Bewerbungsshow "Der Traumjob" Da cringt es heftig im Gebälk

Angeblich sucht Jochen Schweizer in "Der Traumjob" einen Geschäftsführer für sein Erlebnisverkaufs-Unternehmen. Tatsächlich ist das Format nur ein aufwendig verfilmter Produktkatalog.

ProSieben/ Richard Hübner

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Jochen Schweizer ist ein Mensch gewordenes Amphibienfahrzeug mit Flügeln dran. Wenn er im neuen ProSieben-Format "Der Traumjob" erscheint, um den Kandidaten und Kandidatinnen eine neue Quatschaufgabe zu stellen, kommt er wahlweise im Kajak angepaddelt, im Jeep durch kenianische Landschaft gebrettert oder mit einem Zeppelin eingeschwebt, wie ein Fun-orientierter Messias mit großem Fuhrpark, und man ist nach ein paar solchen Auftritten fast ein bisschen enttäuscht, dass er anschließend nicht einfach die Arme ausbreitet und aus eigener Kraft wieder davongleitet, wie ein Flughörnchen. Oder einen versteckten Drillmechanismus auf seinem Kopf ausfährt und sich wie ein Hightech-Maulwurf in die Erde bohrt.

Denn dieser Mann ist ein Tausendsassa, so die mäßig subtile Botschaft der Auftaktsendung seines eigenen Formats, mit dem der Erlebnisverkäufer drei Jahre nach seinem Abgang bei der "Höhle der Löwen" ins Fernsehen zurückkehrt. Schnell fragt man sich, wozu so einer überhaupt einen Geschäftsführer braucht, wo er dessen Arbeit doch sicher zwischen zwei Raftingtouren geschwind selbst erledigen könnte und daneben garantiert auch noch Zeit hätte, ein paar neue Business-Wandtattoosprüche ("Mein Büro ist die Welt") zu dichten.

Aber nein, einer oder eine der elf "Traumjob"-Teilnehmer und Teilnehmerinnen soll das künftig erledigen, wobei bis zum Ende komplett unklar bleibt, um welche Stelle in welchem der Schweizerschen Unternehmen es denn eigentlich geht.

Zirkeltraining quer durch den Erlebniskatalog

Was freilich auch herzlich egal ist, denn ihre unternehmerische Qualitäten, Kreativität oder Geschäftsverständnis scheinen in dieser Castingshow keine Rolle zu spielen. Stattdessen ist "Der Traumjob" ein Zirkeltraining quer durch den Jochen-Schweizer-Erlebniskatalog: Gleich zu Beginn müssen alle erst mal Fallschirm springen, was aber eh nicht mehr schockt, weil das schließlich auch alle Dschungelcamp-Kandidaten machen müssen. Anschließend sollen die "Traumjob"-Bewerber in einem kippeligen Bötchen paddeln (was Schweizer die Gelegenheit gibt, den schönen Satz "Ich bin ein leidenschaftlicher Sammler alter Mahagoni-Rennkajaks" zu sagen), bald im Windkanal fliegen oder auf einer künstlichen Welle surfen.

Schweizer gibt selbst zu, dass all das natürlich nicht zu den Kernkompetenzen eines möglichen Geschäftsführers gehöre - er wolle die Kandidaten aber in Extremsituationen sehen, um sie beurteilen zu können. Die halbherzige Begründung, man müsse Spaß an all diesen Dingen haben, wenn man in einer Firma arbeiten wolle, die solche Dinge verkaufen will, ist natürlich Unsinn: Kein Plattenlabelboss muss singen können, kein Strafverteidiger erst mal selbst jemanden umbringen.

Zwischen den quatschigen Testaufgaben, das ist auch nicht schön, menschelt es dann kurz aufs Castingshow-Klischeehafteste: Natürlich gibt es Patrick, einen egomanen Brüllobert, der sich zum Bestimmer krakeelen will, das klassische Nervmännchen, man kennt es. Und natürlich gibt es Frank, einen bornierten Knorzkopf: "Schau dir mal die Hütten an, da stellt man bei uns ein Fahrrad unter", sagt er in Kenia, bevor er im Zelt den fehlenden Parkettboden bemängelt, in der Münchner Kandidatenvilla will er Männer und Frauen "aus hygienischen Gründen" trennen und hat auch sonst so seine Probleme: "Eins der Doppelbetten hat nur ein gemeinsames Laken und lässt sich nicht auseinanderschieben." Alles getreu dem Schweizerschen Sinnspruch "Man kann das Leben nur gefährlich leben".

Team-Challenge Rindertreiben

Die Ersten fliegen raus, da kennt man noch nicht mal alle Namen, und ihre Leben nur im Schrumpfformat, so viel eben in einen Ich-schlag-den-Raab-artigen Mini-Einspieler und auf eine kurz eingeblendete Karteikarte passt. Dabei scheinen manche erratischen Kandidatenberufe durchaus beleuchtenswert: Eine ist "Strandtesterin", ein anderer Golflehrer, aber auch Synchronsprecher. Wie wahrscheinlich ist es, dass Schweizer die Geschicke seines Unternehmens einer "Shop-Managerin auf einem Kreuzfahrtschiff" übergibt? Und was kann man sich wohl genau unter der Bezeichnung "Gründer einer Fun-Attraktion" vorstellen? Ganz kurz ist der entsprechende Kandidat in irgendwas Aufblasbarem, Wassergeflutetem zu sehen, das aussieht wie ein Spiel, das es dann doch nicht in ein Joko-und-Klaas-Format geschafft hat.

