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Generationen-Film: Pure, erbärmliche Gegenwart

Foto: Julia Terjung/ SWR

ARD-Farce über 68er Joschi, der Krampf geht weiter!

Kopfkino statt Straßenkampf: "Die Auferstehung" erzählt davon, wie vier Revoluzzer-Geschwister am Totenbett des Vaters um Erbteile und Ideale ringen. Grell, grob, herrlich gemein.

Was bleibt von '68? Ein Berg an Schulden, ein Meer an Selbstmitleid. Fiel die Bilanz zu den Spätfolgen der Studentenrevolte im Jubiläumsjahr 2018 in den meisten Rückschauen verhalten positiv aus, so ist das Urteil in dem rabiat humoristischen Gesellschaftsstück "Die Auferstehung" ungnädiger. Die Revoluzzer von einst haben hier alles verjuxt: ihre Ideale, ihre Bildung, ihre spärlichen Einkünfte sowieso.

Vier Geschwister plus Anhang versammeln sich um die Wohnzimmercouch des Einfamilienpalastes irgendwo in einem alten süddeutschen Speckgürtel. Auf dem Möbel liegt totenstarr der Vater, eingeschlafen offenbar beim Pornokonsum, man fand ihn mit heruntergelassener Hose, im DVD-Player war ein Sexfilm eingelegt.

Die Kinder sind bestürzt. Auch über sich selbst und ihre eigene Spießigkeit. Eines von ihnen sagt: "Wir haben doch gar nicht genug Tabus brechen können. Und jetzt sind wir auf einmal entsetzt, wenn der Vater sich von den Hemmungen befreit und der Natur freien Lauf lässt." Im Haus verteilt findet man Sexspielzeug und Reizwäsche; es wird darüber spekuliert, ob der Alte eine Affäre mit seiner ungarischen Pflegekraft hatte.

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Generationen-Film: Pure, erbärmliche Gegenwart

Foto: Julia Terjung/ SWR

Kopfkino statt Straßenkampf: Die ARD-Produktion "Die Auferstehung", die eher Generationenfarce als Familiendrama ist, geht hart mit ihren Protagonisten ins Gericht. Letztendlich hingen alle Sprösslinge noch am Tropf des offenbar in vollem Saft verschiedenen Patriarchen; bei der Zusammenkunft um die Fernsehcouch soll es auch um die Aufteilung des Erbes gehen.

Theoretiker eines besseren Lebens

Alle vier Kinder sind Theoretiker eines besseren Lebens, in der Praxis aber bitter gescheitert. Jedenfalls lautet so das Urteil des einen über den anderen in diesem heillos zerstrittenen Haufen. Die Tochter des Hauses, Linda (Leslie Malton), leitet inzwischen das "Arthouse Memmingen", wo sie sich auch über zwei Besucher pro Tag freut. Ihr Mann Fred (Herbert Knaup), der Kurse in "Philosophie für jedermann" an der Volkshochschule in Memmingen gibt, erklärt einem der Brüder den Bildungsauftrag der Ehefrau so: "Du glaubst gar nicht, wie wichtig es ist, gerade in dieser Gegend ein Bewusstsein für das Verstörende zu entwickeln."

Diese provinzielle Anmaßung findet Jakob (Dominic Raacke), der abgebrannte Dokumentarfilmer mit Wohnsitz in Paris, nun doch ein bisschen viel. Er kontert mit Hegel und Pascal. Auch nicht schlecht: Joschi (Joachim Król), der Westentaschen-Dutschke der Familie, der schon mal im Knast saß, reckt an der Totencouch des Vaters die Faust in die Höhe wie einst der echte Dutschke am Grab von Holger Meins. Sie erinnern sich: "Holger, der Kampf geht weiter!"

"Die Auferstehung" ist eine rabiate Farce, die sich nicht um Zwischentöne schert und ebenso wenig um Sympathien für die Figuren buhlt. Die Vorlage stammt von Karl-Heinz Ott, der in seinem 2015 erschienen Roman auch mit Rückblenden arbeitete. Drehbuchautor Karl-Heinz Käfer und Regisseur Niki Stein verdichten die glorreiche Vergangenheit der Charaktere in pure erbärmliche Gegenwart.

Stein hatte erst im April die Unternehmer-Satire "Big Manni" ins Fernsehen gebracht, in der es um den legendären badischen Betrüger Manfred Schmider ging, der ab Ende der Neunzigerjahre mehr als vier Milliarden Mark ergaunerte. "Big Manni" und "Die Auferstehung" sind beides auf ihre Art und Weise Filme über das gute alte Westdeutschland und die beiden großen Komponenten, die es zusammenhielt oder auch nicht zusammenhielt: Geld und Bildung.

Zum Ende schwächelt "Die Auferstehung" ein bisschen, auch deshalb, weil es schwer vorstellbar erscheint, dass die ungarische Pflegekraft eine aufrechte romantische Beziehung zu dem dreimal so alten Vater der 68er-Truppe unterhalten hat. Aber als grelles Porträt einer Generation, die um die Reste des Wohlstands ringt, den sie einst so verachtete, hält der Film einige schön perfide Momente parat.

Und so taktieren und traktieren sich die Geschwister durch die angespannte Situation und erschlagen mit dem Humanismus-Hammer den letzten Rest Liebe, der vielleicht noch unter der Bildungshuberei und Gesinnungsprahlerei schlummert. Joschi, der Krampf geht weiter!


"Die Auferstehung", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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