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"Tatort" mit Til Schweiger: Stirb langsam an der Waterkant

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Til Schweigers "Tatort"-Desaster Der Prügler mit der Penisangst

Wer hat den Größten? Nach einem Geschlechtsteilvergleich am Urinal prügelt und sprengt sich Til Schweiger für seinen ersten "Tatort" als Retter und Rächer durchs Hamburger Rotlichtmilieu. Aber sollte ein Dirty Daddy wie dieser Kommissar wirklich minderjährige Sexsklavinnen beschützen?

Ist die Stadt groß genug für zwei Ermittler? Am Sonntag tritt Til Schweiger seinen Dienst als Hamburger "Tatort"-Mann an, in sechs Wochen folgt ihm Wotan Wilke Möhring mit eigenem TV-Revier. Für einen ironischen Gastauftritt findet sich der eine jetzt schon mal in der Auftaktfolge des anderen ein: Bei einer Pinkelpause spricht Möhrings Kommissar Thorsten Falke Schweigers zugezogenem Kommissar Nick Tschiller Mut für den neuen Job zu. Der aber hört gar nicht richtig hin, da er seinen Blick nicht vom Gemächt des Kollegen lassen kann, das offenbar gigantisch ist.

Ein Genitalvergleich war bislang noch kein Thema im "Tatort". Doch wo Schweiger draufsteht, ist auch Schweiger drin, und die Penisangst findet in fast jedem seiner Filme Eingang in Form von deftigen Pointen, von "Zweiohrküken" bis "Kokowääh". Hält aber Schweigers Kommissar Tschiller nun tatsächlich sein Geschlechtsteil für zu klein?

Gut möglich. Sein Gebaren in der ersten Episode des "Tatort" lässt sich als Kompensationsmaßnahme eines sexuell Gekränkten lesen. Wie Tschiller im Kampf gegen das Verbrechen ein Magazin nach dem anderen in seine Dienstwaffe rammt, wie er unter heftigen Testosteronschüben Türen eintritt, wie er gegen seine Feinde stets zum Bodycheck ansetzt - das alles wirkt, als wolle jemand partout beweisen, dass er extrem potent ist. Der hat den dicksten Dienstrevolver.

Daddy takes care of you!

Tatsächlich könnte man den im Breitbeingang absolvierten "Tatort"-Einstieg, bei dem Schweigers Ermittler gleich in den ersten Minuten drei Gangster erschießt, als ironisch überhöhte Macker-Action nach "Die Hard"-Art goutieren - wäre da nicht das unpassende Thema: Zwangsprostitution minderjähriger Osteuropäerinnen. Will man wirklich, dass ein Haudrauf im Hormonrausch zum Heilsbringer dieser armen, sexuell ausgebeuteten Seelen wird?

Als genau solcher aber wird Schweiger in seinem "Tatort"-Debüt in Szene gesetzt: Zu Hause versucht sein Tschiller als Alleinerziehender für die 15-jährige Tochter (gespielt von Schweiger-Tochter Luna) das perfekte Frühstückei zu kochen, im Einsatz versucht er die ebenso jungen Sexsklavinnen aus ihrem Milieu zu befreien. Daddy takes care of you! Von George C. Scott ("Hardcore") bis Liam Neeson ("96 Hours") - Schweiger ahmt die großen väterlichen Rächerfiguren des US-Kinos nach, deren persönliche Anliegen stets zu dringlich waren, um sie über umständliche rechtsstaatliche Prozesse abzuwickeln. Aber mal abgesehen davon, dass dieses Selbstjustizelement ein Problem für den öffentlich-rechtlichen "Tatort" darstellt - hätten die grimmigen Power-Daddys Scott oder Neeson je Schwanzwitze am Urinal gerissen?

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Til Schweiger: Vom Manta-Fahrer zum "Tatort"-Star

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Bei diesem "Tatort" ist einiges durcheinandergeraten. Die Vorbereitungen waren ein Ringen, bei dem Schweiger der öffentlich-rechtlichen Anstalt NDR so viel Mitsprache abrang, wie sie keinem anderen "Tatort"-Darsteller zugestanden wird. Sogar seine Sidekick-Darsteller brachte er sich mit. Und die PR-Arbeit entwickelte sich zum Desaster, weil der Star immer wieder mit erstaunlichen Statements Öffentlichkeit und Arbeitgeber überraschte.

Viel Action im Vorfeld eines außergewöhnlichen Action-Thrillers? Doch auch als Action-Kintopp geht die Produktion nicht auf. Dieser "Tatort" will großes Kino sein - doch am Ende ist er nur eine Glamour-Ruine wie die Hamburger Elbphilharmonie, die hier einmal jämmerlich im Nebel rumsteht.

Dabei ist der verantwortliche Regisseur Christian Alvart ein Mann der großen Bilder. Wie Schweiger selbst hat er Erfahrungen in Hollywood gesammelt. Seine TV-Thriller sind von opulenter Optik, im Detail aber eigentlich stichhaltig. Mit der Kieler "Tatort"-Folge "Borowski und der stille Gast" führte er den Zuschauer zum Beispiel ins Innenleben eines Voyeurs, ein Werk von subtiler Abgründigkeit. Für den Hamburger "Tatort" ist Alvert nun nicht mehr eingefallen, als seinen Helden immer austeilen zu lassen. Immerhin: Es gibt eine extrem hochtourige Passage, bei der Schweigers Tschiller in einen Lieferwagen springt, sich darin herumprügelt und herausfällt. Die Handkamera bleibt da ganz dicht bei ihm.

Ansonsten wird eine eher starre Helden-Ikonografie aufgebaut: Der von jeglichen Kontrollinstanzen unbehelligte Polizei-Stenz sprengt, schießt und flucht, bis fast sämtliche Mädchenhändler beseitigt sind und ihre Opfer frei. Da steht Schweigers Tschiller dann am Ende verbeult vor dem hochgenommenen Rattennest, und die geretteten Mädchen in ihren Netzstrümpfen und Miniröcken nehmen um ihren Retter herum Aufstellung, als würden sie beim Fotoshooting für ein Model-Casting mitmachen.

Aus der Gefangenschaft in die Arme von Dirty Daddy Schweiger, das Leben kann so gemein sein.


"Tatort: Willkommen in Hamburg", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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