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Klassiker-Neuverfilmung: "Homeland" mit Echolot

Foto: Nik Konietzny/ Bavaria Fiction/ Sky

Neuauflage von "Das Boot" Gluck, gluck, weg sind die Guten

Muss die Neuverfilmung dieses Klassikers nicht ein Himmelfahrtskommando sein? Keineswegs. "Das Boot" bei Sky ist grimmig entschlossenes Serienfernsehen - auf der Höhe der Zeit, ohne Notausgang.

Die Luke wird geschlossen, das Boot geht auf Tauchgang, die Maschinen pumpen, Befehle dröhnen, Wasserbomben explodieren, Stahlwände vibrieren, aus der Bordtoilette springt ein Soldat mit heruntergelassener Hose und blankem Hintern. Eine Szene, wie sie dem älteren Fernsehpublikum vom Ur-"Boot" aus dem Jahr 1981 ins Gedächtnis gebrannt ist. Damals tauchte das Boot nach solchen Feindberührungen immer wieder auf, doch in der neuen Sky-Serie - sehr frei nach Motiven des Originals - geht die Szene anders weiter: Wasser dringt ein, die Mannschaft ersäuft elendig, der Zuschauer ist Sterbebegleiter.

Die erste Folge läuft gerade mal fünf Minuten, da hat das Publikum ein ganzes Schiff mit Mann und Maus untergehen sehen. Mehr noch: Es hat einen Mythos untergehen sehen. Denn die Figuren und die Bilder sind der Besatzung und der Szenenführung auf der U-96, dem Boot aus Wolfgang Petersens Original-Serie, nachempfunden. Das Untergangs-Intro ist Hommage an das Vorbild und Abgesang auf den Mythos zugleich.

Ein grimmiger Anfang. Ein guter Anfang. Er muss wohl sein bei einem 26,5-Millionen-Euro-Projekt, dem in der Branche anfänglich allgemein wenig Chancen auf Erfolg nachgesagt wurde. Warum eine Erzählung neu auflegen, die bereits Film- und Fernsehgeschichte geschrieben hat? Das reinste Himmelfahrtskommando.

Das Ur-Boot war Vorbote des Goldenen TV-Zeitalters

Petersens Männergeschichte über den U-Boot-Krieg auf dem Atlantik, gedreht konsequent aus deutscher Perspektive nach dem Logbuch-Roman des ehemaligen Kriegsberichterstatters Lothar-Günther Buchheim, dauerte ursprünglich zweieinhalb Stunden in der Kino- und fünf Stunden in Fernsehfassung. Weltweit wurde "Das Boot" gefeiert; in den USA - das vergisst man heute gerne, wenn Binge-Watcher ihre Hälse Richtung Hollywood recken - bot "Das Boot" in seiner fast wollüstigen Epik auch eine Vorlage für das ausholende Serienerzählen, das heute als "Goldenes Zeitalter des Fernsehens" gefeiert wird.

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Klassiker-Neuverfilmung: "Homeland" mit Echolot

Foto: Nik Konietzny/ Bavaria Fiction/ Sky

Weshalb also das Re-Boot? Die Frage lässt sich bestürzend einfach beantworten: Die Produktionsfirma Bavaria, die auch schon das Original hergestellt hat, hält die Rechte an dem Stoff, und als man dort die Archive durchging, um Ideen für neue Serien zu sammeln, meinte man etwas in Händen zu halten, was alleine durch den Titel auf dem internationalen Markt für Aufmerksamkeit sorgt.

Die Bavaria und Sky glaubten so sehr an die Macht der Marke "Boot", dass sie darauf verzichteten, einen deutschen Free-TV-Co-Finanzier mit an Bord zu holen - und das bei einem Projekt, das, glaubt man den Angaben der Bavaria, in Kosten pro Sendeminute gerechnet teurer als die Sky-ARD-Mammut-Produktion "Babylon Berlin" ist. Im deutschen Free-TV wird "Das Boot" erstmal nicht zu sehen sein. Ein gewagtes Kalkül, das aber offenbar aufgeht: Noch vor Ausstrahlung beim Bavaria-Produktionspartner Sky an diesem Freitag soll die Serie bereits in hundert Länder verkauft worden sein.

