Steuer-Krimi "Die Fahnderin" Achtung, Hornbrillen-Alarm

Fiskus in Action: In "Die Fahnderin" zieht Katja Riemann mit Panzerglas-Brille gegen einen Unternehmer-Schurken in den Kampf. Hoeneß lässt grüßen. Ein Aktenfresser-Krimi mit hohem Aktualitätsfaktor - der allerdings mehr Biss hätte vertragen können.

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Nerd-Alarm in Neuss: Im Müll eines verdächtigen Unternehmers finden Steuerprüfer vier extragroße Tüten geschredderte Akten, kreuzgeschreddert wohlgemerkt, da ist normalweise nichts mehr zu machen. Doch die Hornbrillen-Beamten lassen sich davon nicht beeindrucken, sie besorgen sich bei den Kollegen im Ausland ein kompliziertes Computerprogramm, mit dem sich selbst diese gerissen beseitigten Spuren der Steuerhinterziehung rekonstruieren lassen.

Der ARD-Film "Die Fahnderin" ist aufgebaut wie ein amerikanischer Spezialisten-Krimi, bei dem sich eine Gruppe hochbegabter und schlecht bezahlter Nerds ohne wirkliche Chance gegen das Böse stellt. Hier mit dabei: der schwule Witzbold, der sexy verzottelte Nachwuchs-Staatsanwalt, der spießige, doch aufrechte Familienvaterbeamte und, als Mutter der Kompanie, Abteilungsleiterin Karola Kahane (Katja Riemann): eine Brille wie aus Panzerglas, ein Pony wie aus Stahlwatte, ein Lächeln wie ein Gletscher, der im Sonnenlicht taut.

Als der WDR und der NDR ihre Kooperation "Die Fahnderin" vor zwei Jahren planten, war da die Idee, einen Film über Steuer-CDs und die Ermittlungstechniken des Fiskus zu drehen. Ein trockenes, zwischenzeitlich wieder ein bisschen aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit geratenes Thema, das eben in Form des verkleidungsfreudigen Nerd-Thrillers ein bisschen mehr Unterhaltung versprach. Nach dem Motto: der Fiskus, bei dem man mit muss. Dann kamen Hoeneß, Schwarzer, Schmitz - und auf einmal war man mit dem Filmprojekt wieder mitten in einer aktuellen Debatte. Bis November 2013 hatten die Dreharbeiten in Nordrhein-Westfalen gedauert; angetrieben von den aktuellen Enthüllungen entschloss man sich, den Film schneller als ursprünglich angedacht durch Schnitt und Nachbearbeitung zu bringen.

Steuerbetrüger mit Bundesverdienstkreuz

Tatsächlich, der Film wirft ein Schlaglicht auf die in den letzten Monaten entlarvten Steuersünder. Im Visier der Finanzbeamten steht bald der Unternehmer Benedikt Sämann (Alexander Held), sein Name befindet sich auf einer gekauften Steuer-CD mit 800 Verdächtigen. Da das kleine Team nicht alle Personen unter die Lupe nehmen kann, entscheidet es sich eben für den brisantesten Fall: Sämann ist eine Art Wirtschaftsheiliger, der ein Unternehmen vor der Abwanderung ins Billigproduktionsland Rumänien gerettet hat, einer Stiftung viel Geld zukommen lässt, das Bundesverdienstkreuz trägt und bis in die höchsten Sphären der Politik per Du ist.

In der Figur schwingt also viel von den aktuellen Steuersündern mit: Uli Hoeneß' so überzeugend zur Schau gestelltes redliches Mittelstandsethos, André Schmitz' Vernetzung in oberste Entscheidungsträgerkreise, und ein bisschen spürt man auch den Windhauch der von Alice Schwarzer geschwungenen Moralkeule, mit der Kritik an der eigenen Person so lange niedergeknüppelt wird, bis nur noch Rückzug möglich ist. In diesem Sinne bewiesen die Verantwortlichen bei der Konzeption ihres Filmes also einen guten Riecher.

