ARD-Serie über Crystal Meth in der Provinz Breaking Bayern

In seiner ersten TV-Serie zeigt Kinoregisseur Hans-Christian Schmid die bayerische Provinz als Ort der Lebenslügen und Meth-Schnüffler. "Das Verschwinden" überzeugt nicht gleich, aber Geduld wird belohnt.

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Janine wird 21, Mutter Michelle kommt mit Kuchen zu Besuch. Fröhliche Geburtstagsstimmung will allerdings nicht aufkommen. Michelle ist stinksauer. Kurz zuvor hat sie durch Zufall erfahren, dass Janine ihren Bürojob bei einem Bauunternehmer gekündigt hat. Jetzt schwirren statt Luftschlangen bittere Vorwürfe durch den Raum. Dabei ahnt Michelle nicht mal ansatzweise, was wirklich los ist bei Janine. Dass sie eine Lieferung von einem Viertelkilo Crystal Meth erwartet, zum Beispiel.

Und dass sie in dieser Nacht verschwinden wird.

"Das Verschwinden" ist die erste Fernsehserie von Kinoregisseur Hans-Christian Schmid, der mit Filmen wie "Crazy", "Nach fünf im Urwald" und "Was bleibt" reihenweise Kritiker- und Filmpreise einsammelte. Für gute Laune waren diese Arbeiten weniger bekannt, und auch das Krimi-Drama, das Schmid nun in der bayerischen Provinz ausbreitet, taucht in gleich mehrere Familienhöllen ein.

Die Mini-Serie belegt allerdings auch: Eine längere Laufzeit bedeutet nicht zwangsweise größere Tiefe. In den sechs Stunden, die das Erste in vier Mal 90 Minuten ausstrahlt, wuchert die Geschichte eher immer mehr in die Breite, während sie doch an der Oberfläche bleibt.

Es geht um die Krankenpflegerin Michelle (Julia Jentsch), Ende 30, alleinerziehende Mutter einer Siebenjährigen, die ihre wie vom Erdboden verschluckte ältere Tochter Janine (Elisa Schlott) sucht. Die Polizei der Kleinstadt Forstenau interessiert sich mehr für die Drogen, die sie in ihrem Auto findet, denn die Gegend wird von Crystal Meth überschwemmt, das über die tschechische Grenze kommt.

Überhaupt: Vielleicht hatte Janine einfach nur genug und ist abgehauen, meint der eine ermittelnde Beamte; der andere ist zwar einfühlsamer, aber nicht effektiver. Also macht sich Michelle selbst auf die Suche nach ihrer Tochter, hängt am Vietnamesenmarkt auf der anderen Seite der Grenze Suchanzeigen auf, spricht mit Janines Freundinnen Manu (Johanna Ingelfinger) und Laura (Saskia Rosendahl). Sie findet heraus, dass alle drei Kontakt zu Tarik (Mehmet Atesci) hatten, der im Ort mit Meth dealt.

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Mini-Serie "Das Verschwinden": Die Lügen hören nicht auf

Jeder hier ist beschäftigt damit, Abgründe und Geheimnisse zu vertuschen. Bauunternehmer Essmann (Sebastian Blomberg) die Drogensucht seiner Tochter Manu; der Vater von Laura seine finanzielle Schieflage; Michelle selbst hat Janine nie erzählt, wer ihr Vater ist, und droht nun auch noch ihre kleine Tochter zu verlieren.

Lügen und verdrängter Seelenschmerz, das Leben ein Wegducken vor den eigenen Fehlern - thematisch bleibt Hans-Christian Schmid mit "Das Verschwinden" ganz bei sich. Auch auf der Ebene der Bildsprache mit einer Handkamera, die nah an den Figuren bleibt, aber auch für Enge sorgt. Den Bildern in herbstlichen Grau- und Brauntönen, denen die Farbe wie entzogen erscheint.

Meth als Metapher

Schmids genauer Blick allerdings, der Milieus präzise erfasst und tief in Lebenswirklichkeiten eindringt, er macht hier einer bräsigen Fernsehdramaturgie Platz. Das beginnt damit, dass in dieser bayerischen Provinz beinahe niemand Dialekt spricht, und setzt sich fort mit Figuren, die dem Zuschauer fern bleiben, weil sie zu Klischees erstarrt sind: Der "Dorftürke", der sich nicht integriert fühlt, der Frust des armen Arbeiters, die kalte Arroganz des Bauunternehmers, der gute Cop und der schlechte Cop.

