ARD-Film "Die Dasslers" 180 Minuten Werbung

Ein Kaff, eine Familie, die ewige Rivalität Puma versus Adidas: Die Geschichte der Gebrüder Dassler ist ein Drama von antiker Größe. Blöd, dass die ARD daraus einen zweiteiligen Werbefilm gemacht hat.

ARD/ Martin Spelda

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Der Wald ist verschattet, ein paar Lichtstrahlen dringend durch die Baumkronen. Auf dem blätterweichen Boden zwei junge Männer im alten Sporthemd und mit Vintage-Frisur, sie kauern in Startposition. Ein kurzer Blick, dann sprinten sie los. "11,3 - so schnell war ich noch nie!", keucht der eine hinterher. Der andere, außer Atem: "Weil du immer alleine läufst." Natur, Wettkampf, Sportsgeist, Ehrgeiz: eine Szene wie ein Kinospot.

Es ist nur keiner. Und das ist das Problem.

Der Sprint ist Teil des zweiteiligen ARD-Osterfilms "Die Dasslers". Die zwei Jungs sind Adi und Rudolf Dassler, gespielt von Christian Friedel und Hanno Koffler, die ab 1948/49 als "Adidas" und "Puma" gegeneinander antreten. Damals, im Herzogenauracher Wald, als sie noch ein Team waren, liegt es natürlich auch an den Sportschuhen, an denen sie rumtüfteln, dass sie plötzlich wie mit Raketenantrieb losdüsen.

Es ist ja auch ein grandioses Drama: Brüderpaar aus fränkischem Kaff zerstreitet sich so sehr, dass sie Firmenvermögen und Angestellte aufteilen, der eine bleibt in der alten Fabrik, der andere zieht in die Produktionshalle auf der anderen Seite des Bachs. Und der Hass auf den jeweils anderen spornt beide so sehr an, dass zwei Weltmarktgrößen entstehen. Episch geradezu! Eine Story, die danach schreit, erzählt zu werden. Nur eben: wie.

Es ist müßig, auf den Film einzugehen, ohne die eine Frage nicht ganz grundsätzlich zu stellen: Ist es eine gute Idee, dass Marken auf 180 Minuten Spielfilmlänge im Öffentlich-Rechtlichen inszeniert werden? Und auch wenn es 2005 mit der Story über Stofftierfabrikantin Margarete Steiff eine andere deutsche Unternehmenshistorie in die Feiertagsprogrammierung geschafft hat: Der Grat zur Megawerbeplattform im explizit werbefreien Umfeld (Ostern! Abends! ARD!) ist nicht annähernd so breit wie eine Tartanbahn. Sondern eher Maßband-schmal.

Dass das beim "Dassler"-Zweiteiler deutlicher wird als bei Kuschelbärflausch, liegt an der Firmengeschichte selbst: Wettkampf ist, um im Werbesprech zu bleiben, Teil des "Markenkerns" von Adidas und Puma - und der Sportartikelindustrie. Die Rivalität der Brüder ist die perfekte Metapher fürs sportliche Ringen um den besseren Treppchenplatz.

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"Die Dasslers": Drama, Baby!

Also ungefähr das, was Degeto-Geschäftsführerin Christine Strobl im Presseheft erklärt: Es gehe "um weltbekannte Marken, verbunden mit Emotionen wie Ruhm, Teamgeist, Erfolg und Niederlage. Und es geht um die Frage 'Adidas oder Puma?' - die für viele die gleiche Qualität hat wie die Frage 'Beatles oder Rolling Stones?'."

Bravo, perfekter Marketing-Pitch. Nur, pssst, das eine sind Künstler. Und auch wenn Marken versuchen, sich als Teil der Popkultur zu vermarkten: Das andere bleiben dann doch nur schnöde Sportartikelfirmen.

Immerhin bildet das Drehbuch von Christoph Silber ("Banklady", "Ich bin dann mal weg"), an dem das Regieduo Cyrill Boss und Philipp Stennert ("Neues vom Wixxer") mitgearbeitet hat, die Persönlichkeiten zwar ausgewogener ab als der andere Dassler-Spielfilm, der Ostern 2016 bei RTL lief, macht aus ihnen aber zugleich hölzerne Stereotype. Adi, der Tüftler, der nach Pirmasens geht für eine Schumacherlehre, und Rudolf, der Stratege.

Der Rest wird runtergerattert: das Leben samt Eltern (Joachim Król und Johanna Gastdorf) und Gattinnen (Alina Levshin und Hannah Herzsprung) in der Unternehmervilla; die Deals mit den Nazis, samt achselzuckendem NSDAP-Parteieintritt, um Hauptausstatter der deutschen Olympiamannschaft 1936 zu werden - nicht ohne US-Läufer Jesse Owens gleich mitzuversorgen, der in den Dasslerschuhen Gold holte; die Kriegsjahre, in denen Gasmasken für die Soldaten produziert werden, bis Rudolf eingezogen wird, desertiert, im Keller ausharrt, bis die Amerikaner kommen - und beide als Mitläufer eingestuft werden, dank Sätzen wie "Ich habe niemandem Schaden zugefügt". Mehr Aufklärung über diese Zeit gibt's nicht. Übrigens auch nicht auf den Firmen-Homepages.

