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"Das weiße Kaninchen": Von Kuscheltieren und Monstern

Foto: SWR/ Andreas Wünschirs

ARD-Krimi über Cybergrooming Virtuell verführt, real missbraucht

Vorsicht vor dem Medienpädagogen! Die ARD-Produktion "Das Weiße Kaninchen" zeigt, wie sich ein Lehrer im Netz Mädchen gefügig macht. Ein krasser, ein kluger Film über das Phänomen Cybergrooming.

Es gibt Themen, die wehren sich mit Händen und Füßen gegen eine Umsetzung als abendfüllender Spielfilm. Cybergrooming ist so eines. So relevant das Phänomen der digitalen Anbahnung sexueller Gewalt auch sein mag - ein dankbares Sujet ist es nicht. Schon weil alle Darstellungsprobleme auf zwei Fragen zusammenschnurren: Was zeige ich? Wie zeige ich es?

Der ARD-Film "Das weiße Kaninchen", der am Mittwoch in der ARD Premiere feiert, beantwortet diese Fragen auf beeindruckende Weise. Er zeigt alles. Und er zeigt es auf eine Weise, wie man es im deutschen Fernsehen nur selten zu sehen bekommt. Ein Glücksfall.

Der Gymnasiallehrer Simon Keller ist ein Medienpädagoge, wie man ihn sich nur wünschen kann. Hemdsärmelig, kompetent und zupackend klärt er seine Schüler über Gefahren auf, die im Netz landen können: "Versteht mich nicht falsch, ich will das Internet nicht verdammen. Ich will euch nur bewusst machen, dass dort Jäger unterwegs sind. Und wenn ihr nicht aufpasst, seid ihr vielleicht die Beute."

Sara ist 13 Jahre alt und erfüllt vom dröhnenden Verlangen, endlich wahrgenommen zu werden. Beispielsweise von einem dieser netten Jungs mit den verhuschten Windfrisuren. Als Papa ihr seinen alten Laptop überlässt, kann es endlich losgehen. Das harmlose Chatten, das Kennenlernen …und vielleicht trifft man sich mal auf ein Eis oder so?

Sara ist eine Beute, wie Jäger sie sich nur wünschen können. Da ist ein süßer Kevin mit verhuschter Windfrisur, der schüchtern tut, Hermann Hesse zitiert und auch beim ersten Treffen "in echt" zu ideal erscheint. Und dann ist da noch Benny, von dem Sara nicht mehr sieht als sein Symbolbild - ein weißes Kaninchen mit roten Augen.

Kevin entpuppt sich rasch als Jäger. Der junge Mann bahnt Kontakte zu unsicheren Mädchen an, presst ihnen Nackfotos ab, um sie endlich zu sexuellen Handlungen zu verleiten, die er wiederum filmt und an seine Kundschaft vertickt. Sara geht in die Falle, und als sie keinen Ausweg mehr weiß, vertraut sie sich dem "weißen Kaninchen" Benny an. Hinter aber Benny verbirgt sich - Simon Keller.

Engagierter Lehrer, brutaler Krimineller

Devid Striesow spielt diesen Simon Keller mit zwei, vielleicht sogar drei Gesichtern. Als perfekt getarnte Existenz in vermeintlich glücklicher Ehe mit einer Chirurgin und Tochter im "kritischen Alter", ein engagierter Lehrer, der auch mal der Kollegin im Turnunterricht aushilft; als zerquälter Triebtäter, der mit sich ringt und noch in der Turnhalle beim Anblick der Mädchen sich selbst befriedigt; als manipulativer und brutaler Krimineller.

Regisseur Florian Schwartz, der 2014 das aberwitzige, kunstvolle "Tatort"-Meisterwerk "Im Schmerz geboren" mit Ulrich Tukur in Szene gesetzt hat, zeigt alles. Er zeigt sogar Kinderpornografie bis kurz vor der Schmerzgrenze - denn er vertraut seinen Bildern. Ein Chat bedeutet hier nicht, dass Menschen mit verschwitzten Fingern auf Tastaturen tippen. Ein Chat wird so gezeigt, wie er sich für die Beteiligten anfühlen mag. Saras Kinderzimmer glüht in warmen Farben, erhält sie Anerkennung aus dem Netz. Und "unterhält" sie sich mit Kevin, sitzen beide mit Tiermasken in einem virtuellen Raum. David Lynch lässt grüßen.

Im Chat mit dem "weißen Kaninchen" sitzen sich Sara und Simon Keller unter Sternen gegenüber, getrennt nur durch die leuchtende Membran des Bildschirms, und reden direkt miteinander - ohne sich wirklich zu erkennen. Eine poetischere Metapher für Kommunikation bei verschleierten Identitäten ist kaum denkbar. Und umso schockierender wirken die verwackelten Bilder, die Kameramann Philipp Sichler für das benachbarte Grauen gefunden hat.

Zur eloquenten Bildsprache gesellt sich ein Drehbuch (Michael Proehl und Holger Karsten Schmidt), das an keiner Stelle ins Belehrende kippt, das heikle Thema auch nie der Spannung opfert. Der Zuschauer weiß immer mehr als die Figuren, ohne die nächste Wendung ahnen zu können. Die Polizei kommt - in Form einer Einheit für Cybergrooming - erst nach halber Strecke ins Spiel. Da hat sich Simon Keller bereits als Vertrauenslehrer an die verzweifelte Sara (perfekt besetzt mit Lena Urzendowsky, dem jungen Publikum aus "Bibi & Tina" bekannt) herangemacht und ihr Problem mit Kevin gelöst, dem die Polizei bereits auf der Spur war.

Keller kann dem Kommissar (Shenja Lacher) weismachen, dass er sich als Medienpädagoge nur deshalb online als Benny ausgegeben hat, um Mädchen wie Sara zu helfen. Erst als der Kommissar beim Studium der Chatprotokolle von Keller auf einen Satz stößt, der ihn an einen ungeklärten früheren Fall erinnert, beschleunigt "Das weiße Kaninchen" - und verwandelt sich auf den buchstäblich letzten Metern noch in einen dramatischen Thriller. Mit krassem Finale.

Und einem offenen Ende, das ohne Sandra Maischberger gleich im Anschluss kaum auszuhalten wäre. Thema: "Tatort Internet: Ein Spielplatz für Sexualverbrecher?"


"Das weiße Kaninchen", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD (Im Anschluss gibt es eine Ausgabe von Sandra Maischberger zum Thema)