Erster Trailer zu »Ringe der Macht« Ins Streaming zu treiben und ewig zu binden

Der Trailer zur neuen »Herr der Ringe«-Serie zieht alle Register. Erst wenn der letzte Einkaufszettel von J.R.R. Tolkien verfilmt ist, werden wir merken, wann der Markt für Fantasy-Universen gesättigt ist: nie.
Szene aus Trailer zu »Ringe der Macht«: Es gibt keine Versionen mehr, nur noch »Extended Versions«

Szene aus Trailer zu »Ringe der Macht«: Es gibt keine Versionen mehr, nur noch »Extended Versions«

Foto: AmazonStudios / Prime Video

Es ist wirklich beeindruckend, was alles in eine Minute Film passt.

»Hast du dich denn nie gefragt, was uns noch da draußen erwartet?«, fragt eine weibliche Stimme mit drängelnder Dringlichkeit. Dazu gleitet ein Segelschiff unter einem gemauerten Bogen hindurch in eine Hafenstadt, halb Arendelle aus »Frozen«, halb Dubrovnik, mit Statue am Fels und Matterhorn im Hintergrund: »Es warten Wunder auf der Welt, jenseits unserer Pfade«, wie der Drohnenflug über zwei geflügelte Wanderer auf ihrem Bergpfad hinweg belegt.

Es folgt ein rotwangiges Strubbelmädchen, dessen Gesicht zur Stimme am Anfang passt, und ein Flüstern: »Ich kann es spüren!« Und jetzt weichen alle Worte einer spürbar auf Überwältigung komponierten Musik mit Pauken, Trompeten, Chören, Streichern und schlichter Melodie zum Mitbrummen.

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Dann ein epischer Wasserfall, eine kletternde Frau mit Dolch im Eis, ein Floß in aufgewühlter See, ein Bogenschütze im Dunkel des Waldes, ein flammender Pfeil sowie ein kritisch himmelwärts blickender Edelmann, ein wilder Ritt durch eine Prospektlandschaft des neuseeländischen Fremdenverkehrsbüros, Frau mit Fackel gegen übles Monster, wieder ein Wasserfall, diesmal aus einem herbstlichen Wäldchen herab, gütiges Zwergengesicht, mit Tränen in den Augen, edler Held beim grimmigen Schwur.

Dann beschleunigt sich der Reigen. Alte Frau hebt die Arme wie zum Beten. Junger Frau wird auf einem Floss das Haar gelüftet, es kommen spitze Elfenohren zum Vorschein. Irgendwas mit wirbelndem Feuer. Jemand spaltet einen Feldbrocken. Mann mit gesprengter Kette am Fußgelenk springt mit Streitaxt auf Ding zu. Anderer Mann schreit inmitten von Schlachtengetümmel. Zuletzt ergreift eine kleine Hand zwei Finger einer großen Hand, beide sorgsam dreckig geschminkt, ein Versprechen auf Zwischenmenschlichkeit und überstandene Abenteuer.

Ende.

Mit diesem Trailer hat Amazon beim Super-Bowl für »Ringe der Macht« geworben, die am 2. September dieses Jahres anlaufende »Herr der Ringe«-Prequelserie. Dem Trailer voraus ging ein eher abstrakter Teaser, der das Schmieden vermutlich machtvoller Ringe in Szene setzt. Es gab auch schon Bilder zu sehen, die ebenfalls sowohl Neugier als auch »Herr der Ringe«-Vibes wecken sollen.

Wir sollen uns also dringend fragen »was uns da draußen«, also in den virtuellen Welten kommender Streaming-Knaller, noch so »erwartet«. Mutmaßlich eine Welt der »Wunder« auch »jenseits« der ausgetrampelten »Pfade« dessen, was J.R.R. Tolkien sich so alles ausgedacht hat. Wir sollen dieses rotwangige Strubbelmädchen sein.