Er wolle seine Kandidaten wirklich kennenlernen, behauptet Schweizer, aber in Wahrheit lernt man leider vor allem ihn kennen. Denn in jeder Folge müssen Aufgaben an Orten gelöst werden, die für ihn prägend waren. Und so fliegen also zum Auftakt alle nach Kenia, damit sie dort als Team-Challenge eine Herde Rinder vier Kilometer zum nächsten Rastplatz treiben können, was ungefähr so langweilig ist, wie es hier klingt. Hätte man womöglich ja auch deutlich aufwandsärmer im Allgäu machen können, aber den hat Schweizer als junger Mann nicht mit dem Motorrad durchquert, im Gegensatz zu Kenia, wie er zwei- bis zwanzigmal erzählt.

Er steht klar im Spotlicht dieser Sendung, sogar buchstäblich in der vielleicht unangenehmsten Szene der Auftaktfolge: Die Kandidaten und Kandidatinnen sollen eine Art Antrittsrede vor 200 Mitarbeitern halten, für einen immer noch unklaren Job - und das komplette Publikum ist ins Dunkle getaucht, nur Jochen Schweizer sitzt im Lichte, als hätte er auf einem Nachtflug voller Schlafbären als einziger die Leseleuchte angeknipst. Eventuell cringt es aber doch noch ein bisschen heftiger im Gebälk, als man Schweizer später allein auf dem Gipfel eines kenianischen Berges stehen sieht, die Arme ausgebreitet wie Lou van Burg, von der Kamera umkreiselt, und man sekündlich auf den Anruf von Jon Bon Jovi wartet, der sein abgeschmacktes Musikvideo-Setting zurückhaben will.

Auf Twitter bemängeln während der Sendung viele, bei "Der Traumjob" fehle die Einblendung "Dauerwerbesendung", zumal rein zufällig große Teile der Schweizer-GmbH inzwischen ProSiebenSat1 gehören. Gedanklich ist das nachvollziehbar, gefühlsmäßig braucht es diese Werbekennzeichnung nicht: Wenn beim Zuschauen ein Eindruck bleibt, dann der, dass man all diese gezeigten Unternehmungen bitte niemals selbst erleben will.


"Der Traumjob - bei Jochen Schweizer", dienstags 20.15 Uhr, auf ProSieben

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insgesamt 21 Beiträge
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Preppy 10.07.2019
1. Anja Rützel mal wieder in Hochform
"man ist nach ein paar solchen Auftritten fast ein bisschen enttäuscht, dass er anschließend nicht einfach die Arme ausbreitet und aus eigener Kraft wieder davon gleitet, wie ein Flughörnchen. Oder einen versteckten Drillmechanismus auf seinem Kopf ausfährt und sich wie eine Hightech-Maulwurf in die Erde bohrt." Danke, Frau Rützel - ich habe Tränen gelacht beim Lesen solcher Zeilen! Die Sendung ist aber auch wirklich ein dankbares Ziel für Spott.
3vv4v3 10.07.2019
2. Danke Anja
nicht nur dass ich mir die Show bzw Dauerwerbesendung schon so vorgestellt habe.... hast du auch die passenden Bilder in meine Kopf erzeugt und mich mit deiner Schreibweise mal wieder gekonnt mehrfach zum Schmunzeln gebracht und wie immer sehr treffend ausformuliert. Was noch Wichtiger ist.. du hast mir Zeit erspart doch mal hinein zu sehen. :-) Also Danke Anja :-)
Henson 10.07.2019
3. Besser als die Sendung
Wir haben ja gestern auch knapp 30 Minuten reingesehen. Ich hätte in dieser Zeit wohl einfach mehrfach diesen Artikel lesen sollen. Wäre um einiges spassiger und interessanter gewesen. Danke dafür :)
spon_7302413 10.07.2019
4. Investigativ
Es braucht vermutlich ein sich in diesen Formaten zuhause fühlendes Auge, um zu erkennen, dass der sinistere Scharlatan und Alpha-Abenteurer Jochen Schweizer in Wahrheit nur seine pekuniären Interessen im Sinn hat, wenn er seine Angebote unter dem Deckmantel eines Casting-Formats für Führungskräfte, und dann auch noch so subtil über die Reichweite einer weiteren Trash-TV-Show, vermarktet. Andererseits ist das doch aber auch ein recht schlauer Schachzug. Anstatt die teure Werbung in den Werbefenstern solcher zielgruppensicheren Shows zu finanzieren, lieber selbst so eine Produktion an einen zahlungskräftigen Sender verkaufen und womöglich sogar an eben diesen Erträgen der Werbefenster zu partizipieren. Ganz im Sinne von Pekunia non olet. Ganz anders Krokodilstränen, die können mitunter ganz arg müffeln... Es es gab und gibt wahrlich schlimmere Formate, die hier schon nach Herzenslust und mit erkennbarem Vergnügen rezensiert wurden. Dem dankbaren Abnehmer und hauptamtlichen Trash-TV-Zuschauer, wie auch den davon lebenden Kommentatoren, sollte es doch egal sein, woher das Geld für die Brötchen am Sonntag stammt... ob auf dem eigenen Tisch, bei den Schweizers, oder den Freaks aus dem Dschungelzoo - so lange dafür kein niedlicher Hase grausam geschlachtet werden musste... ;-)
effing 10.07.2019
5. "Kann ein Geschäftsführer - also ein Betriebswirt..."
Weit verbreitetes Denkmuster in Deutschland und möglicherweise einer der Gründe dafür, dass wir vermehrt spektakuläres Missmanagement in der strategischen Ausrichtung diverser Großkonzerne beobachten können.
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