Sky-Serie "Der Pass" mit Julia Jentsch Das allgemein Unmenschliche

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, immer noch: "Der Pass", ein Remake des Serienerfolgs "Die Brücke", zeigt die Jagd auf einen Serienkiller als Operation in nachtschwarzen Abgründen. Groß!

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"Die Finsternis haßt Finsternis
weils da immer finster is
und weil ma ohne Licht
aber scho gar nix sicht."

Wolfgang Ambros

Es dauert gewöhnlich nicht lange, bis das große Aneinandervorbeireden anhebt, wenn Österreicher und Deutsche aufeinandertreffen. Erst recht, wenn sich die Kollision deutscher Korrektheit und österreichischen Laissez-faires nicht im Kaffeehaus, sondern im Rahmen einer gemeinsamen beruflichen Herausforderung ereignet. Man kann den Salzburger Kommissar Gedeon Winter (Nicolas Ofczarek) ganz gut verstehen, wenn er an einem Leichenfundort mitten in den Alpen sagt: "Deutscher Pass, deutsches Problem."

Damit kommt er natürlich nicht durch, schließlich zwingt die Serie "Der Pass", die am Freitag bei dem Bezahlsender Sky Deutschland Premiere feiert, die nationalen Eigenheiten von Deutschen und Österreichern zusammen und schickt Winter gemeinsam mit der deutschen Kommissarin Elli Stocker (Julia Jentsch) auf die Suche nach einem Massenmörder.

Nachtschwarz und abgründig

Diese Serie allerdings wächst von Folge zu Folge über sich hinaus, überwindet schnell das ja doch recht ermüdende Ausschlachten angeblicher nationaler Eigenheiten und landet auf bestürzend tragische Weise beim Allgemeinmenschlichen. Oder vielmehr: beim allgemein Unmenschlichen. Serienfernsehen, nachtschwarz und abgründig.

Absehbar war das nicht. Die vorangegangene Sky-Produktion "Das Boot" beeindruckte zwar als Klassiker-Update, wirkte aber durch ihre Nähe zum großen Vorbild wie ein Projekt mit Sicherheitsnetz. So wie "Der Pass": wieder keine echte Neuentwicklung, sondern eine Nacherzählung von "Die Brücke", der phänomenal erfolgreichen dänisch-schwedischen Serie, die das ZDF im Jahr 2012 ausstrahlte und die inzwischen schon an fünf anderen Ländergrenzen Nachahmer fand.

Wirklich originell ist es also zunächst einmal nicht, wenn das Drehbuch des Regie-Teams Cyrill Boss und Philipp Stennert (Mitarbeit: Mike Majzen) als Ausgangspunkt für ihre Geschichte eine Leiche auf den Grenzstein eines österreichisch-deutschen Alpenpasses legt. Zumal die ermittelnden Kommissare anfangs als wandelnde nationale Klischees daherkommen: Winter als saufender Melancholiker mit akuter Jobaversion, Stocker als biedere Beamtin mit Lust auf den ersten großen Fall der Karriere. Sie: "Wir müssen dafür den richtigen Weg finden." Er: "Der richtige Weg führt am Arsch vorbei."

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Serienhit "Der Pass": Die Finsternis

Das erste Opfer ist ein Schleuser, der für den Tod von Migranten verantwortlich war. Bald folgt ein zweites, ein prominenter Unternehmer, und schon wird es ungemütlich für das Ermittler-Team, denn jetzt steigen die Medien groß ein.

Ein Fall zum Ausnüchtern

Anzeichen dafür, dass "Der Pass" mehr ist als die Wiederverfilmung einer funktionierenden Formel, zeigen sich bei den komplexer werdenden Hauptfiguren. Winter ist ein verwundeter Einzelgänger, ein Wolfgang-Ambros-Hörer, der mit Alkohol und Drogen seine Kindheit verdrängt. Ein Hüne von Mann, dessen tänzelnde Bewegungen seine Verletzlichkeit andeuten. Im Verlauf nüchtert ihn der Fall immer mehr aus, er glaubt, darin einen neuen Sinn zu finden.

Ernüchterung erfährt auch die Figur der Ellie Stocker, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen. Anfangs ist sie freundlich-verbindlich, hat immer ein "Gute Arbeit!" auf den Lippen, ein "Oh, danke" und "Ich helfe gern". Davon bleibt bald nicht mehr viel übrig. Die Affäre, die sie mit ihrem Chef (Hanno Koffler) hat, wird öffentlich, Fehlschläge bei den Ermittlungen wollen nicht abreißen, und schließlich entzieht die Politik Ellie die Leitung. Selten wurde eine Figur, die alle Sympathien des Zuschauers genießt, so konsequent von den Ereignissen niedergetrampelt.

Gleichzeitig zieht die Intensität der Krimi-Handlung von Folge zu Folge an. "Der Pass" erfindet das Genre des Serienkiller-Thrillers nicht neu, aber wie geradezu furchterregend geschickt die Macher hier die sattsam bekannten Zutaten arrangieren, ist aufsehenerregend spannend. Die Dramaturgie borgt vor allem bei "Das Schweigen der Lämmer" und "Sieben", arrangiert ihr Material konsequent über den gesamten Erzählzeitraum von knapp acht Stunden und erarbeitet sich in dieser Zeit Freiräume.

