Zum Tod von DDR-TV-Star Herbert Köfer Einer der drei großen Großväter des Fernsehens

Er war ein Charakterdarsteller, der nach Reibereien mit dem Staat zur Komödie wechselte und in der DDR zum Star wurde. Ein Nachruf auf Herbert Köfer, den ältesten Schauspieler Deutschlands.
Schauspieler Köfer: Prinzipienfester Preuße, gern gut gekleidet und mit markanter sonorer Stimme

Schauspieler Köfer: Prinzipienfester Preuße, gern gut gekleidet und mit markanter sonorer Stimme

Foto: Matthias Hiekel / picture alliance / dpa

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Wenn einer schon da und berühmt ist, wenn man geboren wird, und wenn er bleibt, während man die Hälfte seines Lebens überschreitet, dann meint man wider alle Vernunft, er würde ewig bleiben.

Beweisstück in diesem Fall: Herbert Köfer.

Köfer war, jedenfalls in den Achtzigerjahren und der DDR, einer der drei großen Großväter des Fernsehens. Neben Erwin Geschonneck und Fred Delmare wurde er in jener Zeit verlässlich für Opa-Rollen gebucht. Wobei die Charaktere klar verteilt waren: Geschonneck war das knarzige Raubein mit weichem Kern, Delmare der etwas verwirrte Knuddelopa, Köfer der prinzipienfeste Preuße, gern gut gekleidet und mit der markanten sonoren Stimme.

Die hatte ihn zum Fernsehen gebracht. Geboren 1921 und noch in der NS-Zeit zum Theaterschauspieler ausgebildet, begann der Berliner ab 1952, die Nachrichten – oder eher: Verkündigungen – der »Aktuellen Kamera« zu lesen, der Hauptnachrichtensendung des DDR-Fernsehens. Weil die fünf Tage vor der ersten Ausstrahlung der Tagesschau startete, machte ihn das zum ersten deutschen Nachrichtensprecher.

Lange blieb er aber nicht, dann arbeitete er als Moderator beim Fernsehen, in Revuesendungen wie »Fernsehkarussell« und »Da lacht der Bär«, in denen er bis Mitte der Sechzigerjahre Konferenzen und Schlager zum Besten gab. Gleichzeitig war das Kino auf ihn aufmerksam geworden. 1963 spielte er in Frank Beyers Buchenwald-Drama »Nackt unter Wölfen« (mit Geschonneck und Delmare) einen fanatischen SS-Offizier, zwei Jahre später den Gutsverwalter Studmann in der Fallada-Verfilmung »Wolf unter Wölfen«, der ersten DEFA-Produktion, die auch im anderen Deutschland lief.

Köfer, mit stechendem Blick und der bereits erwähnten markanten Stimme, hätte durchaus die Chance gehabt, Karriere als herausragender dramatischer Nebendarsteller der DDR zu machen – wäre nicht das 11. Plenum des ZK der SED dazwischengekommen, das berüchtigte Kahlschlagplenum. Dort wurde 1965 fast eine gesamte Jahresproduktion DEFA-Kinofilme verboten, darunter zwei Filme mit Köfer: »Denk bloß nicht, ich heule« von Regisseur Frank Vogel, dessen Figuren relativ unverhohlen mit dem DDR-Alltag hadern, und »Hände hoch oder ich schieße«, eine harmlose Krimiklamotte, in der sich die DDR-Polizei veralbert sah.

SPIEGEL TV

Möglicherweise war das der Bruch, der Köfer zurück ins Lager der seichten Unterhaltung wechseln ließ. Während kritische Schauspieler wie Armin Müller-Stahl (mit dem Köfer in seinen zwei »Wölfen«-Filmen zusammengearbeitet hatte) und Manfred Krug sich immer weiter vom Regime entfernten und schließlich das Land verließen, spielte Köfer unter anderem in den Propagandastücken »Krupp und Krause« und »Der Mord, der nie verjährt« (über die Ermordung Liebknechts und Luxemburgs) mit, was sich durchaus als Entschuldigung am Regime lesen lässt: Köfer blieb, zumindest nach außen, auf Linie.

Andererseits kann man Köfers fast völlige Konzentration aufs Lustspiel ab den Siebzigerjahren, nach fast 20 Jahren als Charakterdarsteller, als innere Emigration deuten. Es war jedenfalls, bis zum Ende der DDR, die Zeit seines größten Ruhms. Omnipräsent, nicht zuletzt aufgrund häufiger Wiederholungen, war er als Hauptdarsteller in Serien wie dem sprichwörtlich gewordenen »Rentner haben niemals Zeit« oder in »Familie Neumann«, deren Hauptfigur eines staatstreuen DDR-Bürgers er nicht nur in 31 Episoden im TV verkörperte, sondern auch in über 600 Radio-Episoden. Köfer war immer der, der komisch war, weil alle anderen um ihn herum in Wahnsinn verfielen, nur er nicht.

Er hatte Gastauftritte in den jährlich zu Silvester ausgestrahlten »Maxe Baumann«-Schwänken und in mehreren »Polizeiruf«-Folgen. Köfer gehörte, wie viele DDR-Schauspieler, zu jenen, die sichtlich unter Niveau spielten, die zu gut waren für die eigentlich oft platten Drehbücher – manchmal hatte man beim Zusehen den Eindruck, dass er das zu wissen schien. Selbst in harmlosen Rollen wirkte er ein wenig finster, und selbst seine nettesten Figuren, wie der Sozialist Neumann, hatten vielleicht nicht zufällig einen Hang zu Wutausbrüchen. Waren Geschonneck und Delmare mit ihrer bedingungslosen Liebe die TV-Großväter, die sich die Kinder wünschten, dann war Köfer der Opa, den Eltern für ihre Kinder wollten: Erst kam das moralische Prinzip, dann die Liebe.

Haderte Köfer mit der DDR? In seiner Autobiografie schilderte er sich als stolzen Bürger jenes Staates, dessen Publikum ihn mehrmals in Folge in der jährlichen Umfrage der Fernsehzeitschrift »FF Dabei« zum Publikumsliebling erklärte. Und doch gehörte er zu den Prominenten, die gut sichtbar bei der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz anwesend waren.

Seine Verlegung ins leichte Fach sicherte ihm nach dem Fall der Mauer einen relativ reibungslosen Übergang ins gesamtdeutsche Fernsehen. Bis kurz vor seinem Tod spielte er Gastrollen in Produktionen wie »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« oder »Unser Charly«. Daneben ließ er, vor allem in Dresden, seine Theaterkarriere wiederaufleben. Mit 100 Jahren, eigentlich schon tief im Rentenalter, galt er als ältester aktiver Schauspieler Deutschlands. Am Samstag ist Herbert Köfer in Berlin verstorben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.