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TV-Auszeichnung: Die Gewinner des Deutschen Fernsehpreises

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Deutscher Fernsehpreis 2014 Und Abgang!

Zum letzten Mal wurde der Fernsehpreis vergeben. Abräumer war "Männertreu" - ein schönes, aber harmloses Politdrama. Will das deutsche TV bestehen, muss es mehr Brisanz wagen. Vielleicht wird's dann auch wieder was mit einer großen Gala.

Was Suzanne von Borsody wohl vor ihrem Auftritt eingeworfen hatte? In einem nicht enden wollenden Vortrag würdigte sie nahezu alle am Fernsehfilm "Männertreu" beteiligten Menschen, vom Kameramann bis zum Catering. Noch jemand vergessen? Einmal in Fahrt, ließ sie sich auch nicht von einer Minutenanzeige irritieren, die sie diskret auf ihr drastisch überzogendes Zeitkonto hinwies. Dies, so Borsody, sei bitte zu unterlassen.

Vielleicht aber war die 57-Jährige einfach nur beschwipst von sich selbst, immerhin war sie als Hauptdarstellerin des ARD-Politdramas soeben zur besten Schauspielerin gekürt worden. So wie schon bei der ersten Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im Jahr 1999 - was sie zu der Selbsteinschätzung veranlasste, sie sei wohl "das Alpha und das Omega".

Als "Männertreu" später auch noch als bester Film ausgezeichnet wurde, entfuhr es dem männlichen Hauptdarsteller Matthias Brandt: Er freue sich über den Preis schon deshalb, "weil ich sehr neugierig bin, was Suzanne von Borsody jetzt noch sagt". Die begnügte sich zur allgemeinen Erleichterung damit, einen Kuss ins Mikrofon zu hauchen.

Das erfrischend lakonische Gegenstück zu Borsody war Gerd Ruge, der einen Ehrenpreis erhielt. Die Reporterlegende unterbrach die Standing Ovations im Saal, um mit ernsten Worten seine Sorge um das Weltgeschehen auszudrücken. Freundlich und doch bestimmt dahingenuschelt, so wie man das von ihm kennt.

Achtung, Netflix greift an!

Das schuf einen recht schönen Kontrast zu der ironischen Katastrophenstimmung, der man sich in Köln genüsslich hingab (Ausstrahlung am Freitag in der ARD). In diesem Jahr wurde die Auszeichnung ja zum letzten Mal in seiner traditionellen Form verliehen. Der Abend stand unter dem Motto "Der letzte Deutsche Fernsehpreis der Welt". Oder wie Moderator Klaas Heufer-Umlauf es ausdrückte: "Wer heute keinen kriegt, dat war's dann auch."

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ARD-Drama mit Matthias Brandt: Der Wille zur Macht

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Zu Beginn wurde ein Trailer im Stil eines Katastrophenfilms eingespielt. "Die dunklen Kräfte wollen den Fernsehpreis vernichten", raunte eine Stimme. "Böse Mächte" wollten "das gute alte Fernsehen verdrängen - doch der Fernsehpreis schlägt zurück." Dann waren die vermeintlichen Schurken zu sehen: Onlineportale wie Netflix, Watchever, iTunes und Amazon. Hübsche Idee - sieht man einmal davon ab, dass zwischen der Konkurrenz im Netz und dem Niedergang dieser ARD-ZDF-RTL-Sat.1-Fete in Wahrheit kein Zusammenhang besteht.

Der Wahrheit muss man ins Gesicht sehen: Der Fernsehpreis wurde von seinen Ausrichtern selbst zerlegt. So lobenswert die Idee erscheint, dass die unterschiedlichen Senderfamilien einen gemeinsamen Preis ausrichten, der sowohl öffentlich-rechtliches Fernsehen als auch privates ehrt - bei den Feierlichkeiten kam es immer wieder zu absurden Karambolagen der Kulturen. Legendär der Wutausbruch des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, der 2008 für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte. "Bei dem vielen Blödsinn, den ich heute Abend gesehen habe, glaube ich nicht, dass ich dazugehöre", sagte er auf der Bühne. "Ich nehme diesen Preis nicht an."

Drei Jahre später gab es Knatsch um Oliver Pocher. Der hatte sich als Moderator der 2011 von RTL ausgerichteten Fernsehgala hämisch über den MDR geäußert, der damals von unterschiedlichsten Skandalen erschüttert worden war. Pocher vermutete, dass "Bernd das Brot der Einzige beim MDR ohne Vorstrafen" sei. In der Aufzeichnung für den nächsten Abend war die betreffende Stelle rausgeschnitten worden.