Der Killer ist dem Zuschauer schon bald bekannt, und aus einer fiebrigen Tätersuche wird ein meisterhaft ausgefeiltes psychologisches Krimi-Drama, das noch in den letzten 15 Minuten für Überraschungen gut ist.

"Der Pass" ist durchaus eingebettet in ein kompliziertes Heute, ein rechter Politiker und eine YouTube-Influencerin treten auf, es geht um Vereinzelung, die Macht des Internets und digitale Überwachungsfantasien. Diese Aktualitäten treten aber zurück angesichts der hier mächtig sich ausbreitenden Trauer darüber, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, immer noch. Und die Welt kein Ort, der vergibt.

In Wolfgang Ambros' Song "Die Finsternis" wird es am Ende hell, "ma macht sich afoch söba Licht und siecht". Nicht so in "Der Pass". Die Dunkelheit, sie wohnt in uns und lässt uns niemals frei.


"Der Pass", ab 25. Januar auf dem Bezahlsender Sky Deutschland



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Little_Nemo 25.01.2019
1. Grenzfälle und Grenzwertigkeiten
Noch ein Remake von "Die Brücke"? Die Amerikaner hatten doch schon eines gemacht, das an der mexikanisch-amerikanischen Grenze spielte. Mit Diane Krüger. Vom ersten Teil habe ich sogar mal den Anfang gesehen, dann aber die Lust verloren, denn die Story kannte ich ja im Prizip schon. Vom Original habe ich die ersten drei Staffeln mit Spannung verfolgt. Die vierte habe ich bislang noch nicht gesehen, weil für mich da langsam auch ein wenig die Luft raus war. Wie Herr Kaever das hier schildert, klingt das schon sehr gut. Aber warum andauernd Remakes? Fällt den Leuten bei Film und TV - gerade bei den Bezahlsendern - nichts eigenes mehr ein? Zudem frage ich mich schon länger ob diese mythische Überhöhung des Serien-Killer-Themas, die seit "Das Schweigen der Lämmer" in Literatur und Film so um sich gegriffen hat, nicht langsam mal wieder auf die Füße gestellt werden sollte. So interessant und spannend auch ich "Das Schweigen der Lämmer" und "Sieben" fand, viele Menschen sehen mittlerweile im Serienkiller tatsächlich so etwas wie den Übermenschen, das Ideal eines immer überlegenen, weil emotionslosen und intellektuell genialen Menschen. Eine Art von Fascho-Superman. Kein Wunder, wenn manche Leute plötzlich auch jemanden wie Trump für wählbar halten. Dieses Bild ist aber von den Realitäten denkbar weit entfernt. Die bei weitem meisten Serienkiller sind vergleichsweise ungebildete Menschen durchschnittlicher Intelligenz. Von einem realen Hannibal Lecter ist mir nichts bekannt. Und da sie zumeist Triebtäter, also das Gegenteil von intelligent und penibel geplant und durchdacht handelnden Menschen sind, werden die meisten auch relativ schnell erwischt, wenn die Polizei nicht so schlampt oder überfordert ist, wie etwa im Fall Ted Bundy.
cobaea 25.01.2019
2.
Zitat von Little_NemoNoch ein Remake von "Die Brücke"? Die Amerikaner hatten doch schon eines gemacht, das an der mexikanisch-amerikanischen Grenze spielte. Mit Diane Krüger. Vom ersten Teil habe ich sogar mal den Anfang gesehen, dann aber die Lust verloren, denn die Story kannte ich ja im Prizip schon. Vom Original habe ich die ersten drei Staffeln mit Spannung verfolgt. Die vierte habe ich bislang noch nicht gesehen, weil für mich da langsam auch ein wenig die Luft raus war. Wie Herr Kaever das hier schildert, klingt das schon sehr gut. Aber warum andauernd Remakes? Fällt den Leuten bei Film und TV - gerade bei den Bezahlsendern - nichts eigenes mehr ein? Zudem frage ich mich schon länger ob diese mythische Überhöhung des Serien-Killer-Themas, die seit "Das Schweigen der Lämmer" in Literatur und Film so um sich gegriffen hat, nicht langsam mal wieder auf die Füße gestellt werden sollte. So interessant und spannend auch ich "Das Schweigen der Lämmer" und "Sieben" fand, viele Menschen sehen mittlerweile im Serienkiller tatsächlich so etwas wie den Übermenschen, das Ideal eines immer überlegenen, weil emotionslosen und intellektuell genialen Menschen. Eine Art von Fascho-Superman. Kein Wunder, wenn manche Leute plötzlich auch jemanden wie Trump für wählbar halten. Dieses Bild ist aber von den Realitäten denkbar weit entfernt. Die bei weitem meisten Serienkiller sind vergleichsweise ungebildete Menschen durchschnittlicher Intelligenz. Von einem realen Hannibal Lecter ist mir nichts bekannt. Und da sie zumeist Triebtäter, also das Gegenteil von intelligent und penibel geplant und durchdacht handelnden Menschen sind, werden die meisten auch relativ schnell erwischt, wenn die Polizei nicht so schlampt oder überfordert ist, wie etwa im Fall Ted Bundy.
