"Bild"-Talkshow Die Antworten sind vernünftig, die Fragen nicht

Julian Reichelt will wissen, wer ein Messer mit sich führe - und es hat niemand eines dabei: In einem neuen Talk-Format möchte der "Bild"-Chefredakteur mit "ganz normalen Menschen" ins Gespräch kommen. Das geht schief.
"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt moderiert die Talkshow "Hier spricht das Volk"

"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt moderiert die Talkshow "Hier spricht das Volk"

Foto: BILD

Es ist ein ehrgeiziges Versprechen, mit dem der Chefredakteur der "Bild"-Zeitung Julian Reichelt das neue Videoformat seines Hauses eröffnet, das zur neuen Bewegtbild-Offensive des Blatts gehört: In "Hier spricht das Volk" würden "ganz normale Leute wie Sie" zu Wort kommen - wobei sich hier immer ein performativer Widerspruch ergibt, denn erst einmal kommt natürlich Julian Reichelt zu Wort.

Das Volk wird durch 15 Personen aus der Gegend von Hamburg repräsentiert, sie tagen im Maritimen Museum, Steuerrad und alte Planken verleihen dem Ganzen ein abenteuerlich-piratenhaftes Flair, aber das ist bloße Kulisse, eigentlich bleibt es zivil wie im Gymnasial-Schulunterricht: Reichelt steht dem Volk vor wie ein Lehrer der Klasse. Wer etwas sagen möchte, gibt Handzeichen und wird aufgerufen. Sobald sich eine kleine Diskussion entwickelt, ruft Reichelt "Beruhigung!" - der Vorspann zeigte ja bereits, wozu das Volk fähig ist, die Revolution von 1989 wird zitiert und die Klimaproteste.

Dieses Eingreifen wird gleich zu Beginn schwierig, es geht um das Coronavirus. Reichelt fragt, wer denn Angst davor habe - da melden sich nur drei von 15. Also legt er mit einer völlig anderen Frage nach: "Wer hat das Gefühl, dass unsere Regierung das Richtige tut und sich gut um sie kümmert?" Hier verrät er seine zwiespältige Lage, denn er sagt einmal "unsere Regierung", aber im zweiten Teil ("gut um sie kümmert?") schließt er sich wieder aus. Ärgerlicherweise differenziert er auch nicht, wen er mit Regierung meint: Kommune, Bundesland oder Bund? Präzision ist wichtig in solch einem Format und Moderator völlig zu Recht ein eigener Beruf.

Nicht "unsicherer als früher"

Eine Dame, die sich als besorgt identifiziert hatte, kann dafür einen plausiblen Grund anführen, sie reist im März nach Shanghai. Die Frage, ob sie sich überlegt, die Reise abzusagen, verneint sie. Das ist so ein Moment, an dem sich eine Frage ergibt: Warum lädt man fremde Menschen zu einer Diskussionsveranstaltung ein, wenn man sich nicht dafür interessiert, was sie erlebt und zu erzählen haben?

Sicher gibt es einen Grund für die Reise von Christel nach Shanghai, der sie überdies dazu bewegt, trotz der unklaren Viruslage dorthin zu fliegen. Aber Reichelt stellt lieber eine Frage zu Jens Spahn, obwohl seine Gäste über den recht wenig zu sagen haben. Die Fragen des Journalisten sind nicht die Fragen, sie sich die Menschen stellen.

Ein anderer Moment der verpassten Chancen ergibt sich später in der Sendung. Da wird Hagen aus seinem Berufsleben erzählen, es geht um das Thema gerechte Bezahlung. Er sagt, dass er 30 Jahre lang jeden Werktag um sieben zur Arbeit in einem Chemieunternehmen erschienen sei, und zwar mit Freude und guter Laune. In den vergangenen beiden Jahren aber, da habe man ihm diese Freude genommen. Er klagt nicht groß, erwähnt es nicht mehr.

Warum hält der Moderator nun nicht inne, um diese Geschichte zu hören? Gibt es Veränderungen der Arbeitswelt, die einem die Laune verderben, und haben die anderen davon gehört? Vielleicht bringen diese 15 Personen ja eigene Erfahrungen und Themen mit, die nicht auf dem Fragezettel stehen?

Eine Runde ohne die üblichen Erregungszustände

Reichelt fragt, ob die Bundestagsabgeordneten zu gut bezahlt werden, und die 15 antworten, es käme drauf an. Reichelt fragt, wer ein Messer mit sich führe - und es hat niemand eines dabei. Er fragt den anwesenden Polizisten mit dem sympathischen Vornamen Niels, wie es denn so sei mit der Messergewalt im Lande und bekommt zur Antwort, die sei nicht gestiegen. Das Volk der 15 fühlt sich auch nicht "unsicherer als früher", und eine junge Frau sagt auf die Frage, ob sie sich denn noch nachts in die öffentlichen Verkehrsmittel traue: "Ja, sicher!"

Diese Runde macht einen munteren und eigentlich auch ganz zufriedenen Eindruck. Viele achten auf ihren Verbrauch an natürlichen Ressourcen und begegnen der Klimathematik durch alltägliche Verhaltensänderungen, hegen allerdings eine gesunde Skepsis gegenüber Panikmache. Wenn Reichelt die Namen berühmter Zeitgenossen in die Runde wirft - möchte man lieber mit Greta oder Trump essen gehen, lieber Spahn oder Kramp-Karrenbauer im Kanzleramt -, geht es mäßig amüsiert hin und her, aber so richtig steigt niemand darauf ein.

Selbst das Thema Geflüchtete bringt nicht die üblichen Erregungszustände. Eine junge Frau bemerkt, sie sei selbst als Flüchtling aus Russland nach Deutschland gekommen und eine andere meint, wir sollten uns glücklich schätzen, in der Lage zu sein, den armen Menschen helfen zu können.

Die Antworten sind also vernünftiger als die Fragen. Darin liegt der konzeptionelle Fehler der Sendung: Das Volk kommt zu Wort, nachdem Julian Reichelt es ihm erteilt hat, um auf eine Frage zu antworten, die ihn interessiert und solange sie ihn interessiert - und das ist arg kurz.

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