Dave Chappelle bei Netflix Dieser Humor ist richtig schlicht

Der Komiker Dave Chappelle darf alles. Das ist sein Markenzeichen. In seinem neuen Netflix-Special macht er sich über die mutmaßlichen Opfer von Michael Jackson lustig und teilt gegen die LGBTQ-Bewegung aus. Und jetzt?
Dave Chappelle erntete für "Sticks & Stones" teils vernichtende Kritiken

Dave Chappelle erntete für "Sticks & Stones" teils vernichtende Kritiken

Foto: Netflix

Was haben Dave Chappelle und Annegret Kramp-Karrenbauer gemeinsam?

Die Frisur ist es nicht, bleibt wenig. Die Antwort ist dann, sorry, gar nicht witzig: Beide finden Menschen lustig, die sich nicht anhand heteronormativer Genderkategorien einordnen lassen, denn, haha, normal sind doch eigentlich nur Mann und Frau!

Kramp-Karrenbauers Faschingsscherz über Toiletten für das dritte Geschlecht ("Für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen") brachte der CDU-Chefin im Februar einen Shitstorm.

Chappelle witzelt während seines neuen Programms "Sticks and Stones", das Teil seines 20-Millionen-Deals mit Netflix ist, lange über "the alphabet people", er meint damit die LGBTQ-Bewegung: Unter anderem vermischte er eine stereotype Chinesen-Parodie mit Trans-Bashing ("Ich bin ein Chinese in einem schwarzen Körper - aber das ist nun mal, wie ich mich innen fühle.").

Es ist sehr einfach, das schlecht zu finden

Auch er kriegte dafür teilweise vernichtend auf den Deckel. "Vice" attestierte  ihm eine "aufmüpfige Ablehnung von jeder Art des Wandels" und riet ab, die Sendung zu gucken, der "Guardian" kam zu dem Schluss,  Chappelle wolle sich wohl im Gegensatz zu anderen Comedy-Legenden am liebsten in seine Nische als grantelnder Troll zurückziehen, dahin, wo alles vorhersehbar und sicher ist.

Die Reaktionen waren auch so krass, weil der Komiker sehr bereitwillig viel Munition liefert: Chappelle richtet sich während seiner 60-minütigen Show unter anderem auch gegen Frauen ("Wenn Frauen genauso im Basketball wären wie Männer, würden sie in der NBA mit den Männern spielen"). Und - was besonders viel Kritik hervorrief - er macht sich über die mutmaßlichen Opfer von Michael Jackson lustig.

Es ist schwierig, Chappelles Humor-Slang ins Deutsche zu übersetzen, aber sinngemäß ging es darum, dass diese sich nicht so anstellen sollten, selbst wenn es zum Missbrauch gekommen wäre: "Ich meine - es handelt sich immer noch um Michael Jackson!" Und weiter: "Ich bin ein victim blamer, klar. Was hatten diese Kinder denn für Klamotten an?"

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Es ist sehr einfach, das schlecht zu finden, einerseits. Andererseits gehörte zu Chappelles Humor schon immer nicht nur HipHop und schwarze Popkultur, sondern auch vor allem die Erfahrung mit rassistischen Strukturen. Ein Comedy-Programm ist nicht per se gut, weil sich Leute davon angegriffen fühlen. Aber zu Chappelles Position - seinem subversiven Krawall, seiner Genialität - gehörte auch immer, sich auf der Bühne verdammt noch mal alles rauszunehmen, weil es ihm freiwillig keiner geben würde.

Auch bei "Sticks and Stones" behauptet Chappelle die Pose des souveränen Abfuckers noch, umrahmt seinen Auftritt mit Zeilen von Kendrick Lamar: "I'd rather die than listen to you." Die Pose funktioniert aber über weite Strecken nur noch als Zitat, und irgendwann gar nicht mehr, weil sie nicht mit den Witzen korrespondiert.

Auf der Bühne steht er bei seinen Witzen über Vergewaltigungsopfer, Frauen, Transpersonen ja in Wahrheit nicht mehr als schwarzer Künstler, der sich die Deutungshoheit nimmt, die ihm sonst vorenthalten wird. Sortiert man das auseinander, bleibt ein Typ, der auf Krawall gebürstet ist, weil er nicht damit klarkommt, dass andere Gruppen jetzt auch was zu sagen haben - und der, weil er nur die eigene Überforderung kanalisiert, auch nicht in der Lage ist, irgendeine überraschende Reibung zu erzeugen, etwas, das wirklich kontrovers ist statt nur beleidigt.

Hier ist wirklich gar nichts ein Wagnis, auch wenn Chappelle es die ganze Zeit behauptet: Die Ankündigung "Ich werden jetzt etwas sagen, das ich nicht sagen darf" vor der Michael-Jackson-Nummer markiert ja tatsächlich nur diese Absehbarkeit, genauso wie das kurz-kokette Zurücktippeln aus dem Scheinwerferlicht nach einem Spruch über Vulven von Frauen, die keine Teenager sind ("There is no such thing as a good 36-year-old pussy").

Verteidigung von Louis C.K.

Fairerweise: Chappelle wird in der zweiten Hälfte des Specials besser, findet gewissermaßen zu seiner Größe zurück, arbeitet sich an der Opioid-Krise, Waffengewalt und Rassismus ab: "Der einzige Unterschied zwischen einem armen Weißen und einem armen Schwarzen ist, dass der Weiße denkt, so was dürfe ihm nicht passieren." Klug.

Dennoch: Nach rund 60 Minuten "Sticks and Stones" bleibt vor allem Chappelles Verteidigung seines Freunds Louis C.K. hängen - mehrere Frauen warfen dem Komiker 2017 vor, vor ihnen masturbiert zu haben, seitdem gab es mehrere unangenehme Comebackversuche.

Die Frage, wie man mit übergriffigen Männern und ihrer Kunst umgehen kann, abseits von Bestrafung und Ausschluss, ist hochinteressant. Chappelle aber sagt halt nur: "Er kam auf seinem eigenen Bauch. Was ist da die Bedrohung?" Und weiter: "Das ist der am wenigsten bedrohlichste motherfucker, den die Welt je gesehen hat." Nun - nein.


"Sticks and Stones", bei Netflix