Serie "Der Pass" mit Julia Jentsch Das allgemein Unmenschliche

Das Remake des TV-Erfolgs "Die Brücke" zeigt die Jagd auf einen Serienkiller als Operation in nachtschwarzen Abgründen. Großes Serienfernsehen - und nach der Premiere bei Sky nun im Free TV im ZDF zu sehen.

Sky

Dieser Text erschien zuerst im Januar 2019 zur Premiere der Serie bei Sky.

"Die Finsternis haßt Finsternis
weils da immer finster is
und weil ma ohne Licht
aber scho gar nix sicht."

Wolfgang Ambros

Es dauert gewöhnlich nicht lange, bis das große Aneinandervorbeireden anhebt, wenn Österreicher und Deutsche aufeinandertreffen. Erst recht, wenn sich die Kollision deutscher Korrektheit und österreichischen Laissez-faires nicht im Kaffeehaus, sondern im Rahmen einer gemeinsamen beruflichen Herausforderung ereignet. Man kann den Salzburger Kommissar Gedeon Winter (Nicolas Ofczarek) ganz gut verstehen, wenn er an einem Leichenfundort mitten in den Alpen sagt: "Deutscher Pass, deutsches Problem."

Damit kommt er natürlich nicht durch, schließlich zwingt die Serie "Der Pass", die am Freitag bei dem Bezahlsender Sky Deutschland Premiere feiert, die nationalen Eigenheiten von Deutschen und Österreichern zusammen und schickt Winter gemeinsam mit der deutschen Kommissarin Elli Stocker (Julia Jentsch) auf die Suche nach einem Massenmörder.

Nachtschwarz und abgründig

Diese Serie allerdings wächst von Folge zu Folge über sich hinaus, überwindet schnell das ja doch recht ermüdende Ausschlachten angeblicher nationaler Eigenheiten und landet auf bestürzend tragische Weise beim Allgemeinmenschlichen. Oder vielmehr: beim allgemein Unmenschlichen. Serienfernsehen, nachtschwarz und abgründig.

Absehbar war das nicht. Die vorangegangene Sky-Produktion "Das Boot" beeindruckte zwar als Klassiker-Update, wirkte aber durch ihre Nähe zum großen Vorbild wie ein Projekt mit Sicherheitsnetz. So wie "Der Pass": wieder keine echte Neuentwicklung, sondern eine Nacherzählung von "Die Brücke", der phänomenal erfolgreichen dänisch-schwedischen Serie, die das ZDF im Jahr 2012 ausstrahlte und die inzwischen schon an fünf anderen Ländergrenzen Nachahmer fand.

Wirklich originell ist es also zunächst einmal nicht, wenn das Drehbuch des Regie-Teams Cyrill Boss und Philipp Stennert (Mitarbeit: Mike Majzen) als Ausgangspunkt für ihre Geschichte eine Leiche auf den Grenzstein eines österreichisch-deutschen Alpenpasses legt. Zumal die ermittelnden Kommissare anfangs als wandelnde nationale Klischees daherkommen: Winter als saufender Melancholiker mit akuter Jobaversion, Stocker als biedere Beamtin mit Lust auf den ersten großen Fall der Karriere. Sie: "Wir müssen dafür den richtigen Weg finden." Er: "Der richtige Weg führt am Arsch vorbei."

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Serienhit "Der Pass": Die Finsternis

Das erste Opfer ist ein Schleuser, der für den Tod von Migranten verantwortlich war. Bald folgt ein zweites, ein prominenter Unternehmer, und schon wird es ungemütlich für das Ermittler-Team, denn jetzt steigen die Medien groß ein.

Ein Fall zum Ausnüchtern

Anzeichen dafür, dass "Der Pass" mehr ist als die Wiederverfilmung einer funktionierenden Formel, zeigen sich bei den komplexer werdenden Hauptfiguren. Winter ist ein verwundeter Einzelgänger, ein Wolfgang-Ambros-Hörer, der mit Alkohol und Drogen seine Kindheit verdrängt. Ein Hüne von Mann, dessen tänzelnde Bewegungen seine Verletzlichkeit andeuten. Im Verlauf nüchtert ihn der Fall immer mehr aus, er glaubt, darin einen neuen Sinn zu finden.

Ernüchterung erfährt auch die Figur der Ellie Stocker, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen. Anfangs ist sie freundlich-verbindlich, hat immer ein "Gute Arbeit!" auf den Lippen, ein "Oh, danke" und "Ich helfe gern". Davon bleibt bald nicht mehr viel übrig. Die Affäre, die sie mit ihrem Chef (Hanno Koffler) hat, wird öffentlich, Fehlschläge bei den Ermittlungen wollen nicht abreißen, und schließlich entzieht die Politik Ellie die Leitung. Selten wurde eine Figur, die alle Sympathien des Zuschauers genießt, so konsequent von den Ereignissen niedergetrampelt.

Gleichzeitig zieht die Intensität der Krimi-Handlung von Folge zu Folge an. "Der Pass" erfindet das Genre des Serienkiller-Thrillers nicht neu, aber wie geradezu furchterregend geschickt die Macher hier die sattsam bekannten Zutaten arrangieren, ist aufsehenerregend spannend. Die Dramaturgie borgt vor allem bei "Das Schweigen der Lämmer" und "Sieben", arrangiert ihr Material konsequent über den gesamten Erzählzeitraum von knapp acht Stunden und erarbeitet sich in dieser Zeit Freiräume.

