Gala in Köln Fernsehpreis für umstrittene TV-Reihe "Auf der Flucht"

Hilfsorganisationen hatten das Format kritisiert, nun ist die ZDFNeo-Reihe "Auf der Flucht" mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet worden. Ottfried Fischer bekam den Preis für sein Lebenswerk - und sorgte mit einer Hommage an den verstorbenen Marcel Reich-Ranicki für eine Schrecksekunde.

DPA

Köln - Bildungsprogramm mit Dschungelcamp-Atmosphäre: In der ZDFNeo-Reihe "Auf der Flucht - Das Experiment" hatten sich Prominente auf die Spur von Flüchtlingen begeben - und dafür heftige Kritik von Hilfsorganisationen kassiert. Beim Deutschen Fernsehpreis ist das Format dennoch in der Kategorie "Beste Unterhaltung Doku/Dokutainment" ausgezeichnet worden. Durchgesetzt hatte sich das Promi-Fluchtspektakel unter anderem gegen die erfolgreiche RTL-II-Dauershow "Berlin -Tag und Nacht" (BTN).

Auch die Pseudo-Doku über eine Wohngemeinschaft in Berlin war zuvor vielfach angegangen worden. "Ein bewusst dilettantisches Schauspiel", nannte der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler, früher Leiter des Grimme-Instituts in Marl, das Format. Es solle die Vermutung mobilisiert werden: "Was so schlecht gespielt ist, kann nur echt sein." BTN sei "aggressive Anti-Kunst" und lebe nur von einem "Kult des Authentischen".

Anders die Reaktionen auf den "Besten Fernsehfilm": In der Kategorie wurde am Mittwoch in Köln das ARD-Drama "Operation Zucker" ausgezeichnet. Die Geschichte um die Zwangsprostitution rumänischer Kinder in Deutschland setzte sich gegen "Der Fall Jakob von Metzler" (ZDF) und "Der Minister" (Sat.1) durch. "Ich freue mich, dass es den Mut gibt, solch radikale Filme zu machen", sagte Produzentin Gabriela Sperl. "Und ich hoffe, dass nach der Wahl die Politiker sich für Kinder und gegen Prostitution einsetzen."

Die Hauptdarstellerin von "Operation Zucker", Nadja Uhl, musste sich in der Kategorie "Beste Schauspielerin" allerdings geschlagen geben. Den Preis nahm Susanne Wolff entgegen. Die 1973 geborene Schauspielerin wurde für ihre Leistung im ARD-Drama "Mobbing" geehrt. Wolff sagte nach der Laudatio von Schauspieler-Kollege Henning Baum: "Mein Herz rast schon seit 3 Uhr heute. Es waren schöne drei Wochen, seit ich von der Nominierung weiß."

Anders reagierte Ottfried Fischer: "Ich nehme diesen Preis nicht an" sagte der "Bulle von Tölz"-Darsteller, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte. Für einen Augenblick herrschte betretene Stille unter den Gästen im Kölner Coloneum, bis Fischer nachschob: "Eine Pointe!" Vor fünf Jahren hatte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki mit dieser Bemerkung die Auszeichnung abgelehnt, weil ihm viele TV-Sendungen, die an jenem Abend prämiert wurden, nicht passten.

Zu der diesjährigen Gala hatten sich am Mittwochabend rund 1300 deutsche Schauspieler, Moderatoren, Produzenten und TV-Manager getroffen (siehe Fotostrecke). In insgesamt 16 Kategorien wird die Trophäe, ein gläserner Obelisk, verliehen. Durch die Show, die zunächst nur aufgezeichnet wurde, führte das Moderatoren-Duo Cindy aus Marzahn und Oliver Pocher ("Promi Big Brother"). Ausgestrahlt wird die Gala am Freitag, den 4. Oktober um 22.15 Uhr auf Sat.1.

vks/dpa

insgesamt 23 Beiträge
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zxtare 02.10.2013
1. Oh Gott
Ich frage mich wieso so etwas Geschmackloses einen Preis gewinnen kann...
spmc-125129374339071 02.10.2013
2. Ohne Worte
Dieser Artikel sagt alles zum Zustand des deutschen Fernsehens aus. *fremdschäm*
ollux 02.10.2013
3. es würde den Sachverhalt
besser gerecht werden, wenn Fischer den Preis auch in Wirklichkeit nicht angenommen hätte. Sein Spiel ist bemerkenswert eindimensional, selten überraschend und hat, unabhängig ob seiner Erkrankung, die Leichtigkeit eines Roboters. Die Intonation, Emphasis seiner gesprochenen Sätze könnte auch von einem Übersetzungsautomaten aus dem Internet kommen, obwohl mir scheint, sogar da käme mehr Stimmung herüber.Gleichzeitig ist die Physiognomie des "Mimen" ist vollkommen erstarrt, offensichtlich wie die Urteilsfähigkeit der Jury, der ich jegliches Fachwissen aberkenne. Oder gibt es bei dieser Verleihung etwa einen speziellen Gnadenpreis? Das Beste aber: Mit B-T-N hat sie ein unglaubliches Beispiel ihrer beliebigen Bewertung gegeben.
"Armenhaus" 03.10.2013
4. Deutsches Fernsehen ...
zum Abschalten. ( Leider alternativlos!)
repich2000 03.10.2013
5. oh weh...
man mag es kaum glauben, was heutzutage ausgezeichnet wird. DAs ZDF PseudeoDokuformat zeichnet sich durch eine nette Bildsprache aus, gleichzeitig ist es ein Dokument der fehlenden Kompentenz des Autoren, der nicht das Grundprinzip der Dokumentation verstanden hat. Wie auch, bei dem Hintergrund?!
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