Was wohl auch an der pflichtschuldig modernen Neuausrichtung liegt: Das Überlebensszenario von in einem Schiffsbauch gefangenen deutschen Männer öffnet sich in einen Plot, der sowohl eine französische als auch eine weibliche Perspektive miteinbezieht. In La Rochelle, wo schon die U-96 lag und nun auch das neue Serien-Boot, die U-612, arbeiten die Frauen und die Männer der Résistance an Sabotageakten gegen die deutsche Kriegsmarine. Auf dem neuen U-Boot wird ein Spion eingeschleust.

Hier ist keiner ohne Schuld

Im Zentrum der Geschichte stehen der junge Kapitänleutnant Klaus Hoffmann (Rick Okon), der mit der U-612 sein erstes eigenes Schiff kommandiert, und die junge Deutsch-Elsässerin Simone Strasser (Vicky Krieps), die als Sekretärin mit Französischkenntnissen beim deutschen Stab anfängt und in den örtlichen Widerstand verstrickt wird. Die erste der acht Folgen ist noch nicht halb um, da sind beide Hauptfiguren schon schuldig geworden: Der "Kaleu" hat einen Deserteur vor Gericht gebracht und muss jetzt ansehen, wie dieser erschossen wird. Schreibkraft Strasser bringt aus Versehen eine Widerstandskämpferin in Gestapo-Gefangenschaft, wo diese gefoltert und verstümmelt wird.

Kurz: Die Figuren in der "Boot"-Neuverfilmung (Head-Autoren: Tony Saint und Johannes W. Betz) sind schon nach ihren ersten Auftritten ambivalenter und gebrochener als die gesamte Mannschaft der U-96 - allen unappetitlichen Sprüchen und seelischen Zumutungen zum Trotz - nach 280 Fernsehminuten.

Denn das war ja das Bemerkenswerte an Petersens Epos: Man konnte es als monströses Gleichnis auf den Schrecken des Krieges lesen, aber auch als Hymne an die Solidarität einer Männergemeinschaft, der die Amoral der Zeit in ihrem Kern nichts anhaben kann. Im Uterus-artigen Leib der U-96 trieben die Kerle in Maschinenöl und eigenen Körperausdünstungen dahin, ohne in ideologische oder ethische Konflikte verstrickt zu sein.

Die "Arschlöcher", wie sich Schöpfer Buchheim gerne rabiat ausdrückte, das waren die Herren Generäle, die an Land den Vernichtungskrieg zur See befehligten. Und das Sterben der anderen nahmen die TV-Matrosen nur durch verhallende Schreie in der Nacht nach dem Abschuss eines Feindschiffes wahr. Dann tauchte man wieder ab, fern schien der NS-Terror an Land.

Die Marke "Boot" rekapitalisieren

"Das Boot" anno 2018 (Regie: Andreas Prochaska) macht mit dieser moralischen Übersichtlichkeit jetzt Schluss. Das symbolische Versenken des Ur-Boots ganz am Anfang heißt auch: Gluck, gluck, weg sind die Guten. Die Öffnung der Erzählung in den (glaubhaften) europäischen Kontext und die Erweiterung um eine (starke) weibliche Sicht wirft ganz neue Gewissensfragen auf.

Klar, das Ineinander von Gut und Böse und die ausgereizte Freund-Feind-Überlagerung, die hier zuweilen etwas formelhaft in Szene gesetzt werden, gehorchen der handelsüblichen Struktur beim aktuellen Verkaufsschlager Thriller-Serie. Doch mag die Modernisierung auch dem kommerziellen Kalkül geschuldet sein, die deutsche Marke "Das Boot" international auszupressen - der Plot geht auf.

Gerade durch die Weitung in die Horizontale mit vielen ineinander verzahnten, unauflöslich erscheinenden Konflikten stellt sich eine etwas andere klaustrophobische Wirkung ein. Kein moralischer Notausgang weit und breit.

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