Die Wende aber, als die Familie 1948 in zwei Teile zerfällt, kommt erst Mitte der zweiten Folge. Und bleibt verblüffend kryptisch. Mehr als ein Misstrauen, das sich im Zuge der Entnazifizierung einschleicht, dramatisiert mit Unheil verkündendem Bam-Bam-Sound, liefert die Story nicht. Der entscheidende Moment, er verpufft. Der Rest ist Wettkampf, weitergeführt von den Brüdern - mit Friedel und Koffler in irrer Altersmaske - und ihren Söhnen. Darum, wer den Deal mit der Nationalmannschaft und wer den Vertrag mit Pelé bekommt. Eine Rivalität, die albern ist und werbewirksam zugleich. Bis heute. Drama, Baby.

Und so ist alles so engmaschig auf Brüder und Söhne ausgerichtet, dass es beim Rest nur um werbewirksames Name-Dropping gegangen sein kann - Król, Gastdorf, Levshin, Herzsprung, sie sind derartig unwichtig in den 180 Minuten, dass man sich fragt, wieso sie überhaupt dabei sind. Ihre darstellerische Wucht bekommt keinen Raum. Noch dazu haben die Sätze eine Qualität, dass es einer Beleidigung gleicht, wenn so großartige Schauspieler sie aufsagen müssen.

Werbepoesie, so spröde wie altes Leder fällt aus den Mündern der Figuren.

"Wir sind die Dasslers. Wir sind die Söhne vom besten Schuster im ganzen Land."

"Gleiche Chancen für alle Sportler", heißt es, "Das ist doch der olympische Gedanke."

"Der Schuh muss wie eine zweite Haut sitzen."

Die ARD hätte besser einen ihrer "Markenchecks" draus gemacht. Eine dieser semi-investigativen Dokus, in denen sich Reporter Aldi oder Oetker vorknöpfen. Denn, wie es im Film heißt: "Alles entscheidet beim Sport, ob man gewinnt oder verliert." Auch die Form.


"Die Dasslers - Pioniere, Brüder und Rivalen" am 14. und 15. April 2017 jeweils um 20:15 Uhr, ARD



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
langenscheidt 14.04.2017
1. Fernsehen ist Unterhaltung
Mehr nicht.
Abel Frühstück 14.04.2017
2.
"Nur, pssst, das eine sind Künstler." Ich glaube, dieser Satz fasst den leicht verrutschten Ansatz der Kritik zusammen. Verzeihung, bei allen künstlerischen Meriten, die Beatles und die Stones und so wie sie schon in den 60ern als Rivalen vermarktet wurden, sind die Bands eben auch große Unternehmen mit allem marketingtechnischen Unterbau gewesen. Und vermutich haben auch die Dassler-Brüder wirkich mit einer "Idee" angefangen, mit einem Wunsch, die Welt zu ändern. Wären es nur bessere Gitarristen gewesen! Aber auch so haben sie doch tolle Riffs gefunden. Darüber könnte es auch mal Filme geben, die Stones gegen die Beatles - und wie es "wirklich" war. Oder Madonna vs. Lady Gaga, Kain vs. Abel, Spiegel gegen Stern. Das sind doch spannende Geschichten. Interessanter fände ich die Frage, warum es nach der RTL-Verfilmung nun eine zweite geben muss. Und worin die sich unterscheiden (dazu im Text leider nur ein knapper Satz). Auch wird nur Käthe Kruse erwähnt, nicht aber die Benz-Verfilmung oder die Großproduktion "Die Krupps". Jetzt muss ich selber schauen. Meine Vermutung ist, dass die Form des Event-Zweiteilers für solche Stoffe dann doch zu groß ist.
hakuna-matata 14.04.2017
3. Naja
Man könnte auch einfach sagen, dass es um eine bzw. zwei ganz große deutsche Unternehmer-Stories geht. Aber erst mal anti-kommerziell drüber buttern...
Sonia 14.04.2017
4. Wir freuen uns auf den Film
auf gute Unterhaltung; deratige Filme kommen immer gut beim Publikum an. Meine Erfahrung ist: Je mehr Filme gelobt werden, Preise bekommen, je weniger Zuschauer. Mal zu Ostern keine Gehirne an die Wand gespritzt, Blutlachen, Monster, Perverse - einfach nur ein Film als Geschichte über das Leben einer Familie, die letztlich Weltruhm erlangte. Mehr davon ...
mwroer 14.04.2017
5.
Adidas vs. Puma oder Beatles vs Rolling Stones - alle 4 sind Marken. Die einen machen Schuhe, die anderen Musik. Bei aller Liebe - man hätte aus lauter dämlicher politischer Korrektheit die Firmen auch Schussel und Dassel nennen können, es wäre klar worum es ginge. Also - bitte nächstes Mal eine FILMKRITIK und keine Grundsatzphilosophie die an allen Ecken hängt.
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