Das Jahrzehnt der TV-Serien Immer schön der Reihe nach

Fernsehserien galten lange als zweitklassiges Entertainment. In den letzten zehn Jahren haben sie sich jedoch vom Medientrash zur Kunstform gemausert. Dazu bieten sie feinste Unterhaltung. Wie das geht? Eine Reihe Überlegungen.

AP / Courtesy of Showtime

Laut Statistik haben wir im vergangenen Jahrzehnt wieder reichlich Lebenszeit vor dem Fernseher verbracht. Dass die Glotze in den Nullerjahren ein Leitmedium blieb, lag ohne Zweifel auch an der Begeisterung für neue Serienformate. Dabei entbehrt es nicht einer feinen Ironie, dass in einer Dekade des populistischen, oft tumben Antiamerikanismus, der erst mit der Wahl Barack Obamas nachlassen sollte, gerade innovative Prime-Time-Programme aus den USA unsere Sehgewohnheiten nachhaltig veränderten.

Was per Sender oder DVD aus den Staaten auf die hiesigen Bildschirme gelangte, hat nicht nur das individuelle und gesamtkulturelle Verständnis von TV-Fiktion, sondern auch die Möglichkeiten des Erzählens, ja das Medium selbst neu definiert. Jeder Zuschauer hat hierzu selbstverständlich seine ganz eigene Konsumgeschichte zu erzählen. Deshalb - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - sieben subjektive Anmerkungen zu zehn folgenreichen Fernsehjahren zwischen Flimmern und Rauschen.

1. Keine Stunde null auf der Mattscheibe: TV-Fiktion zwischen Kontinuität und Innovation

Immer wenn von einer Revolution im Fernsehen gesprochen wird, ist Vorsicht geboten. Denn schon allein aus ökonomischer Notwendigkeit heraus scheut das Medium Radikalität und möchte Bewährtes konservieren. Und wenn das nicht funktioniert, dann wird eben eifrig kopiert. Möglichst endlose Fortsetzung ist das Prinzip der Serienproduktion, und so prägen Kontinuitäten und Klone einen Großteil des Programms.

Mal von Dauerbrennern wie den "Simpsons" ganz zu schweigen, ragten zahlreiche erfolgreiche Programme weit in die Nullerjahre hinein. Als etwa mit dem Verschwörungsmarathon "X-Files" und Joss Whedons Popkulturdrama "Buffy the Vampire Slayer" zwei stilbildende Serien der Neunziger im neuen Jahrtausend endeten, galt es eine Lücke zu füllen. Unter dem Überbegriff "Mystery" wurde daher allerhand Übernatürliches auf den Markt gebracht, und auch der Posten einer weiblichen Heldin war seit Buffys Abgang vakant. "Tru Calling", "Dead Like Me", "Medium", "Ghost Whisperer" und etliche weitere Kreationen folgten mit wechselndem Erfolg. Und im Falle der immens populären "Friends" versuchte man mit "Joey" lieber gleich einen offiziellen Spin-Off der Sitcom, der jedoch mangels Ideen und Interesse schnell abgesetzt wurde.

Dennoch gilt im Serienalltag: Die wirklichen TV-Neuerungen der vergangenen zehn Jahre entstanden zumeist aus kühnen Umdeutungen des Bekannten - und nahezu jede gelungene Serienschöpfung zog vergessenwürdige Plagiate nach sich.