Die beliebtesten Talsperren von NRW

Als problematisch erwies sich auch, dass man die Gala einen Tag nach Aufzeichnung ausstrahlte - der News-Wert für die Fernsehzuschauer also gleich null war. Eine Zeit lang versuchte man gar, eine Nachrichtensperre zu verhängen. In Zeiten der Handykommunikation arg naiv, von den Fernsehschaffenden selbst wurde der Preis schon lange nicht mehr ernst genommen. Dass der Preis nun abgewickelt wird, um eventuell in ganz neuer Form präsentiert zu werden, liegt aber vor allem an den gesunkenen Quoten.

Vor diesem problematischen Hintergrund brachte der federführende WDR am Donnerstag immerhin eine Gala über die Bühne, für die sich niemand schämen muss. Die Gagschreiber hatten sich endlich wieder mehr ins Zeug gelegt. Die meisten Lacher brachte jedoch die fürchterlich ernst gemeinte Fernsehwirklichkeit: ein von Klaas Heufer-Umlauf präsentiertes Ranking von tatsächlich ausgestrahlten Rankingshows, darunter Kleinode wie "Die beliebtesten Talsperren der Nordrhein-Westfalen".

Auch glückte in diesem Jahr die Kollision von Öffentlich-Rechtlich und Privat, es entstand gar ein neues Comedy-Duo: Sandra und Klaas. Den Gastgebern Sandra Maischberger (ARD) und Klaas Heufer-Umlauf (ProSieben) gelang eine Moderation, die nicht nur weit von den Peinlichkeiten des Vorjahres entfernt war (Cindy aus Marzahn!), sondern ziemlich erfrischend wirkte.

Wohin mit dem Bergdoktor?

Maischberger, als Talkerin bekannt für ihren pfleglichen Umgang mit Herren in der Altersklasse von Helmut Schmidt, hatte sogar den frecheren Part. Sie habe erst am Vortag gegoogelt und erfahren, dass er nicht Joko sei, sondern Klaas, erklärte sie ihrem Co-Moderator. Der konterte, "für viele ältere Leute" sei dies ohnehin dasselbe. Warum den beiden noch ein dritter Moderator zur Seite gestellt worden war, blieb jedoch ein Rätsel. Ebenso, weshalb es sich dabei um den daueraufgekratzten ZDF-"Bergdoktor" Hans Sigl handelte. Immerhin: Er störte nicht.

Überhaupt gab es wenig, das störte: Die Privaten wurden für die Serie "Danni Lowinski" mit Annette Frier (Sat.1) und das Reportageformat "Team Wallraff - Reporter undercover" (RTL) geehrt, die Öffentlich-Rechtlichen bekamen Preise für den feinen Spreewald-Krimi "Mörderische Hitze" (ZDF, Roeland Wiesnekker wurde bester Hauptdarsteller) und eben "Männertreu" (ARD).

Gerade aber in diesem superb gespielten, in seiner Brisanz und gesellschaftlichen Strahlkraft indes eher bescheidenen Politdrama offenbart sich eines der Hauptprobleme des deutschen Fernsehens der Gegenwart. Die Verantwortlichen schaffen es zurzeit nicht, die aktuellen globalen Dynamiken des Mediums für sich zu nutzen. Denn was ist das Macho-Dramolett "Männertreu", bei dem sämtliche Anspielungen auf die deutschen Polit- und Medienwirklichkeit sofort wieder im Film entkräftet werden, im Vergleich zu einem grausam genauen Polit-Tableau wie der Netflix-Serie "House of Cards"?

Und so erhält das drollige Netflix-Bashing vom Beginn der Gala einen bitteren Nachgeschmack: Auf die Fragen eines digital organisierten Fernsehens der Zukunft haben die deutschen Medienmacher zurzeit genauso wenig Antworten wie auf die Frage, wie man serielles Erzählen den sich ändernden Sehgewohnheiten anpassen kann. Die Krise des Deutschen Fernsehpreises ist so gesehen auch eine Krise des gesamten deutschen Fernsehens.

Ob der Preis vielleicht doch noch eine zweite Chance erhält, hängt davon ab, ob sich die Sender auf ein neues Konzept einigen können. "Was passiert wohl am 2. Oktober 2015?", fragte WDR-Intendant Tom Buhrow am Donnerstag in seiner Rede. "Das kann ich Ihnen leider auch nicht beantworten."


"Der Deutsche Fernsehpreis", Freitag, 22.00 Uhr, ARD