ARD-Drama um Krupp-Konzernchef Die Geisterjäger

Ein Männerfilm mit historischen Details: In "Das Geheimnis der Freiheit" spielt Edgar Selge Golo Mann, den Krupp-Chef Berthold Beitz damit beauftragte, ein Buch über die NS-Vergangenheit des Konzerns zu schreiben.
Krupp-Konzernchef Berthold Beitz (Sven-Eric Bechtolf, M.) ist ein mächtiger Mann

Krupp-Konzernchef Berthold Beitz (Sven-Eric Bechtolf, M.) ist ein mächtiger Mann

Foto: Stephan Pick/ WDR

Der eine brüstet sich damit, dass er in seinem ganzen Leben praktisch kein Buch gelesen hat. Der andere soll ihm ein Buch schreiben, für viel Geld und "egal wie kritisch". Der Film "Das Geheimnis der Freiheit" lässt im Jahr 1973 zwei grundverschiedene Männer aufeinandertreffen. Der Industriefürst Berthold Beitz macht dem Bestsellerautor Golo Mann ein Angebot, zu dem der Gefragte kaum Nein sagen kann. Geht es doch, wie die beiden Herren sich wenig später versichern, um nichts weniger als "den moralischen Neubeginn in diesem Land".

Der israelische Regisseur Dror Zahavi erzählt in seinem Film, der vom Ersten als Fernsehereignis beworben und am Mittwoch gesendet wird, von zwei Männern, die schwer an der Last der Vergangenheit tragen. Beitz, mit Silberhaarscheitel, hartem Blick und gerecktem Kinn gespielt von Sven-Eric Bechtolf, hat während der Nazizeit in der besetzten Ukraine als junger Leiter einer "kriegswichtigen" Ölfirma Hunderte Juden vor dem Tod im KZ bewahrt und brachte es nach dem Krieg zum obersten Herrn des Krupp-Konzerns. Golo Mann, den der Schauspieler Edgar Selge als immerzu skeptisch dreinschauenden Snob verkörpert, leidet auch als über 60-Jähriger noch an den Demütigungen durch seinen Vater Thomas Mann und hat nach seiner Rückkehr aus dem Exil unter anderem mit einer Wallenstein-Biografie ein großes Leserpublikum begeistert.

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ARD-Drama "Das Geheimnis der Freiheit"

Foto: Bernd Spauke/ WDR

In der Bundesrepublik der Siebzigerjahre gehören beide Männer zur Prominenz. "Das Geheimnis der Freiheit", betitelt nach einem Thukydides-Zitat ("Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut"), ist ein Männerfilm, der auf historisch verbürgten Details beruht. Den Schreibauftrag von Beitz an Mann hat es wirklich gegeben; das Buch aber ist nie erschienen. Im Auftrag des Krupp-Chefs sollte der Autor Mann ausgerechnet den Konzernlenker Alfried Krupp von Bohlen und Halbach porträtieren. Als Rüstungsindustrieller war der eine wichtige Stütze des Naziregimes. Im Film fragt Golo Mann immer wieder nach dem Grund seines Auftrags – und bekommt darauf nur ausweichende Antworten. Was dazu führt, dass der Historiker sich mehr und mehr für Beitz interessiert.

"Ich verstehe Sie nicht", sagt Mann zu seinem Sponsor. "Sie riskieren Ihr Leben, um all diese Menschen vor dem Lager zu retten, und weihen es dann einem verurteilten Kriegsverbrecher?" Der Regisseur Zahavi, der in Berlin lebt, zeigt Beitz und Mann bei Spaziergängen durch den Park der Essener Villa Hügel, beim Tafeln in edlen Salons und bei einer Zufallsbegegnung auf der Aussichtsplattform eines Flughafens. Die wenigen Frauen, die ins Bild kommen, präsentieren gern Miniröcke und einen absurd unterwürfigen Augenaufschlag. Zwei Journalistendarsteller, die in den Rollen angeblicher SPIEGEL-Reporter am Anfang des Films in einem Sylter Restaurant herumlungern, wirken wie zerzauste Neffen von Stan und Ollie.

Geister und Phantome

Als Zeitreise in die Siebzigerjahre ist "Das Geheimnis der Freiheit" ein Kostümfilmspaß mit adrett gekleideten Protagonisten. Ein ernsthafteres Vergnügen ist es, den Schauspielern Selge und Bechtolf beim Duell zweier zunehmend voneinander faszinierter Herren zuzusehen. Über sieben Jahre schleppen sich Golo Manns Schreibarbeiten hin. In nächtlichen Telefongesprächen tauschen sich die Männer über die Geister und Phantome aus, die ihnen in Tagträumen erscheinen. Immer wieder sieht man Bechtolfs Beitz ins Leere starren, weil er stets dieselbe Erinnerungsszene halluziniert, in der eine junge Jüdin mit zwei Koffern in den Händen sich auf dem Weg ins Vernichtungslager nicht von ihrer Mutter trennen lassen wollte. Der Kitsch dieser Rückblicksbilder dient Zahavi dazu, sich einen eigenen Reim auf die Motive des zeitlebens verschlossenen, 2013 im Alter von 99 Jahren verstorbenen Krupp-Lenkers Beitz zu machen.

"Wenn Sie das gesehen haben, dann wollen Sie so viel Macht, wie Sie nur haben können", behauptet Beitz im Film einmal. In den stärksten Momenten deutet sich an, dass "Das Geheimnis der Freiheit" mehr sein will als bloß eine Hagiografie großer Männer. In einem Nebensatz spricht Beitz aus, warum er sich gerade den Autor Mann ausgesucht hat. Der Historiker hat anlässlich eines Jubiläums in der Chemiefirma Degussa eine Festrede gehalten – und Beitz rühmt ihn dafür, dass er nicht "alle dunklen Kapitel über die Degussa aufgeschlagen" habe, etwa "das über Zyklon B". Mit Zyklon B, hergestellt von der Degussa-Tochter Degesch, wurden in Auschwitz Abertausende KZ-Häftlinge ermordet. Haben es die beiden Helden dieses Films in der Bundesrepublik vielleicht nur deshalb so weit gebracht, weil sie sich entschieden haben, über die schlimmsten Schrecken der Vergangenheit weitgehend zu schweigen, weil es allein galt, "an der Zukunft zu arbeiten", wie Beitz es bei Zahavi formuliert?

Im Film ist Golo Mann in den Siebzigerjahren gerade zum ersten Mal zu Gast in der Villa Hügel, als Berthold Beitz einen Anruf aus Israel erhält. Er soll in der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem als Retter und "Gerechter unter den Völkern" geehrt werden. Weil er den Rummel in der deutschen Öffentlichkeit fürchtet, braucht Beitz 17 Jahre, bis er wirklich nach Israel fährt und die Ehrung annimmt. Der moralische Neubeginn im Nachkriegsdeutschland war ein langwieriges Projekt.

"Das Geheimnis der Freiheit", läuft am Mittwoch (15. Januar) in der ARD, der Film ist auch in der ARD-Mediathek abrufbar.