Auch die Unterhaltungsindustrie ist nur eine Industrie

Nun gibt es schon ein Prequel zu »Der Herr der Ringe«. Allerdings ist »Das Silmarillion« insofern unverfilmbar, als es sich liest, als hätte ein Knäckebrot frei über hethitische oder nordische Geschichtsschreibung variiert. Amazon hingegen erzählt weitgehend freidrehend eine eigene Geschichte, indem es den sattsam bekannten Kosmos diverser gestalten und auch sonst machen wird, was es will. Also Geld. Wogegen nichts einzuwenden ist.

Wer’s dennoch tut, ist ein Snob oder Miesepeter, der anderen Leuten in schlimmen Zeit die kindliche Freude an Harmlosem nicht gönnt, den orthodoxen Fans ihre quasispirituelle Hingabe an einen Instant-Tütensuppen-Mythologie.

Nun ist Unterhaltungsindustrie aber auch nur eine Industrie – und Fantasy (als Gegenteil von Fantasie) mit »Der Herr der Ringe« als Flaggschiff und der Verfilmung von Peter Jackson als Goldstandard ein offenbar unerschöpflicher Rohstoff. Selbst dann noch, wenn selbst der letzte Einkaufszettel von J.R.R. Tolkien oder George R.R. Martin verfilmt ist. Die Technik macht’s möglich. »Ringe der Macht« ist, wenn man so will, kreatives Fracking.

Trotzdem darf man sich fragen, wann (und ob überhaupt jemals) der Markt für immer weitere Auffaltungen, Prequels, Sequels und Spin-offs bewährter Universen gesättigt sein wird. Der aktuelle Trailer gibt darauf eine Antwort, sie lautet: nie (nein).

Gefühlt erscheint von Marvel alle zwei Wochen ein neuer »Spiderman« oder »Batman« oder gar »Ameisenmann« auf Grundlage von Comics, die noch nie ein Mensch in Händen gehalten hat. Und seit Disney das »Star Wars«-Franchise übernommen hat, finden die Ableger kein Ende, wird noch der letzten Nebenfigur aus der dritten Reihe, dem Typ hinten rechts, eine eigene Serie gewidmet.

Als rotwangiger Leser der grünen Taschenbuchausgabe von »Der Herr der Ringe« hätte man sich in den Achtzigerjahren noch eine richtige Verfilmung gewünscht, nicht diesen psychedelischen Zeichentrick von 1978.

Und dann gab es irgendwann derer drei, die kein Ende nehmen wollten. Und als sie es dann doch genommen hatten, knöpfte sich der Regisseur auch noch den schmalen »Der Hobbit« vor, legte ihn unter die Dampfwalze und streckte ihn so auf eine ungesunde Gesamtlänge von wiederum fast neun Stunden.

Es gibt keine Versionen mehr, nur noch »Extended Versions«. Stoff, der früher mal periodisch erschien und weitergewoben wurde, ist auf Permanenz geschaltet. Fiction ist von Fan-Fiction kaum mehr zu unterscheiden. In gewisser Weise ist es wieder wie vor 2600 Jahren, als immer irgendwo jemand die »Ilias« sang – und rezitierte er sie falsch, ging die Geschichte eben anders weiter.

Die Guten, die Bösen, Feuer, Eis, Wasser. Die archetypische Heldenreise, wie Joseph (ohne R.R.) Campbell sie in »Der Heros in tausend Gestalten« schon 1949 beschrieben hat – vom Ruf des Abenteuers über Prüfungen und Versuchungen bis zur geläuterten Rückkehr in ein idyllisches Arkadien, den Alltag. Nichts Neues.

Gegen den Alltag ließe sich übrigens auch allerhand einwenden. Beispielsweise, dass er kein Ende findet. Daher der Ausgang in die Fantasy, Vollbad für den Kopf. Denn heißes Wasser, das fließt nach bis in alle Ewigkeit.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.