Der Killer ist dem Zuschauer schon bald bekannt, und aus einer fiebrigen Tätersuche wird ein meisterhaft ausgefeiltes psychologisches Krimi-Drama, das noch in den letzten 15 Minuten für Überraschungen gut ist.

"Der Pass" ist durchaus eingebettet in ein kompliziertes Heute, ein rechter Politiker und eine YouTube-Influencerin treten auf, es geht um Vereinzelung, die Macht des Internets und digitale Überwachungsfantasien. Diese Aktualitäten treten aber zurück angesichts der hier mächtig sich ausbreitenden Trauer darüber, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, immer noch. Und die Welt kein Ort, der vergibt.

In Wolfgang Ambros' Song "Die Finsternis" wird es am Ende hell, "ma macht sich afoch söba Licht und siecht". Nicht so in "Der Pass". Die Dunkelheit, sie wohnt in uns und lässt uns niemals frei.


Acht Folgen ab Sonntag, 1.12. um 22.15 Uhr im ZDF.



insgesamt 7 Beiträge
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Avagin von Varanasi 01.12.2019
1. In der Finsternis
Die Dunkelheit ist immer eine Option, auch wenn zu befüchten steht, dass die Streiflichter ernüchternd sind. Dann doch lieber Pillow Talk, also nicht der Film, sondern Gespräche mit Kissen, also Gebete. In der Finsternis.
ilikebooks 01.12.2019
2. Ich verstehe die Sache mit den Namen nicht
Wieso wird der Kommissar nur beim Nachnamen erwähnt und die Kommissarin mit Vor- und Zunamen? Das hat eine ganz bestimmte Wirkung, wer nur mit dem Nachnamen bezeichnet wird, erfährt Bedeutungsgewinn. Die Person wird als wichtiger wahrgenommen. In diesem Fall sind ja beide die Hauptfiguren und das sollte sich in einer Rezension auch widerspiegeln. Danke.
Mentor 54 02.12.2019
3.
Scheint so eine Art deutsch-österreichische Variante der dänisch-schwedischen Serie "Die Brücke" zu sein. Vielleicht bewahrt sie der österreichische Anteil ja davor, nur ein reines Plagiat zu sein. Letzteres ist nämlich das große Manko deutscher öffentlich-rechtlicher Filmproduktionen, denen zumeist eine eigene, originäre Handschrift fehlt (außerdem ist hier ja auch Sky Deutschland der produzierende Sender, wobei ich "Babylon Berlin" allerdings auch nicht so toll fand).
frida1209 02.12.2019
4. Schade
dass einmal mehr gute Ansätze so in den Sand gesetzt wurden. Ich kann die enthusiastische Kritik hier überhaupt nicht nachvollziehen (habe mir das Werk bereits schon komplett in der Mediathek angesehen). Ab spätestens der 2. Folge verstolpert sich die Handlung in Nebensträngen (will hier nicht spoilern), die für die Krimihandlung wenig bis gar nicht relevant sind, sondern der typisch deutsche, ziemlich hilflose Versuch, den Ermittlern eine horizontale Erzählung zu konstruieren. Dabei geht allerdings der Krimiplot ziemlich verloren. Die Motivation des Täters? Verliert sich im Dunkel der Ermittlungen. Irgendwie soll er dämonisch sein, ist dann aber doch nur ein Würstchen. Lichtblicke sind die Schauspieler*innen, aber auch hier wurde Potential verschenkt. Insgesamt ist aber die Produktion meilenweit von Thriller-Perlen a la "Die Brücke" meilenweit entfernt.
Mentor 54 02.12.2019
5.
Zitat von frida1209dass einmal mehr gute Ansätze so in den Sand gesetzt wurden. Ich kann die enthusiastische Kritik hier überhaupt nicht nachvollziehen (habe mir das Werk bereits schon komplett in der Mediathek angesehen). Ab spätestens der 2. Folge verstolpert sich die Handlung in Nebensträngen (will hier nicht spoilern), die für die Krimihandlung wenig bis gar nicht relevant sind, sondern der typisch deutsche, ziemlich hilflose Versuch, den Ermittlern eine horizontale Erzählung zu konstruieren. Dabei geht allerdings der Krimiplot ziemlich verloren. Die Motivation des Täters? Verliert sich im Dunkel der Ermittlungen. Irgendwie soll er dämonisch sein, ist dann aber doch nur ein Würstchen. Lichtblicke sind die Schauspieler*innen, aber auch hier wurde Potential verschenkt. Insgesamt ist aber die Produktion meilenweit von Thriller-Perlen a la "Die Brücke" meilenweit entfernt.
Mich nervt auch der permanent unheilvoll dräuende Soundtrack selbst dann, wenn es dafür gar keine Entsprechung in den Bildern gibt. Die dramaturgische Absicht, damit Spannung aufzubauen, geht wegen der akustischen Reizüberflutung zumindest bei mir nach hinten los.
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