Doch leider bleiben die Figuren streckenweise ziemlich schemenhaft, Gut und Böse sind hier sehr einfach sortiert. Die mentalen Selbstverleugnungen etwa, die zur fiskalen Selbstermächtigung führen, bleiben bei der auf Pointen gedrehten Steuer-Schnurre außen vor.

Da war gerade der WDR in Sachen Wirtschaftsthriller in den letzten Jahren schon viel weiter. Man denke nur an den feinen Manager-Abgesang "Frau Böhm sagt nein" mit Senta Berger oder an den grimmigen Rationalisierungsschocker "Im Dschungel" mit Ronald Zehrfeld - hier wurde die kriminelle Selbstbedienungsmentalität in der Wirtschaft sehr viel detailgenauer und psychologisch komplexer nachgezeichnet.

"Die Fahnderin" bleibt dazu im Vergleich an der Oberfläche. Ressentiments werden bestätigt, Mechanismen nicht nachgezeichnet. Autor Stefan Dähnert schrieb zuvor das Drehbuch für den Lindholm-Doppel-"Tatort" aus dem Jahr 2013, in dem es um den Filz zwischen Politik und organisiertem Verbrechen in Hannover ging; Regisseur Züli Aladag löste 2006 mit dem inzwischen legendären Drama "Wut" Diskussionen über die Darstellung von Gewalt im Migrantenmilieu aus. Von solcher Brisanz ist ihr gemeinsamer Film jetzt weit entfernt.

Man zürnt in "Die Fahnderin" mit dem Unternehmer-Raffke, man fiebert mit den Hornbrillen-Fachidioten. Die monströsen inneren Kräfte, die bei diesen Dimensionen von Steuerhinterziehung wirken, aber bleiben dem normalen Zuschauer weiterhin ein Rätsel.


"Die Fahnderin", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD. Im Anschluss, um 21.45 Uhr, läuft "Plusminus extra" zum Thema

