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TV-Drama "Masserberg": So hat man die DDR noch nicht gesehen

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DDR-Drama "Masserberg" Ost in Translation

Schwer krank und schwer verliebt: So ganz geht im ARD-Film "Masserberg", der Adaption von Else Buschheuers gleichnamigen Roman, die Mischung zwischen Liebes- und Krankendrama nicht auf. Dafür entwickelt er einen sehenswerten Zugriff auf die DDR-Vergangenheit.

Schwer zu sagen, wann genau der Ballast abfiel. Vielleicht schon nach "Das Leben der Anderen", dem bleischweren Stasi-Epos von Florian Henckel von Donnersmarck aus dem Jahr 2006. Seit einiger Zeit haben deutscher Film und deutsches Fernsehen jedenfalls zu einer neuen Souveränität im Umgang mit der DDR gefunden. Keine Bringschuld, immer wieder die große Systemkritik am Sozialismus zu liefern, scheint die Filmemacher mehr zu belasten: Der Abgesang auf das Honecker-Regime ist von TV-Großprojekten wie "Prager Botschaft" oder "Die Frau vom Checkpoint Charlie" deutlich genug intoniert worden.

Jetzt scheint endlich die Freiheit zu herrschen, Geschichten aus der DDR vom Filmischen, den Figuren und der Dramaturgie her zu denken. Das beweist zum einen der neue "Polizeiruf 110" aus Rostock, der die Spannung von sozialistischer Vergangenheit und Ost-Gegenwart gekonnt in seinem zerrissenen Kommissar Bukow (gespielt von Charly Hübner) einfängt. Aber auch "Masserberg", die Verfilmung von Else Buschheuers gleichnamigem Roman, zeigt einen neuen erzählerischen Umgang mit der DDR. Dass dies der interessanteste Aspekt an dem Film ist, spricht zwar nicht unbedingt für ihn - als Liebesdrama hat er nämlich keine wirklich emotionale Tiefe. Doch das macht ihn kaum weniger sehenswert.

Der ganze Körper ein Entzündungsherd, soweit ist es mit der diffusen Augenkrankheit bei Melanie (erwartbar gut: Anna Fischer) inzwischen gekommen. In Masserberg ist die 19-Jährige mit diesem schweren Krankheitsverlauf aber nicht allein: Einäugige, Erblindende und Blinde bevölkern das thüringische Klinikum. Und dennoch sticht Mel, wie sie am liebsten genannt werden will, heraus. Mit Minirock und grellem Lidschatten wehrt sie sich verzweifelt gegen den blassgrauen Alltag des Jahres 1984.

Der erscheint zunächst unentrinnbar: "Einmal Masserberg, immer Masserberg", wird Mel gleich zu Beginn des Films von einer Zimmernachbarin beschieden. Aber die Schülerin hat noch vor der Einweisung angefangen, mit zwei Freunden die Republikflucht zu planen. Und dann ist da noch der attraktive kubanische Arzt Carlo Sanchez (Pasquale Aleardi), mit dem sich Mel blitzschnell ein neues Leben erträumt.

Skizzenhaft wird in "Masserberg" ein Personen-Tableau entworfen, das schnell unübersichtlich wird. Zu Mel und Carlo gesellt sich innerhalb weniger Einstellungen eine Schar von Patienten, Ärzten und Stasi-Verbindungsoffizieren, die wenig detailliert gezeichnet ist. Das liegt vor allem am Drehbuch von Jürgen Werner, der wie zuletzt schon beim Selbstjustiz-Schocker "Zivilcourage" einen Hang zum Phrasenhaften zeigt.

Sex trifft auf Selbstmord

Aber auch Regisseur Martin Enlen legt demonstrative Ungezwungenheit an den Tag. Im Gegensatz zu seinem Emanzipationsschmonzes "Dr. Hope" inszeniert er hier fast wie entfesselt: Sexszenen streut er zwischen Selbstmordversuche; bunte, tiefenscharfe Aufnahmen von Anna Fischer schneidet er mit blass-verwischten Bildern des Klinikambientes gegen. Dazu lassen Rammstein mehrmals ihre dröhnenden Bässe erklingen.

Der Entwicklung der Charaktere tut die fehlende Psychologisierung nicht gerade gut - besonders die Liebesgeschichte zwischen Mel und Carlo wirkt wie Stückwerk. Gleichzeitig ergeben sich so aber auch sehr interessante Leerstellen: Die Homoerotik, die sich zwischen den verschiedenen Frauenfiguren immer wieder einstellt, wird zum Beispiel nicht weiter erklärt - sie steht selbstbewusst für sich.

Genauso unvermittelt findet auch die DDR bei Enlen statt. Wie der kubanische Medizinstudent Carlo nach Ostdeutschland kam, wird übergangen; wie sich seine Verstrickungen mit der Stasi ergeben haben, nur angerissen. Selbst Mangelwirtschaft und Ostprodukte geben nicht die penetrante Dekoration ab, auf die TV-Filme um des Zeitkolorit willens so oft setzen. Der Sozialismus - er scheint hier nur eine Kulisse abzugeben.

Tatsächlich verklärt "Masserberg" Mels Drama aber nicht zum persönlichen Schicksal. Vielmehr arbeitet er heraus, dass es im Überwachungsstaat DDR nichts Privates gab, das nicht politisch oder zumindest im Stasi-Sinne politisch verwertbar gewesen wäre. Selbst eine verulkte Strophe aus dem Erlkönig kann in der Augenklinik noch zu disziplinarischen Konsequenzen für schwerstkranke Patienten führen.

An die dramatische Wucht, aber auch den grotesken Humor, den das rumänische Kino im Umgang mit der sozialistischen Vergangenheit meisterhaft entwickelt hat, reicht das noch immer nicht heran. Das kann man im Abgleich mit Corneliu Porumboius Farce "12:08 Jenseits von Bukarest", der später auf Arte um 22.55 Uhr läuft, feststellen. Fürs deutsche Fernsehen nimmt sich "Masserberg" aber wie ein Befreiungsschlag aus, auf den hoffentlich noch mehr Filme folgen, die sich einen souveränen Zugriff auf die Geschichte aus der DDR erlauben.


"Masserberg", 20.15 Uhr, ARD

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