Alexander Kühn

ZDF löscht Böhmermann-Video Den Narren nicht verstanden

Das ZDF hat Jan Böhmermann zensiert. Das war ziemlich unsouverän.
Moderator Böhmermann (Archivbild)

Moderator Böhmermann (Archivbild)

Foto: ZDF/ Ben Knabe

Jede Institution tut gut daran, sich ihren Hofnarren zu halten. Je biederer und farbloser sie ist, desto mehr kommt der hauseigene Kasper zur Geltung. Am Ende wirkt sie dadurch selbst ein bisschen bunt.

Beim ZDF macht diesen Job der Satiriker Jan Böhmermann, und er macht ihn ziemlich gut. Böhmermann führte die Nation an der Nase herum mit der Behauptung, ein Video, in dem der griechische Politiker Yanis Varoufakis den Stinkefinger zeigt, sei in Wahrheit eine Fälschung seiner Redaktion. Er produzierte ein aufwendiges Video im Rammstein-Stil, in dem er Fremdenfeindlichkeit verurteilt. Er tritt immer mal wieder als "Adi" Hitler auf und lästert auch über Sendergesichter wie Helene Fischer oder Johannes B. Kerner.

Im ansonsten nicht sonderlich frechen ZDF-Programm durfte er sich alles erlauben, die Oberen ließen ihn gewähren wie nachsichtige Eltern ein ungezogenes, aber hochbegabtes Kind, mit Stolz, bisweilen vielleicht unter Schmerzen. Bis zu diesem Freitag, dem 1. April, dem Weltscherztag, an dem sich ja eigentlich alle alles leisten dürften. Wie das ZDF am Nachmittag bekannt gab, hat es die jüngste Ausgabe von Böhmermanns Sendung "Neo Magazin Royale" aus der Mediathek entfernt. Dort stand sie seit gestern, wie immer einen Tag vor der Ausstrahlung am späten Freitagabend im ZDF.

Grund für die Löschaktion ist ein von Böhmermann vorgetragenes Gedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der Text dazu kursiert im Netz. Wer ihn liest, kann die Entscheidung zunächst nachvollziehen. Erdogan wird darin als "sackdoof, feige und verklemmt" verunglimpft, als "Präsident mit kleinem Schwanz", der Kinder schlage und Sex mit Ziegen habe. Was für ein dämlicher Text.

Wer jedoch die Chance hatte, die Sendung zu sehen, wurde Zeuge einer ziemlichen klugen Clownerie. Böhmermanns Gedichtvortrag war eingebettet in eine längere Passage, die sich mit Erdogan und dessen Brass auf die NDR-Satiresendung "Extra 3" beschäftigte. Die Satiriker hatten in einem vergleichsweise harmlosen Liedchen über den "Boss vom Bosporus" gespöttelt, woraufhin dieser den deutschen Botschafter einbestellte.

Im Dialog mit seinem Sidekick Ralf Kabelka erörterte Böhmermann, wie weit Satire eigentlich gehen dürfe. Und ab welchem Punkt man ernsthaft Zoff mit einem Medienanwalt bekomme. Schmähkritik sei verboten, erklärte kundig Kabelka. Also eine Äußerung, durch welche eine Person verächtlich gemacht werden soll und bei der es nicht mehr um eine sachliche Auseinandersetzung geht. Zur Veranschaulichung trug Böhmermann dann sein Erdogan-Gedicht vor, mit unschuldigem Blick und mehrmals beteuernd, so etwas würde er niiiiiie sagen. Hier. Im ZDF.

Als das Publikum applaudieren wollte, wehrte er ab - weil er schließlich, und das solle man keinesfalls verwechseln, nicht das Gedicht rezitiert, sondern lediglich erläutert habe, was man eben gerade nicht vortragen dürfe. Ein bisschen erinnerte das an den bigotten Trick von Zeitungen und Zeitschriften, sexistische oder sonstwie anstößige Fotos zu zeigen, versehen mit der Bildunterschrift: "Diese Fotos wollen wir nie mehr sehen."

In Wahrheit ging es im "Neo Magazin Royale" nicht um Erdogan. Der eigentliche Witz spielte sich eine Ebene höher ab. Böhmermann, immerhin ein Schüler Harald Schmidts, erklärte Satirefreiheit, indem er mit ihr spielte. Und er ahnte, wohin das führen würde. In der Sendung mutmaßte er, dieser Beitrag könnte womöglich gelöscht werden. Und nichts beschert einem Künstler so viel Aufmerksamkeit wie die Zensur seiner Werke.

Eine Sendesprecherin rechtfertigte die Tilgung von Böhmermanns Sendung am Nachmittag mit der Bemerkung, die Erdogan-Nummer entspreche "nicht den Ansprüchen, die das ZDF an die Qualität von Satiresendungen stellt". Zu sagen, das ZDF sei feige und verklemmt und habe einen kleinen Schwanz, wäre Schmähkritik. Womöglich hat man dort Böhmermanns Satire einfach nur nicht verstanden.