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ARD-Film: Wunderliche Western-Welt

Foto: ARD Degeto/ SWR/Moovie/ Constanti

ARD-Event "Der Club der singenden Metzger" Singen, tanzen, schlachten

Horch, was kommt von draußen rein: Im Western-Musical "Der Club der singenden Metzger" sucht Jonas Nay als schwäbischer Schlachter sein Glück in North Dakota - und pflegt dabei deutsches Liedgut.

Wie immer man den "Club der singenden Metzger" am Ende findet, eines lässt sich dem Film nicht vorwerfen: dass man dergleichen schon zu oft gesehen hätte.

Schon die Liste der beteiligten Kreativen ist kurios: Aus der amerikanischen Romanvorlage "The Master Butchers Singing Club" (2003) von Louise Erdrich haben die Drehbuchautorinnen Doris Dörrie und Ruth Stadler ein Auswanderer-Historien-Western-Musical entwickelt, "Christiane F."-Regisseur Uli Edel hat den Stoff als Drei-Stunden-Epos in Szene gesetzt, und Hauptdarsteller Jonas Nay ("Deutschland 86") hat dazu mit David Grabowski einen Soundtrack komponiert, der von "Kein schöner Land" bis "Banks of the Ohio" reicht.

Der Prolog führt gar noch in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs: Dort gibt der deutsche Soldat Fidelis Waldvogel (Nay) einem sterbenden Kameraden das Versprechen, sich um dessen Verlobte zu kümmern. Als er jener Eva (Leonie Benesch) nach seiner Rückkehr ins Schwäbische die Todesnachricht überbringt und die schwangere junge Frau in seine Arme sinkt, heiratet er sie. Und weil es im darbenden Betrieb der Eltern keine Zukunft für den Metzgermeister gibt, entscheidet er sich, sein Glück in den USA zu versuchen und Eva und ihren Sohn später nachzuholen.

Wenig Worte, viel Gesang

Obwohl sich die Tonspur gelegentlich in innere Monologe der Protagonisten einklinkt, werden angenehm wenig Worte gemacht um all die existenziellen Entscheidungen. Das führt zu einem straffen Erzähltempo und schafft Raum für skurrile Gesangeinlagen: Da stimmen die Männer bei Tisch "Die Vogelhochzeit" an ("Fidirallala"), zur Hochzeit singt Fidelis feierlich "So nimm denn meine Hände", sein Aufbruch nach Amerika wird selbstverständlich mit "Muss i denn zum Städtele hinaus" begleitet.

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ARD-Film: Wunderliche Western-Welt

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Ausgestattet mit den Schlachtermessern seines Vaters und dem geheimen Wurstrezept der Familie, landet er im kargen Städtchen Argus, North Dakota, wohin es zeitgleich noch zwei weitere deutsche Auswanderer verschlägt: die Hamburger Artistin Delphine (Aylin Tezel) und ihren trunksüchtigen Vater Robert (Sylvester Groth), einen traurigen Clown.

Während Fidelis umgehend eine Anstellung beim polnischen Metzger Kozka findet, haben die Zirkuskünstler weniger Erfolg - bis der Lakota Cyprian (Vladimir Korneev) sie in seine Hütte einlädt und mit Delphine eine Akrobatik-Performance einstudiert. "Sollen wir hier mit den Wilden leben wie dieser Karl May?", stößt da der Vater hervor - und liefert damit ein gutes Stichwort: Tatsächlich liegt eine gewisse Karl-May-Haftigkeit über dem Geschehen, was nicht nur damit zu tun hat, dass der Hauptschauplatz, ein kulissenhaftes Westernkaff, eigens für den Dreh in Kroatien erbaut wurde, wo einst auch die "Winnetou"-Filme entstanden.

"German Master Butcher"

Es sind auch die naive Reinheit der Hauptfiguren und der versponnene Erzählton, die an den sächsischen Fabulierer denken lassen. Zwar fühlt sich Delphine zu Fidelis hingezogen, würde dem grundanständigen "German Master Butcher" aber nie Avancen machen, nachdem doch seine Angetraute eingetroffen ist. Vielmehr entwickelt sich zwischen den Frauen eine innige Verbundenheit.

Zwar gibt es eine handfeste Prügelei, als Fidelis mit einem eigenen Laden seinem Förderer Kozka Konkurrenz macht - aber bald darauf wird Frieden geschlossen. Eine bigotte Tante, die mit Eva nach Argus kommt, und der korrupte Dorfsheriff, der eine ungarische Bestatterin bedrängt, sind im Grunde die einzigen Charaktere mit unlauteren Absichten.

Weil Fidelis gleichwohl noch mit Sprache und Gebräuchen seiner neuen Umgebung fremdelt - "Morge isch Independence Day", erklärt er seiner Frau in schönstem Heimatidiom -, nimmt er die Tradition des Chorsingens wieder auf. Und so wird in geselliger Multikulti-Runde bald nicht nur "Banks of the Ohio", sondern auch "Kein schöner Land" und "Horch, was kommt von draußen rein, hollahiaho" intoniert.

Heimat, Migration, Integration - es sind natürlich durchaus aktuelle Themen, die im "Club der singenden Metzger" verhandelt werden. Dass der vor 100 Jahren spielende, teils auch in märchenhaften Farben schillernde Film, der in der zweiten Hälfte durch eine schwere Erkrankung Evas zum Schicksalsdrama wird, beim Publikum tiefschürfende Reflektionen in diese Richtung auslösen wird, wäre allerdings wohl doch zu viel erwartet. Als schrulliger Feiertagsevent, der für die Dauer seiner Laufzeit ungewohnte Unterhaltung bietet, ist der Genremix treffender eingestuft.


"Der Club der singenden Metzger", Freitag, 27.12., 20.15 Uhr, ARD. Bereits jetzt in der ARD-Mediathek

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