für den Ersten Weltkrieg mit seinen mehr als zehn Millionen Toten und den das ganze 20. Jahrhundert überschattenden Folgen. Naheliegend, dass das ZDF im Gedenkjahr 2014 einen Fernsehfilm daraus macht: "Das Attentat - Sarajevo 1914". Weniger naheliegend, dass der eine weitgehend frei erfundene Geschichte erzählt, die vor konstruierten oder zumindest überspitzten politischen Zusammenhängen strotzt.

Einen "investigativen Thriller" nennt der Regisseur Andreas Prochaska sein Werk. Dabei übersieht er, dass der Begriff "investigativ" nicht für Erfindung steht, sondern für Enthüllung.

Kriegsschuldfrage

Im Mittelpunkt des Films steht der österreichische Untersuchungsrichter Leo Pfeffer (gespielt von Florian Teichtmeister). Der ist eine historisch belegte Figur. Er hat tatsächlich die Attentäter Gavrilo Princip (Eugen Knecht) und Nedeljko Cabrinovic (Mateusz Dopieralski) verhört. Alles weitere entspringt der Phantasie des Drehbuchautors: Der Untersuchungsrichter habe sich auch größtem politischen Druck widersetzt, war zudem Radfahrer, Nichtraucher und in eine ausländische Suffragette verliebt, so nannte man emanzipierte Frauen damals. Fehlt nur noch eine Tasse Fair-Trade-Kaffee - doch der war 1914 noch nicht erfunden. Es ist dämlich, sich über politische Korrektheit oder gar die von Rechten gern beschworenen "Gutmenschen" lustig zu machen. Die Figur Pfeffer aber hat ein wenig zu viel von einen rot-grün wählenden Großstädter unserer Tage.

Gegenpol zu ihr ist der sinistre Doktor Herbert Sattler, ein Deutscher, was sonst - und dementsprechend gespielt vom prototypischsten aller derzeitigen Teutonendarsteller, Heino Ferch. Sattler ist fiktiv, muss im Film aber herhalten als Schlüsselfigur einer großen, militärpolitischen Intrige.

Die Frage, ob das Deutsche Reich die Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs habe, hat seit dem Versailler Vertrag Generationen beschäftigt, sie stand im Mittelpunkt der Kontroverse um die Thesen des Historikers Fritz Fischer . Auch in den neu erschienenen Büchern zum Ersten Weltkrieg, so von Christopher Clark, Gerd Krumeich oder Herfried Münkler wird die Frage aufgeworfen, welche Verantwortung dem deutschen Kaiser Wilhelm II. und seiner Regierung zukommt - und unterschiedlich beantwortet.

Machtpolitiker in Berlin und Wien

Derart kühne Thesen wie sie in "Das Attentat - Sarajevo 1914" aufgestellt werden, findet man aber nur dort, wo man auch an der Mondlandung zweifelt oder an der Verantwortung von al-Qaida für die Attentate des 11. September.

Nicht etwa der serbische Geheimdienst oder doch zumindest eine Verschwörung serbischer Nationalisten stecke hinter dem Anschlag, so legt die Handlung entgegen jeder Lehrmeinung nahe, sondern ein loser Bund von Rassisten, Geschäftemachern und größenwahnsinnigen Machtpolitikern in Berlin und Wien. Ihre Mittel sind klassisch: Rauschgift, dicke Bündel mit Geldscheinen und ein paar durchwühlte Schränke haben noch in jedem billigen Agententhriller ausgereicht, um die entsprechenden Handlanger gefügig zu machen.

Im Kino hat der Regisseur Andreas Prochaska zuletzt mit "Das finstere Tal" einen groß aufgezogenen Alpenwestern inszeniert. Auch "Das Attentat - Sarajevo 1914" zeigt einen ästhetischen Anspruch, dessen Vorbild kaum der schrille Trash von ZDF-Historienepen wie "Der Wagner-Clan" sein dürfte. Hätte er den sich ihm bietenden Stoff ebenso ernst genommen wie Kameraführung, Beleuchtung und Ausstattung, "Das Attentat" hätte ein ordentlicher Fernsehfilm werden können - doch seine Story ist nicht nur verstiegen, sondern platt.

Mag es auch erstaunlich sein, dass der Anschlag auf Franz Ferdinand gelingen konnte - fast ebenso erstaunlich ist, dass ein Film über dieses dramatische Ereignis derart misslingt.


" Das Attentat - Sarajevo 1914", Montag 28. April 2014, 20.15 Uhr, ZDF 

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