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
orthos 26.03.2014
1. Danke, aber nein danke!
"Der ARD-Film "Die Fahnderin" ist aufgebaut wie ein amerikanischer Spezialisten-Krimi,..." Ab diesem Punkt hat sich der Film erledigt.
insomnium 26.03.2014
2.
Klingt doch eigentlich ganz interessant - mal abgesehen von Katja Riemann, die ich einfach nicht mag. Man ist ja langsam froh über alles, was nicht Schnulze oder hochgradig depressiver Familie-mit-Problemen-Film ist.
Überfünfzig, 26.03.2014
3. Wenn es...
...das Steuergeheimnis nicht geben würde, möchte wetten, das es zu diesem Thema auch eine prima Doku- oder Scripted realty Serie im Stile der Serien wie SCHNELLER ALS DIE POLIZEI ERLAUBT oder die Kontrolleure geben würde. Wo kleine Beamte und andere Wichtigtuer zeigen können, wie man gegen den Bürger die Sau rauslassen kann. Das Ganze natürlich im Sinne ein Obrigkeitsstaates bei dem niemand auf die Idee kommen sollte, den Kontrolletties dieser Republik entkommen zu können.
ralph111 27.03.2014
4. Wie im richtigen Leben!
Ich finde es gut, dass sich die ARD dieser Thematik stellt und kann mir vorstellen, dass sich so etwas wie im Film auch im realen Leben abspielen kann. Wenn der Staat von sich aus nicht mehr Wert darauf legt, seine ihm zustehenden Einnahmen bei den oberen Zehntausend einzufordern, dann gute Nacht Bundesrepublik. Immerhin fehlen in Deutschland -von der Politik so gewollt- seit Jahrzehnten mehrere Zehntausende von Steuerfahndern, so dass manche Betriebe nur im Abstand von 20- 30 Jahren mit einer Steuerprüfung rechnen müssen. Damit provoziert der Staat gewissermassen die gut Betuchten es bei der Steuer zumindest etwas lasch angehen zu lassen. Bei den Kleinen aber krallt er sich mit der Lohnsteuer jeden Cent akribisch!
ollowain13 27.03.2014
5.
Zitat von sysopARDFiskus in Action: In "Die Fahnderin" zieht Katja Riemann mit Panzerglas-Brille gegen einen Unternehmer-Schurken in den Kampf. Hoeneß lässt grüßen. Ein Aktenfresser-Krimi mit hohem Aktualitätsfaktor - der allerdings mehr Biss hätte vertragen können. http://www.spiegel.de/kultur/tv/die-fahnderin-krimi-ueber-steuer-cd-mit-katja-riemann-a-960437.html
1. Der Titel ist von der Serie "Der Fahnder" geklaut. 2. Das Drehbuch ist von der Seifenoper geklaut, als die der Hoeneß-Prozess uns allen tagtäglich serviert wurde. 3. Die unsägliche Brille ist vermutlich von Fielmann geklaut. 4. Der Film hätte sich in der Anzahl der in ihm verwendeten Klischees ein bisschen einschränken sollen. Da wären: a) Der böse Bösewicht b) die üblichen Sprüche ("rufen Sie nie wieder diese Nummer an") c) die arme, arme Hauptperson, die nichts außer ihrem Beruf auf die Reihe kriegt, schon gar nicht ihr Leben als - wie könnte es anders sein - alleinerziehende Mutter einer - Hurra, nächstes Klischee - schwierigen Tochter d) der böse Vorgesetzte der Hauptperson (ok, wenigstens der war in seiner Mischung aus Inkompetenz und Intriganz glaubhaft gespielt). e) der gute zweite Mann, der - natürlich, was denn sonst - seine eigene Karriere und das seiner Freundin gegebene Versprechen selbstverständlich dem Dienst an der guten Suche unterordnet f) der gute dritte Mann, der halt - Klischeealarm - im altersschwachen Auto immer ein bisschen dümmlich daher kommt, aber natürlich ein gutes, gutes Herz hat. Hach, die Finanzer sind ja alle so gut und so ganz und gar nicht auf Medienpräsenz aus. Es geht natürlich nur darum, dass nichts vertuscht wird, wenn die Medien - Zumwinkel lässt schön grüßen - schon rechtzeitig zur Hausdurchsuchung informiert werden, damit die öffentliche Hinrichtung schon mal vonstatten gehen kann, während man die Beweise, mit denen man selbige zu rechtfertigen gedenkt, erst noch suchen muss. Wie der Kommentar schon sagte: Ein "Krimi" (echt?) "mit hohem Aktualitätsfaktor. Das einzige, was außen vor blieb, war die Rolle der Medien, die einfach nicht warten können, bis ein Täter überhaupt verurteilt ist, sondern das in bester Lynchjustizmanier lieber selbst lange im Voraus erledigen, aus Angst die eigene Auflage könnte zu kurz kommen. Alles in allem ein äußerst mittelmäßiger Film, dem nur wegen des kürzlich über die Bühne gegangenen (das Urteil "Knast" stand in den Medien ja schon vorher längst fest, ohne dass man das Ausmaß der Steuerhinterziehung auch nur ansatzweise gekannt hätte) Hoeneß-Prozesses eine völlig unverdiente Aufmerksamkeit zuteil wird. Es kommt einem fast so vor, als sollte mit solchen Filmen die unerwartet kurze Prozessdauer für die Medien kompensiert werden. Man hätte halt gerne eine längeren Prozess gehabt, damit man länger sensationsheischende Kommentare absondern und vermarkten hätte können. Nachdem der blöde Richter aber sehr zielstrebig und weder Hoeneß noch der Staatsanwalt gewillt waren, nur für die Medien ein längeres Spetakel zu bieten, musste man die der Öffentlichkeit, die man blöderweise so auf "hängt den Steuersünder" konditioniert hat, nun etwas anderes vorsetzen. Da aktuell kein weiterer prominenter Steuersünder zur Hand war, musste halt ein fiktiver herhalten...
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