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27. Dezember 2014, 11:57 Uhr

"Das TalkGespräch" von Olli Dittrich

Einer für alles

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Jeden Tag dieselben öden Gespräche, dasselbe öde Fernsehprogramm, dieselbe öde Talkshow. Es wäre zum Verzweifeln, gäbe es nicht, an besonderen Tagen, kleine Herrlichkeiten zu sehen. Heute ist so ein Tag: Olli Dittrich und das Erste schenken uns "Das TalkGespräch".

Die typische Talksendung ist ein industriell gefertigtes Kunstprodukt. Abend für Abend begrüßt ein hocherfreuter Moderator in seiner Runde solche, die gerade ein Buch geschrieben, einen TV-Film gedreht oder eine angeblich besondere Geschichte zu berichten haben. Man sitzt im Halbkreis. Der Moderator heuchelt Interesse an den Gästen, die Gäste heucheln Interesse aneinander. Eine Dreiviertelstunde lang wird Kommunikation simuliert, dann freut sich der Moderator über den gelungenen Abend und auf die nächste Sendung, in der wieder solche sitzen werden, die gerade ein Buch geschrieben, einen TV-Film gedreht oder eine angeblich besondere Geschichte zu erzählen haben.

Sichtbar sinnlos

Dieses nimmer endende, immer gleiche Ritual ist an sich bereits sinnlos, aber seine Sinnlosigkeit versteckt sich unter dem Firnis der eingeübten Wahrnehmung des Mediums: Was im Fernsehen geredet wird, hat Relevanz, weil es im Fernsehen geredet wird. Wer hier sitzt und spricht, muss etwas getan, geleistet haben, das ihn dazu berechtigt, im Fernsehen zu sprechen.

In "Das TalkGespräch" macht Olli Dittrich die Sinnlosigkeit sichtbar. Er entkernt die herkömmliche Talksendung, entfernt den Moderator, die Gäste, die Bücher, Produkte und Geschichten. Zurück bleibt ein Gerüst aus Floskeln, Phrasen und Gesten, das Olli Dittrich mit sich selbst befüllt. Er spielt jeden Gast:

Diese Figuren, unterstützt durch akribisch angebrachte Ausstattung, Maske und Kostüm, ergeben im Ensemble ein wohldosiert verzerrtes Spiegelbild der ewigen Talkshow-Gästeliste. Alles stimmt, bis ins Detail, auch das jeweilige Gelaber im jeweiligen Jargon. Olli Dittrich schlüpft in seine Charaktere wie in Hüllen. Er ist dann diese Figur, deshalb ist er so überzeugend, kann gleichzeitig todernst und hochkomisch wirken.

Der in Rolle befindliche Dittrich imaginiert dabei die jeweils anderen Rollen, die er gerade nicht spielt, und bezieht sie in sein Spiel ein, oft subtil mit präzise gesetzten Blicken. Am Computer wurden seine einzelnen Auftritte zusammengefügt, in einem, wie die WDR-Pressestelle schreibt, so noch nie eingesetzten, aufwendigen Verfahren.

Nur die Rolle des Moderators hat Olli Dittrich nicht übernommen. Die Gastgeberin spielt Cordula Stratmann, seine Partnerin auch schon im "Frühstücksfernsehen". So hat sein Spiel ein Gegenüber: Stratmann bei Dittrich ist vergleichbar mit Hamann bei Loriot oder Schneeberger bei Polt.

Das Fernsehschaffen dieser großen Künstler ist abgeschlossen und hat seinen Platz in der deutschen TV-Geschichte. Ihrem Kollegen Olli Dittrich jedoch dürfen wir bei der fortgesetzten Entstehung seines Werkes hoffentlich noch oft und lange zusehen.


"Das TalkGespräch", Samstag, 27.12., 23.15 Uhr, Das Erste

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