insgesamt 73 Beiträge
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DJ Doena 02.01.2010
1. Gedankensturm
Ich bin ein sich outender Serienjunkie und auch ich muss sagen, dass das vergangene Jahrzehnt ein Hochfest für Serien gewesen ist. Hier mal einige Betrachtungen, die ich angestellt habe: Gute Serien und deutsches TV - Ein Widerspruch in sich? (http://doena-journal.net/251/gute-serien-und-deutsches-tv-ein-widerspruch-in-sich) Was spricht eigentlich gegen Synchro? (http://doena-journal.net/314/was-spricht-eigentlich-gegen-synchro) Ein TV-Junkie, der kein TV (mehr) guckt? (http://doena-journal.net/317/ein-tv-junkie-der-kein-tv-mehr-guckt) http://doena-journal.net/327/technologie-uberdosis
arnidee, 02.01.2010
2. strictly american?
Zitat von sysopFernsehserien galten lange als zweitklassiges Entertainment. In den letzten zehn Jahren haben sie sich jedoch vom Medientrash zur Kunstform gemausert. Dazu bieten sie feinste Unterhaltung. Wie das geht? Eine Reihe Überlegungen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,669549,00.html
Ich weiß: sie sind einfach besser! Das ist zumindest die stete Antwort auf meine Frage, was denn bitteschön an den amerikanischen Fernsehserien so toll sei. Möglicherweise fehlt mir da ein Gen, aber ich vermag das nicht zu erkennen. Die TV-Serien sind überwiegend langweilig, weil immer vorhersehbar im Plot, i.d.R. mit Abziehbildern besetzt und vor allem für hiesige Zuschauer ohne große Relevanz. Ja, auch ich finde Dr. House oder Monk mal ganz witzig. Mehr als diese Reaktion löste aber bei mir z.B. KDD aus. Das derlei hierzulande so selten passiert, mag am Geld liegen, mglw. aber einfach auch an der 'sie sind einfach besser-Mentalität' im Einkauf ....
humble_opinion 02.01.2010
3. Twin
Ca. 90 Prozent der Sewrien finde ich schrott, freundlicher ausgedrückt: sie unterhalten mich nicht. Doch es gibt zum Glück Ausnahmen. Erstes beglückendes Serienerlebnis, damals war ich 11-12 Jahre alt, war natürlich Raumschiff Enterprise. Klar, heute lache ich über die billige Studioausstattung und den Nebendarsteller, der meist pro Folge draufgeht. Aber war schon klasse. _Die_ Serie schlechthin für mich war 'Twin Peaks', eine Mischung aus Crime, Mystery und Drama. Wer sie aufgrund der Gnade der späteren Geburt noch nicht kennt: DVDs kaufen! Von den heutigen Serien mag ich 'Monk' sehr gerne. Hauptdarsteller und gespielte Person empfinde ich als sehr warmherzig und mag die Folgen im 45-Min-Format, die bisweilen sogar interessant sind. Die anderen Hauptdarsteller runden das Feeling ab. Dr. House ist bisweilen unterhaltsam und hat teilweise recht gute Dialoge. Scheint mir aber langsam auszufransen. Gilt LEIDER auch für Stromberg. Ich mag dieses sog. Fremdschämen, auch wenn ich mich erst daran gewöhnen musste. Witzige Entdeckung war 'Still standing', das in einer Ewigschleife auf RTL II zu laufen scheint. Und - okay, ich mag's spannend - natürlich ist '24' super. Auch wenn dieselbe Geschichte immer wieder variiert erzählt wird. Aber Machart, Tempo suchen schon ihresgleichen. Und Sutherland macht einen 'Bombenjob'. Wenn Serienmacher die Möglichkeit des Formates nutzen können, haben sie viel mehr Möglichkeiten, den Charakteren nach und nach eine Tiefe zu geben. Das kommt im Film leider oft zu kurz. Daher wohl auch dies gefühlte ewige "das Buch war besser". Alles in allem schaue ich inzwischen lieber die eine oder andere Serie als einen Spielfilm.
Schulzy 02.01.2010
4. deutsche Serien meist nur weitere Kopie
Zitat von arnideeIch weiß: sie sind einfach besser! Das ist zumindest die stete Antwort auf meine Frage, was denn bitteschön an den amerikanischen Fernsehserien so toll sei. Möglicherweise fehlt mir da ein Gen, aber ich vermag das nicht zu erkennen. Die TV-Serien sind überwiegend langweilig, weil immer vorhersehbar im Plot, i.d.R. mit Abziehbildern besetzt und vor allem für hiesige Zuschauer ohne große Relevanz. Ja, auch ich finde Dr. House oder Monk mal ganz witzig. Mehr als diese Reaktion löste aber bei mir z.B. KDD aus. Das derlei hierzulande so selten passiert, mag am Geld liegen, mglw. aber einfach auch an der 'sie sind einfach besser-Mentalität' im Einkauf ....
Ich muss zwar gestehen, dass ich KDD nicht gesehen habe und daher nicht beurteilen kann, aber in den meisten Fällen musste ich feststellen das gerade die deutschen Serien nur der x-te abklatsch einer US-Serie mit geringerem Budget sind, was man auch merkt.
dent42 02.01.2010
5. Re:
Während hierzulande qualitativ hochwertige Serien eher glückliche Einzelfälle sind, hat Hollywood davon dutzende in den letzten Jahren hervorgebracht. Selbst Durchschnittsware aus Übersee ist meisstens deutlich besser als die Highlights hierzulande. Höhere Reichweiten, bessere Infrastruktur, flexiblere Sehgewohnheiten der Zuschauer dank TiVO, Netflix, Hulu etc., Armeen von Drehbuchautoren uns Showrunnern, ein erfolgreiches Pay-TV system, und ein Budget pro Staffel das für 5-10 europäische Filme reicht. Das die Amis hochwertiges am Fließband produzieren ist kein Wunder, mit denen sollten wir uns nicht messen. Es reicht völlig sich an den Briten zu orientieren, die ein vergleichbareres System aus privatem und ÖR Fernsehen haben. Was die BBC an (Mini-)Serien produziert - und das mit z.T. relativ geringem Budget sollte jedem deutschen Intendanten die Schamesröte ins Gesicht treiben, da fällt mir ein wieso wurde eigentlich "Doctor Who" (http://free.videoload.de/c/17/86/09/30/17860930) nicht erwähnt, bemerkenswerte Serie, sogar noch besser als das meisste aus den USA. http://www.sablog.de/2009/12/31/die-besten-serien-der-dekade-2000-2009/
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