Mein Verdacht ist ein ganz anderer: Wenn man einen Psychopathen als Serienkiller zur Hauptperson macht, spart man sich die "lästige" Arbeit, ein brauchbares (und über mehrere Folgen tragendes) Motiv entwickeln zu müssen. Der Typ ist ja Psychopath (oder Soziopath), der braucht kein Motiv, der mordet, weil's ihm Spass macht. Zudem muss man sich nicht damit aufhalten, dass da jemand womöglich Schuldgefühle entwickelt oder Emotionen hat. Diese Serienkiller-Geschcihten sind - meiner Meinung nach - der Faulheit der DrehbuchschreiberInnen und dem Wunsch der Produzenten Geld zu sparen geschuldet.
benmartin70 25.01.2019
3.
Zitat von cobaeaMein Verdacht ist ein ganz anderer: Wenn man einen Psychopathen als Serienkiller zur Hauptperson macht, spart man sich die "lästige" Arbeit, ein brauchbares (und über mehrere Folgen tragendes) Motiv entwickeln zu müssen. Der Typ ist ja Psychopath (oder Soziopath), der braucht kein Motiv, der mordet, weil's ihm Spass macht. Zudem muss man sich nicht damit aufhalten, dass da jemand womöglich Schuldgefühle entwickelt oder Emotionen hat. Diese Serienkiller-Geschcihten sind - meiner Meinung nach - der Faulheit der DrehbuchschreiberInnen und dem Wunsch der Produzenten Geld zu sparen geschuldet.
Hier sogar noch extremer weil man, mal wieder, einfach etwas schon bestehendes kopiert. Ich frage mich ob hierzulande überhaupt noch kreative Köpfe vorhanden sind.
Avagin Ste des infertiles 25.01.2019
4. TDI again
Zitat von cobaeaMein Verdacht ist ein ganz anderer: Wenn man einen Psychopathen als Serienkiller zur Hauptperson macht, spart man sich die "lästige" Arbeit, ein brauchbares (und über mehrere Folgen tragendes) Motiv entwickeln zu müssen. Der Typ ist ja Psychopath (oder Soziopath), der braucht kein Motiv, der mordet, weil's ihm Spass macht. Zudem muss man sich nicht damit aufhalten, dass da jemand womöglich Schuldgefühle entwickelt oder Emotionen hat. Diese Serienkiller-Geschcihten sind - meiner Meinung nach - der Faulheit der DrehbuchschreiberInnen und dem Wunsch der Produzenten Geld zu sparen geschuldet.
True Detective I war ein Hymnus an die Finsternis mit finalem Bekenntnis zum Licht. Alles war neu. Diese Aufgüsse aber sind tatsächlich Faulheit und das Ergebnis der Effizienzkultur, die überall nur Bürokraten duldet - Unterhaltungsbeamte, ähnlich dem Girl-Orchestra aus Nordkorea. Ansonsten grüße ich sie herzlich aus der Duchy of Dutchester mit einem Prosit oblique.
Gubanöhr 25.01.2019
5. 7?
Ich habe mir die vier ersten Folgen angesehen und dann die letzte. Vor längerer Zeit habe ich mal 7 gesehen und Das Schweigen der Lämmer mit diesen Meisterwerken wird der Film hier ja auch verglichen. Warum? Das bei Der Pass mal ansatzweise so was entsteht, wie bei 7, also wirklich, nicht die Spur davon! Der Film versucht mit grossartigen Bildern eine fade Geschichte einzufangen, die so vorhersehbar ist, wie das Husten von meinem Grossvater. Wirklich. Ich konnte in der ersten Folge schon erkennen, wie die Hauptfigur (Nicolas Ofczarek) enden würde. Das Spiel von Ofczarek allerdings fand ich fesselnd und interessant, das krasse Gegenteil der trüben Leistung von Julia Jentsch und das Einzigste was mich am Leben hielt. Ohne Ofczarek könnte man die Serie locker wieder in die Tonne kicken. Cool sind auch seine Sprüche, manchmal blitzen, getragen durch Nicolas Ofczarek, auch Momente des Country Noir auf, tief in der Provinz, Momente aus denen man hätte mehr machen können. Der deutsche Film besitzt keine Ideen und macht nur schräge Anleihen an irgendwelchen Vorbildern und versucht sich das Noir Genre einzuverleiben ohne das Noir Genre wirklich zu kennen. Das Schlimmste an der Serie fand ich die ständig unnatürliche Sicht durch irgendwelche Polisarisations Filter, durch irgendwelche künstlichen Gelbtöne, Blautöne und sonst noch was alles was man vor die Kamera schrauben kann. Ich schaue mir lieber die Originale von denen die Serie abkupfert, True Detective zum Beispiel.
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