DVD-Edition "Der Prozess" Dem Grauen in die Augen geschaut

15 ehemalige SS-Angehörige sollen im KZ Majdanek an der Ermordung von einer Viertelmillion Menschen beteiligt gewesen sein. Sechs Jahre dauert der Prozess gegen sie. Ein Blick auf die deutsche Geschichte.

absolut MEDIEN/ NDR

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Im November 1975 begann in Düsseldorf der längste Gerichtsprozess der Nachkriegsgeschichte. 15 ehemalige SS-Angehörige, Männer und Frauen, waren angeklagt, an der Ermordung von etwa einer Viertelmillion Menschen im Konzentrationslager Majdanek beteiligt gewesen zu sein. Die Anklage stellte 28.000 Seiten Material zusammen. Die Verlesung der Urteilsbegründung am 30. Juli 1981 dauerte einen ganzen Tag. Der Regisseur Eberhard Fechner erhielt vom NDR den Auftrag, diesen juristischen Kraftakt zu dokumentieren. Sechs Jahre dauerte das Verfahren, acht Jahre die Arbeit am Film. Das Ergebnis, der Dreiteiler "Der Prozess", wurde 1984 erstmals ausgestrahlt und verschwand dann in den Archiven. Dass er jetzt erstmalig in einer angemessen schmucklosen DVD-Edition zugänglich ist, war an der Zeit.

Eberhard Fechners Film zeichnet ein dunkles, verdichtetes Bild des postnazistischen Deutschlands dreißig Jahre nach Kriegsende. Was man sieht, ist ernüchternd bis beklemmend: Bürger, die die Verhandlung als Möglichkeit der "Reinigung" Deutschlands verstanden wissen wollen; Anwälte, die einer ehemaligen KZ-Insassin Beihilfe zum Mord unterstellen, weil sie im Lager Zyklon B transportieren musste; Angeklagte, die sich, nachdem sie Vertrauen gefasst haben, vor der Kamera gerne auch mal an die angenehmen Seiten ihrer Zeit im Lager erinnern. Einer nennt sich und seine Kameraden "kleine Hasen", während man die Großen wieder einmal laufen lasse. Er macht damit implizit die Dimensionen des Geschehens deutlich, die nicht nur juristisch schwer zu fassen waren. Tatsächlich war in Düsseldorf ziemlich genau ein Prozent des Personals von Majdanek angeklagt. Und die Urteile fielen in der Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit skandalös niedrig aus: ein Freispruch, ein paar Mal dreieinhalb Jahre, dann vier, sechs und acht Jahre, einmal zehn, einmal zwölf, einmal lebenslänglich.

Ein bislang vergessenes, ungesehenes Werk

In "Der Prozess" geht es um erzählte Geschichte, nicht um ihre Reinszenierung. Und gesprochen hat Fechner mit allen: den Überlebenden von Majdanek, die als Zeugen geladen waren, den Prozessbeobachtern, dem Richter, den Staatsanwälten, den Anwälten der Täter - und mit den Tätern selbst. In seiner hocheffektiven Montage werden die Aussagen der ehemaligen Insassen in Widerstreit zu den Erzählungen der SS-Angehörigen gesetzt. Die stellen die Erinnerung der Opfer infrage und berufen sich, obwohl zu keiner Zeit in Gefahr, auf den Befehlszwang. Man kann in "Der Prozess" nahezu jede Variante der Rechtfertigungsversuche beobachten, die sich in Deutschland nach 1945 etabliert haben.

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Die SS-Angehörige Hildegard Lächert zum Beispiel. Eine der zwei Angeklagten, die zu einer Freiheitsstrafe von über zehn Jahren verurteilt wurden. Sie hatte offenbar spätestens mit Prozessbeginn realisiert, dass ihr Tun dreißig Jahre nach der Befreiung nicht als lästige Pflicht oder gar als Heldentat, sondern als inhuman gilt. Doch gerade das ermöglicht ihr die Annahme eines unpersönlichen "man": "Man war ja auch kein Mensch mehr", die Umstände halt. Und dann wieder ein beiläufiger Satz, der in seiner grotesken Unverhältnismäßigkeit eine, mal vorsichtig in Juristensprache formuliert, "mangelnde Schuldeinsicht" hervortreten lässt: "Wenn man einem Häftling den kleinen Finger reicht, dann nimmt sie gleich die ganze Hand." Schnitt. Eine Insassin erinnert sich in gebrochenem Deutsch an Hildegard Lächert: "Ihr Hund war sehr gehorsam, sie konnte es auf Menschen schicken und sie auf Stücke zerreißen."

Dazwischen schneidet Fechner immer wieder ikonische Dokumentarbilder: Leichenberge und Aschehaufen. Trotzdem will "Der Prozess" den Zuschauer nicht überwältigen. Man sieht mehr und anderes als in den meisten deutschen Produktionen, die versuchen, sich ein Bild von der Geschichte zu machen und dabei primär auf die suggestive Kraft von Bildern setzen. Die Ruhe und die Dauer des Films ermöglichen eine analytische Wahrnehmung nicht nur der Vergangenheit, sondern auch ihres Nachlebens bis in die Gegenwart hinein. Die Gewalt lebt in den Erzählungen und in den Körpern weiter. Auf einmal habe es sie überall gejuckt, vor einem Jahr sei das losgegangen, berichtet Hildegard Lächert unvermittelt und zeigt ungefragt ihre Arme und Beine - alles voller Schwelen und aufgekratzter Stellen. Das seien dann wohl "seelische Bakterien", diagnostiziert ein Zeuge.

"Der Prozess" ermöglicht einen Blick, der die Abwehrmechanismen unterläuft

Überhaupt ist die Offenheit der Angeklagten in den Gesprächen erstaunlich. Eberhard Fechner zeichne sich als Interviewer durch "geduldige Zuwendung" aus, schrieb der Filmwissenschaftler Knut Hickethier nach der Erstausstrahlung. Die Angeklagten sitzen vor seiner Kamera als Menschen, die sprechen dürfen, aber nicht müssen. Auch der Zuschauer bekommt nichts aufgezwängt. "Man hört mich nicht, man sieht mich nicht, ich bin der Schnitt", hat Fechner gesagt. Das Ergebnis ist ein Film, der nicht überzeugen, sondern die Dinge der Wahrnehmung zugänglich machen will.

"Der Prozess" war bislang ein weitgehend vergessenes, ungesehenes Werk. Man darf vermuten, dass ein derart sperriger, fordernder und formal offener Film unter dem omnipräsenten Quotendruck, der seit einigen Jahren auch die öffentlich-rechtlichen Sender im Würgegriff hat, heute nicht mehr möglich wäre. Im Oktober zeigte der NDR den Film zum 90. Geburtstag des 1992 verstorbenen Regisseurs noch einmal. Um 23.15 Uhr ging es los, Filmschluss war gegen viertel vor vier morgens. Die Zuschauerzahl dürfte sich im mittleren zweistelligen Bereich bewegt haben.

Bleibt zu hoffen, dass sich das nun ändert. Schließlich ermöglicht "Der Prozess" einen Blick auf die deutsche Geschichte, der die Abwehrmechanismen unterläuft, die hierzulande nach wie vor greifen. Und zwar dann, wenn es nicht mehr um das gut gemeinte, im unglücklichsten Fall die Vergangenheit abdichtende Gedenken an die Opfer geht, sondern um eine konsequente Wahrnehmung der Verfasstheit der Täter.



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