ZDF-Miniserie »Der Palast« Humor gibt es weder im Osten noch im Westen

Dann lieber noch mal Erich Kästner lesen: »Der Palast« erzählt eine Verwechslungsgeschichte vor dem Mauerfall – nur ist diese Variation des »Doppelten Lottchens« zu sehr mit Weltgeschichte aufgeladen.
Svenja Jung als Solotänzerin Chris: Nur noch die Maueröffnung kann helfen

Svenja Jung als Solotänzerin Chris: Nur noch die Maueröffnung kann helfen

Foto:

Julia Terjung / ZDF

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Marlene und Chris wissen nichts voneinander. Sie wurden kurz nach der Geburt getrennt, weil der Systemkonflikt der Nachkriegszeit auch zwischen Mutter und Vater tobte. Kurz vor der Wende, Glasnost ist bereits ein Thema in den Nachrichten, reist Marlene als Verhandlungsführerin des elterlichen Unternehmens zu einem Zulieferer in der DDR. Die netten Herren von der Kammer für Außenhandel führen die junge Geschäftsfrau aus der BRD in den Friedrichstadt-Palast, das »Las Vegas des Ostens« – dort erkennt Marlene auf der Bühne in der Solotänzerin Chris ihre Schwester.

Die Trennung der Säuglinge wird in einer sepiafarbenen Rückblende gleich zu Beginn erzählt, ausbuchstabiert wird das Drama erst nach und nach. Wieso, weshalb, warum, seit wann und wie lange noch? Dafür nimmt sich Regisseur Uli Edel in den sechs Folgen à 45 Minuten von »Der Palast« sehr viel Zeit. Insgesamt viereinhalb Stunden, in denen sich mühelos »Das doppelte Lottchen« weglesen ließe.

Hauptdarstellerin Jung: Harmloses Varieté-TV

Hauptdarstellerin Jung: Harmloses Varieté-TV

Foto: Julia Terjung / ZDF

Leider kommen in Erich Kästners Buch westdeutsches Bonzentum, ostdeutsches Arbeitsethos, sozialistischer Idealismus, antikommunistische Ressentiments, Homosexualität in der DDR, spießige Ehekäfige in der BRD, verschiedene Liebesgeschichten, Konkurrenz unter Künstlerinnen, das Hadern nicht linientreuer Intendanten und die Sorgen mittelständischer Unternehmen aus der Metall verarbeitenden Industrie nicht vor. Und eben auch nicht der Friedrichstadt-Palast, dessen Varietétheater als bunte Kulisse einer reichlich grauen, weil deutsch-deutschen Geschichte dient.

Ein Bungalow von oggersheimscher Prägung

Auf dieser Insel der Heiterkeit hat sich Chris gut eingerichtet. Sie lebt alleinerziehend und freundschaftlich getrennt vom schwul gewordenen Vater der Tochter, mit der sie (»Westfernsehen nur mit mir!«) zu »99 Luftballons« durch die Altbauwohnung tanzt, wenn sie nicht gerade mit ihrer besten Freundin durch ein von Schweißbrennern illuminiertes Altbauviertel läuft, vorbei an authentischen DDR-Punks mit bedrohlichen Frisuren.

Marlene hingegen lebt mit Nazi-Opa (Friedrich von Thun) und dem (zunächst) gefühlskalten Papa (Heino Ferch, dem das volle Haupthaar hervorragend steht) in einem Bungalow von oggersheimscher Prägung, mit alter S-Klasse in der Auffahrt und Serviettenhaltern, Bediensteten (im Hintergrund), Rotwein zum Abendessen und einem dieser Beistelltischchen mit Whisky in Glasflaschen, aus denen sich der Hausherr unter Druck ein Glas einschenken und bedeutungsvoll aus dem Fenster gucken kann.

Hauptdarstellerin Svenja Jung war zu gut für »Unter uns«, in »Der Palast« stemmt sie die Doppelrolle mit Leichtigkeit und spürbarem Spaß am Spiel – auch wenn Marlene und Chris über einen moralischen Kompass verfügen, der das Große der Geschichte ein wenig zu selbstsicher ins Melodram verwandelt: »Wenn das wahr ist, dann müssen uns unsere Eltern über Jahrzehnte betrogen haben!«

Die initiale Begegnung ist schnell erzählt und so tränenreich wie der absehbare Rollentausch. Überhaupt geben sich bald die Absehbarkeiten die Klinke in die Hand. Der beste Freund beantragt die Ausreise aus der DDR, wem wird er wohl im Westen begegnen? Die aktuelle Inszenierung ist nicht systemkonform, was wird das Kulturministerium dazu sagen? Die schwulen Maskenbildner (u.a. und wunderbar: Matthias Matschke) frotzeln sich an, werden sie einander am Ende vielleicht gewogen sein? Und kommt die Stasi dem geschwisterlichen Identitätentausch nicht irgendwann auf die Schliche?

Spannung kommt nur milde auf

Das routinierte Drehbuch von Rodica Doehnert (»Das Adlon«, auch von Uli Edel, auch mit Heino Ferch) lässt keinen Faden ins Leere laufen und keine Verwicklung verknotet. Spannung kommt nur milde auf, höchstens bei Ein- und Ausreise angesichts finsterer Grenzbeamten. Humor, eigentlich der Treibstoff jeder Verwechslungsgeschichte, gibt es weder im Osten noch im Westen.

In »Das doppelte Lottchen« ist die Trennung das Ergebnis einer Beziehungsgeschichte – hier ist sie so sehr mit Weltgeschichte und Ideologie aufgeladen, dass am Ende nur die Maueröffnung helfen kann.

Ob Adlon, Charité, oder Ku’damm 56, 59 oder 63 – was nicht rechtzeitig abgerissen wird in Berlin, das dient irgendwann als symbolisches Prisma, in dem allzu viel Historisches und locker ausgewürfelte Geschichtchen sich spiegeln oder brechen sollen. Was halt nicht geht, wenn das Prisma allzu glatt geschliffen ist. Übrig bleibt schlimmstenfalls die Schmonzette. Oder, wie bei »Der Palast«, harmloses Varieté-TV.

»Der Palast«, ab Montag, 20.15 Uhr, ZDF. Bereits jetzt in der Mediathek abrufbar.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.