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RTL-Agentenserie: Der Spion, der das US-Fernsehen infiltriert

Foto: SundanceTV/ RTL

Agenten-Serie "Deutschland 83" Homeland DDR

Mittendrin in den Planspielen des Kalten Krieges: Ein junger Stasi-Agent heizt den nuklearen Wettlauf zwischen Ost und West an. "Deutschland 83" ist eine furiose Serie, produziert von RTL - und wo läuft sie zuerst? In den USA.

Eine deutsche Serie, erfolgreich auf dem Weltmarkt oder zumindest doch respektvoll zur Kenntnis genommen - wann gab es das eigentlich zum letzten Mal? War es Rainer Werner Fassbinders "Berlin Alexanderplatz" oder Wolfgang Petersens "Das Boot"? Oder, auch dieser Titel muss genannt werden, die in Fernost enorm erfolgreiche Krimiserie "Derrick"?

Erfolg im Ausland, das zeigen diese Beispiele, hatte das deutsche Fernsehen immer dann, wenn es irgendwie um große unheilvolle Geschichte oder Klein-klein-Bürokratie ging. In unheilvoller Geschichte und farblosem Beamtentum sind wir einfach gut. "Deutschland 83" zeigt von beidem reichlich - vermischt die Elemente aber furios zu einer Thriller-Serie, die es in Sachen Look und Plot tatsächlich mit der US-Konkurrenz aufnehmen kann. Homeland DDR.

Der deutsche Run auf die Serie

Seit einem Jahr tobt hierzulande der große Run auf die Serie: Wer wird der erste Sender sein, der in diesem Format eine Produktion liefert, die es mit der internationalen Konkurrenz aufnehmen kann? Die ARD bastelt gerade an einem "House of Cards" der Berliner Republik; das ZDF dreht eine Serie, die es gefährlich vollmundig als deutsches "Breaking Bad" bewirbt. Bei den Öffentlich-Rechtlichen gibt man sich also extrem ambitioniert, bislang aber hat man noch jede bessere Serie durch falsche Sendeplätze und Fehlbewerbungen kleingekriegt. Siehe "Im Angesicht des Verbrechens" oder "Kriminaldauerdienst".

Dass nun ausgerechnet RTL an dem Ersten und dem Zweiten und ihren von Werbeerlösen unabhängigen Serienproduktionen vorbeizieht, ist eine tolle Pointe. Der von UFA Fiction für den Privatsender produzierte Achtteiler "Deutschland 83" wird ab Mittwoch beim US-Kabelsender Sundance TV ausgestrahlt, auf deutsch mit englischen Untertiteln - drei Monate vor dem deutschen Start im Herbst.

Man kann sich gut vorstellen, weshalb der zu AMC Networks gehörende US-Sender sich schon früh die Ausstrahlungsrechte sicherte. Der sich an der deutsch-deutschen Grenze verdichtende Nuklearkonflikt der Achtzigerjahre, erzählt mit Sinn für Melo und Dynamik - das könnte tatsächlich auch das amerikanische Bezahlpublikum erreichen.

Ideologie und Alltag

Frappierend, wie schnell und leichthändig in "Deutschland 83" der Spannungsplot vor dem komplexen politischen Hintergrund zwischen nuklearen Planspielen, Pershing-Tests und SS-20-Stationierungen ausgebreitet wird: Der deutsche Shooting-Star Jonas Nay, der von seiner Hauptrolle in dem Cybermobbing-Drama "Homevideo" bis zur Postwendegeschichte "Wir sind jung. Wir sind stark" schwierige Charaktere in Reihe meisterte, spielt einen NVA-Soldaten, der von einem Tag auf den anderen wichtigster Mann der Stasi in der BRD wird. Auf einmal wacht der Ossi im roten Puma-Shirt im Westen auf, kurz darauf läuft er mit ebenso rotem Bundeswehr-Barett über eine Raketenbasis, auf der er spionieren und sabotieren soll.

Das verwegene Make-believe-Szenario (Showrunner: Anna und Jörg Winger) geht auf, weil die Details stimmen. Regisseur Edward Berger (Grimme-Preis für "Ein guter Sommer") findet für den Ost-West-Clash seines Helden farbsatte Symbolbilder und legt großflächig die Popmusik der Ära drüber, lotet aber auch lustvoll Grauzonen aus. Es geht um Loyalität und Überlebenssttrategie, um Alltag und Ideologie.

Das RTL-Epos erinnert in vielerlei Hinsicht an die US-Serie "The Americans", deren dritte Staffel gerade in den USA gelaufen ist. Darin geht es um zwei Sowjet-Agenten, die im Washington D.C. der frühen Achtzigerjahre als Familie mit zwei Kindern, zwei Autos und Vorstadteigenheim die US-Spionageabwehr infiltriert. American way of life auf die schizophrene Tour.

Doch während die US-Serie mit ihrem ewigen Hin und Her zwischen Popcorn futtern und Feinde foltern, zwischen brutalen Beziehungsgesprächen und ebenso brutalen Verhöraktionen irgendwann ermattet, hält "Deutschland 83" den Spannungsbogen. Was auch daran liegt, dass man hier nicht aus der Perspektive der historischen Sieger erzählt, sondern konsequent die Sicht des von Nay gespielten Wanderers zwischen den Systemen eingenommen wird, der bald im Osten wie im Westen seine moralischen und sozialen Verpflichtungen hat.

Der postideologische Blick der Filmemacher auf die ideologischen Verwerfungen der frühen Achtziger bringt manch wunderbar tragikomische Szene hervor. Etwa wenn der junge Stasi-Mann in der Hauptstadt der alten Bundesrepublik eintrifft und seinen Verbindungsmann verwirrt fragt, wo denn in diesem kleinen, engen, stickigen Bonn die Paraden stattfinden. Sein Gegenüber antwortet: "Die machen hier keine Paraden. Die Gleichgültigkeit der Massen, hier nennt man sie Freiheit."

Was für ein schöner Satz - aufrecht melancholisch von einem Sozialisten für das amerikanische Bezahlfernsehen und das deutsche werbefinanzierte TV vorgetragen. Einer von vielen Gründen, unbedingt diese Serie zu schauen.

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