TV-Film über Flüchtlingsalltag Unter Schlechtmenschen

Die Wohlfühlkomödie zur Flüchtlingskrise gibt es schon - jetzt kommt der Gegenentwurf: Der Fernsehfilm "Der Andere" erzählt von einem Flüchtling aus Mali, der das kalte Deutschland kennenlernt.

ZDF/ Anne Wilk

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Zurzeit ist Simon Verhoevens Komödie "Willkommen bei den Hartmanns", in der ein Flüchtling aus Nigeria eine gutsituierte Münchener Familie durcheinanderwirbelt, der mit Abstand erfolgreichste deutsche Kinofilm. Dem fröhlichen Spaß folgt Feo Aladags Drama "Der Andere", das an diesem Montag im ZDF läuft, nun wie ein Schatten.

Zeigt Verhoeven ein sonnendurchflutetes München, in das man sich fallen lassen möchte wie in ein frisch gemachtes Bett, lässt Aladag ihren aus Mali stammenden Helden durch ein unwirtliches Berlin treiben, in dem man sich nur in einer Kirche sicher fühlt. Wirken die Hartmanns ziemlich durchgeknallt, so ist Aladags Gastfamilie schwer traumatisiert.

Wohl niemand, der die Wahl hätte, in seiner Heimat zu bleiben, würde freiwillig in das Deutschland gehen, das Aladag in "Der Andere" inszeniert. Die 44-jährige Regisseurin, die zuvor Kinofilme wie das Afghanistan-Drama "Zwischen Welten" gedreht hat, macht gleich zu Beginn sehr deutlich, was für ein hartes Pflaster dieses Land ist.

Die Kamera gleitet in Bodenhöhe über nasse Steinplatten und folgt dem jungen Flüchtling Nama (Nama Traore), der auf ein Haus zugeht und eine Stange hinter sich herzieht. Als er einen schwer verletzten Mann findet, ruft er verzweifelt um Hilfe. Rückblende: Fünf Jahre zuvor. Nama spielt in Mali Fußball, schießt ein Tor, jubelt ausgelassen. Dann sitzt er mit seiner Familie zusammen, man küsst und herzt sich.

Komödie "Willkommen bei den Hartmanns"

Der Mann, der in Deutschland ums Überleben kämpfen muss, wurde als Junge aus einer kargen, aber glücklichen Kindheit gerissen. Brutale Regenhölle hier, farbenfrohe Idylle dort. Aladag offenbart schon in diesen Bildern einen Hang zum Schematismus, von dem sie sich bis zum Ende nie ganz befreien kann. Sie hält ständig nach Schlechtmenschen Ausschau, die dem Helden das Leben schwer machen.

Solche Schlechtmenschen gibt es wirklich, keine Frage. Doch wie erzählt man sie, sodass sie interessante Figuren und packende Szenen ergeben? Aladag zeigt einen Rentner, der im Seniorenheim wohnt und Nama bei sich schlafen lässt. Eine Nachbarin verpetzt ihn, prompt steht ein Altenpfleger in der Tür und hält ihm eine Standpauke. Das ist alles viel zu eindeutig und eindimensional, um den Zuschauer zu bewegen.

Szenen mit teilweise bezwingender Kraft

Es gibt zahlreiche Szenen, die Kaltherzigkeit oder Engstirnigkeit demonstrieren sollen, aber nicht über das Stadium von Skizzen hinauskommen. Ständig schimmert die Absicht durch. "Der Andere" ist ein Film mit Außenskelett. Statt das Fleisch pulsieren zu sehen, starrt der Zuschauer oft auf die Knochen. Und hofft, dass sich der Film endlich von seinen Ideen freimacht und ins Leben tritt.

Denn es ist ja spannend, was Aladag erzählen will. Wie Nama den siebzigjährigen Willi (Jesper Christensen) kennenlernt, der als Kind aus Nazi-Deutschland nach Skandinavien fliehen musste und auf dem Weg dorthin seine Mutter verlor. Wenn man erst mal vergessen hat, auf welch krummen Wegen Aladag diese beiden Figuren zusammenführt, entfalten die Szenen zwischen ihnen eine teilweise bezwingende Kraft.

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Fernsehfilm "Der Andere": Unter Schlechtmenschen

Nach und nach lässt Aladag ihren Helden Nama in die Geschichte zwischen Willi und seinem Sohn Stefan (Milan Peschel) eintauchen, die durch einen Todesfall eine tragische Wendung nahm. Wenn sie ihre Hauptdarsteller einfach in einem Raum einander beobachten und zaghaft miteinander reden lässt, dann erzählt sie in wenigen Sekunden viel mehr über Fremdheit und Vertrautheit, als in allen anklagenden Szenen zusammen.

Denn Aladag ist eine sehr gute Schauspielregisseurin. Zusammen mit ihrer Kamerafrau Judith Kaufmann führt sie den Laiendarsteller Nama Traore, von dessen Lebensgeschichte der Film inspiriert ist, zu selten gesehener Eindringlichkeit. Traores Gesicht, das in feinen Regungen innere Wunden preisgibt und gleichzeitig die Schmerzen der anderen spiegelt, wird man so schnell nicht vergessen.


"Der Andere", Montag, 20.15 Uhr, ZDF



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