Besonders frustrierend ist, dass Schmid die Bruchkanten zwischen den Generationen nicht vermisst, dass der Abgrund des Schweigens zwischen Eltern und Kindern nur Behauptung bleibt. In "Das Verschwinden" soll die Crystal-Meth-Seuche zur Metapher dafür herhalten, dass die Erwachsenen keinen Plan haben, was bei ihren Kindern passiert. Und die ballern sich das Zeug in die Nase, weil sie nicht wissen, wie sie sonst gegen ihre Eltern aufbegehren sollen.

Dieses Bild ist schief. Meth ist eine entlang der tschechischen Grenze mittlerweile alltägliche Droge, die sich in allen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen ausbreitet. Die das junge Partyvolk genauso konsumiert wie die Hausfrau, der Top-Manager. Das da tatsächlich etwas schiefläuft, nutzte die große Bayern-Saga "Hindafing" dieses Jahr schon für eine tolldreiste, demaskierende Räuberpistole. Schmids Ansatz des Generationendramas wirkt dagegen statisch und betulich.

Die Lügen hören nicht auf

Er ist aber eben auch ein Regisseur der leisen Töne. Und er belohnt die Zuschauer, die über genug Geduld verfügen, bis zur letzten Folge dabeizubleiben. Dann verdichtet sich "Das Verschwinden" unerwartet doch noch zu einer großen Erzählung über innere Dämonen und das Unvermögen, glücklich zu sein.

Einfach, indem Schmid beharrlich beobachtet, wie sich die Figuren immer weiter hineinreiten in ihre Misere. Wie die Einsicht auf Besserung immer wieder in ihnen aufscheint und letztlich doch versiegt. Wie sie die Chance auf einen Neuanfang ergreifen und doch wieder loslassen.

Wie die Lügen einfach nicht aufhören. Bis zum bitteren und gnadenlos konsequenten Ende, dessen ohrenbetäubende Stille lange nachhallt.


"Das Verschwinden", ARD, Sendetermine:
So, 22.10. | 21:45 Uhr
So, 29.10. | 21:45 Uhr
Mo, 30.10. | 21:45 Uhr
Di, 31.10. | 21:45 Uhr

