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"Das Boot" im ZDF "Fluuuuuten!"

Mit großer Fahrt in die moderne Serienwelt: Der TV-Klassiker »Das Boot« taucht mit einer zweiten Staffel auf. Die ist erzählerisch noch komplexer, leidet aber unter stilistischem Gesichtsverlust.
aus DER SPIEGEL 17/2020
Jeder macht sich schuldig: Szene aus der zweiten Staffel von »Das Boot«

Jeder macht sich schuldig: Szene aus der zweiten Staffel von »Das Boot«

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Stephan Rabold / Sky Deutschland

Die ursprüngliche Fassung dieses Textes erschien aus Anlass der Serien-Premiere bei Sky. Wir veröffentlichen diese aktualisierte Version, weil die Serie nun im ZDF und damit erstmals im Free-TV zu sehen ist.

Wenn es unübersichtlich wird im Leben, dann sehnt man sich nach Gerüchen, einer Melodie oder nach Worten, die das Gefühl von Vertrautheit wiederherstellen, eine Anbindung zulassen an bereits Erlebtes, vielleicht auch nostalgisch Verbrämtes. In der Corona-Gegenwart dürfte diese Sehnsucht jeder kennen.

Sie kann auch den Zuschauer einer Serie überfallen. Im Fall von »Das Boot« erfüllen diese Funktion mal gebellte, mal geflüsterte Befehle: »Fluuuuuten!« etwa, wenn U 612 auf Tauchgang geht; »Schleichfahrt«, »Große Fahrt«, »Kleine Fahrt« oder die geheimnisvolle Anweisung »vorne oben 15, hinten oben 10«.

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"Das Boot", Staffel 2: Im Krieg gibt es keine Helden

Foto: Stephan Rabold/ Sky

Befehle, die dem »Boot«-Publikum der ersten Stunde schon seit knapp 40 Jahren in den Ohren klingen, seit dem Start von Wolfgang Petersens Kinofilm 1981. Sie sind aber beinahe das Einzige, was in der modernen Serienversion, die nächste Woche auf dem Bezahlsender Sky in die zweite Staffel geht, noch an diese Urfassung erinnert. »Das Boot« hat sich mit Volldampf hineingeschoben in die moderne, internationalisierte Serienwelt. Definitiv große Fahrt, mit allen dazugehörigen Auswirkungen.

Die schlagen vor allem auf die Dramaturgie durch. Das Original-»Boot« folgte einem Schiff und seiner Besatzung, die Handlung als solche ließe sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Sie setzte darauf, den Zuschauer dem Geschehen so auszuliefern wie die Figuren an Bord, ihn durch intensiv eingesetzte filmsprachliche Mittel dorthin zu versetzen.

Man meinte gar, Urin, Schweiß und Diesel zu riechen. Und man identifizierte sich als Zuschauer mit der fiktiven Mannschaft. Das war äußerst effektiv, aber auch problematisch: Gut und Böse blieben sorgsam voneinander getrennt, ein Vorzeige-Nazi musste reichen, den anderen Männern drückte man die Daumen.

In die mit der zweiten Staffel mittlerweile 16 Episoden der modernen Version ist eine neue Komplexität eingezogen, und mit ihr diverse Handlungsstränge und Subplots. Petersens monolithisches Drama verwandelt sich hier in ein zersplittertes, fragmentarisches Kriegstableau, das nervös zwischen Schauplätzen hin- und herspringt. Was dort hauptsächlich über ästhetische Übersteigerung funktionierte, hat sich jetzt in einen handlungsgetriebenen Spionagethriller verwandelt.

An Bord von U-Booten spielt nur noch ein kleiner Teil der Geschichte – obwohl in der neuen Staffel gleich zwei eine wichtige Rolle übernehmen: Die neue Figur des hochdekorierten Korvettenkapitäns Johannes von Reinhartz (Clemens Schick) schippert mit einem Geheimauftrag gen USA und schmiedet dabei einen ganz eigenen Geheimplan, von dem das Flottenkommando erst spät erfährt.

Einfangen soll ihn der aus der ersten Staffel bereits als Größenwahnsinniger bekannte Kommandant Wrangel (Stefan Konarske). Durch Frankreich irrt eine der Résistance angehörige Krankenschwester mit einer jüdischen Familie auf der Suche nach einem sicheren Unterschlupf, verfolgt vom sinistren Gestapo-Mann Forster.

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Und in New York taucht der tot geglaubte U-Boot-Kapitän Hoffmann (Rick Okon) auf, der zunächst geheime Pläne an einen Unternehmer verrät, weil der ihm verspricht, ihn im Gegenzug wieder nach Deutschland zu bringen – und sich dann in einem neuen Konflikt wiederfindet, weil er sich in eine schwarze Jazzsängerin verliebt.

Für den Zuschauer gilt es also, beachtliche Verwicklungen zu durchschiffen, nicht nur der äußeren Handlungsstruktur, sondern auch der moralischen Wirrnisse: Denn in Kriegszeiten, so betont das Drehbuch von Hauptautor Colin Teevan überdeutlich, gibt es keine Helden, ein jeder macht sich schuldig – selbst dann, wenn er oder sie eigentlich das Gute will.

Insofern wäre es falsch, der Serie Geschichtsrevisionismus vorzuwerfen, wie es »Die Zeit« zum Start der ersten Staffel tat.  Dort traten amerikanische Industrielle auf, die mit dem Krieg Profit machen wollten. Doch dass die Serienschöpfer damit von der deutschen Schuld abgelenkt hätten, lässt sich nicht behaupten. Sie ordnen sie vielmehr in ein größeres Panorama ein, das der Wirklichkeit des Kriegsjahres 1942 eine erzählerische Komplexität abringen will.

Immer mehr Mini-Cliffhanger

Das allerdings gelingt der Serie nur bedingt. Deutlich leidet »Das Boot« wie andere Serien der Gegenwart daran, dass Geschichten in immer kleinteiligere Einheiten und Mini-Cliffhanger portioniert werden, sodass größere Handlungsbögen darunter zu verschwinden drohen. Dahinter steht auch die Angst vor einem Zuschauer, der angesichts eines Überangebots von Fernsehunterhaltung schnell umschaltet.

Selbst starke Stilisten wie die Regisseure Matthias Glasner (»Der freie Wille«) und Rick Ostermann (»Wolfskinder«) haben Mühe, trotzdem Akzente zu setzen. »Das Boot« ist zu einer internationalen Marke geworden, die in mehr als hundert Länder verkauft wurde. Damit geht auch ein stilistischer Gesichtsverlust einher, der nostalgisch stimmen kann.

Ab 27.12. um 20.15 Uhr im ZDF und in der ZDF Mediathek.

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