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Seite 1
virpoliticus 22.10.2017
1. Man kann es auch deutlicher sagen als O. Kaever in diesem Beitrag
Schmid ist der typische Kritiker-Liebling, so ein dauersubventionierter "anspruchsvoller" Regisseur, der in Wahrheit nur ein- oder zweimal einen guten Film zustande brachte. Ist aber auch schon rund 20 Jahre her. Aber seitdem kann er machen, was er will – es wird ja immer gefördert, ob das Ergebnis nun am Ende 20 oder 200.000 Zuschauer hat. Bei dieser neuen Serie geht es offenkundig wieder mal um fade Gesellschaftskritik von vorgestern: die schreckliche Provinz mit ihren "Abgründen", die verlogene "Familienhölle", die arme Jugend, die nicht mehr rebellieren kann... Man fragt sich, in welcher Welt diese Filmschaffenden leben. Und woher eigentlich der Drang kommt, deutsches (Familien-)Leben immer so krank und kaputt wie möglich darzustellen.
doitwithsed 22.10.2017
2.
Die Kritik entspricht den Erwartungen, die ich regelmäßig selbst von deutschen ÖR-finanzierten "Fernsehereignissen" habe. Selbst in höchsten Tönen gelobte Reihen wie Hindafing waren zwar besser, als der übliche dramaturgische Einheitsbrei, der in voller Bräsigkeit sonst so dargeboten wird, aber selbst diese Spitze ist bestenfalls Mittelmaß im Vergleich zu skandinavischen oder amerikanischen Serien. Ich denke nicht, dass ich mich sieben von acht Folgen langweilen lasse, damit ich mir in der letzen Folge ein "naja, diese Folge war ja ganz nett" abringen kann.
DieHappy 22.10.2017
3.
Zitat von virpoliticusSchmid ist der typische Kritiker-Liebling, so ein dauersubventionierter "anspruchsvoller" Regisseur, der in Wahrheit nur ein- oder zweimal einen guten Film zustande brachte. Ist aber auch schon rund 20 Jahre her. Aber seitdem kann er machen, was er will – es wird ja immer gefördert, ob das Ergebnis nun am Ende 20 oder 200.000 Zuschauer hat. Bei dieser neuen Serie geht es offenkundig wieder mal um fade Gesellschaftskritik von vorgestern: die schreckliche Provinz mit ihren "Abgründen", die verlogene "Familienhölle", die arme Jugend, die nicht mehr rebellieren kann... Man fragt sich, in welcher Welt diese Filmschaffenden leben. Und woher eigentlich der Drang kommt, deutsches (Familien-)Leben immer so krank und kaputt wie möglich darzustellen.
Über Geschmack kann man nun mal nicht streiten. Allerdings scheinen sie, angesichts seiner Anzahl von Auszeichnungen unterschiedlichster Couleur und auch Erfolge im Kino, eher den verquasten Geschmack zu haben. Ist ihnen vermutlich alles zu "links-grün ...." na sie wissen schon. Und um was es "offenkundig" geht, sollte man besser erst beurteilen, wenn man etwas gesehen hat. Vielleicht sollten sie sich in ihrer Film Kritik Werken zuwenden die ihnen näher sind. Eher so eine Produktion aus dem Dunstkreis Götz Kubitschek, oder eine gepflegte Riefenstahl Produktion.
DieHappy 22.10.2017
4.
Zitat von virpoliticusSchmid ist der typische Kritiker-Liebling, so ein dauersubventionierter "anspruchsvoller" Regisseur, der in Wahrheit nur ein- oder zweimal einen guten Film zustande brachte. Ist aber auch schon rund 20 Jahre her. Aber seitdem kann er machen, was er will – es wird ja immer gefördert, ob das Ergebnis nun am Ende 20 oder 200.000 Zuschauer hat. Bei dieser neuen Serie geht es offenkundig wieder mal um fade Gesellschaftskritik von vorgestern: die schreckliche Provinz mit ihren "Abgründen", die verlogene "Familienhölle", die arme Jugend, die nicht mehr rebellieren kann... Man fragt sich, in welcher Welt diese Filmschaffenden leben. Und woher eigentlich der Drang kommt, deutsches (Familien-)Leben immer so krank und kaputt wie möglich darzustellen.
Über Geschmack kann man nun mal nicht streiten. Allerdings scheinen sie, angesichts seiner Anzahl von Auszeichnungen unterschiedlichster Couleur und auch Erfolge im Kino, eher den seltsamen Geschmack zu haben. Ist ihnen vermutlich alles zu "links-grün ....". Und um was es "offenkundig" geht, sollte man besser erst beurteilen, wenn man etwas gesehen hat. Vielleicht sollten sie sich in ihrer Film Kritik Werken zuwenden die ihnen näher sind.
third_space 22.10.2017
5. Förderkultur
Zitat von DieHappyÜber Geschmack kann man nun mal nicht streiten. Allerdings scheinen sie, angesichts seiner Anzahl von Auszeichnungen unterschiedlichster Couleur und auch Erfolge im Kino, eher den verquasten Geschmack zu haben. Ist ihnen vermutlich alles zu "links-grün ...." na sie wissen schon. Und um was es "offenkundig" geht, sollte man besser erst beurteilen, wenn man etwas gesehen hat. Vielleicht sollten sie sich in ihrer Film Kritik Werken zuwenden die ihnen näher sind. Eher so eine Produktion aus dem Dunstkreis Götz Kubitschek, oder eine gepflegte Riefenstahl Produktion.
Als selber "links-grün Versiffter" bin ich der Meinung, dass man die Förderpraxis im deutschen Kulturbetrieb durchaus kritisieren kann und darf. Gerade der öffentliche Rundfunk fördert da viel zu oft stromlinienförmiges Pseudo-"Arthouse"-Filme, die sich risikolos in das eigene festgefahrene Formatschema einpassen lassen (ich sage nur: Tatort...). Einem Regisseur wie Schmid, der großartige und künstlerisch sehr eigenständige Filme wie "23", "Lichter" und "Requiem" geschaffen hat, würde ich auf jeden Fall wünschen, dass er es nicht nötig hat, sich den Betonköpfen im öffentlichen Betrieb anzupassen. Aber man kann sich ja nicht alles angucken, was die Glotze und das Internet zu bieten hat, und anhand der Rezension würde ich mir die Lebenszeit jetzt auch lieber sparen...
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