TV-Film über Wikinger-Frauen "Weib, mach das Horn schön voll!"

Die Wikinger aus weiblicher Perspektive: Ein TV-Dokudrama will mit den Klischees von prügelnden und saufenden Machos aufräumen. Es erzählt die Geschichte zweier Nordfrauen - leider mit Dialogen zum Draufschlagen.

Arte/ NDR

Von xxx xxx


Eisland heißt das neue Paradies, das Sigrun sucht. Ein fremdes Land, in dem es Platz für alle geben soll. Ein Schafsfellhändler erzählt ihr auf dem Markt, wo das Stückchen unbesiedelte Erde, man nennt es heute Island, liegen soll. Im Nordwesten. Also dann, hin da, das Gesinde im Schlepptau. Sigrun hält's nicht mehr aus in ihrer Heimat, irgendwo dort, wo jetzt Dänemark liegt. Ihr Ehemann, ein Rüpel in Leder und Fell, will den Sohn zum Krieger erziehen und die Töchter mit zotteligen, brutalen Kämpfern verheiraten.

Das Dokudrama "Die Frauen der Wikinger" wird am Samstag auf Arte und später vom NDR ausgestrahlt. Es hinterfragt, welche Rolle das weibliche Geschlecht in einer Gesellschaft voller Eroberer, Räuber und Mörder spielt.

Die Wikinger also. Ja, was weiß man eigentlich noch über diese wilde Truppe? Man denkt an den frechen Wickie, an eifrige Segler, an Eroberer, an Muskeln, Götter, Sagen und Trinkhörner.

Die Berliner Produktionsfirma Gebrueder Beetz, die im vergangenen Herbst mit der MDR-Serie "Make Love" aufgefallen ist, hat vor zwei Jahren die Ausschreibung des NDR gewonnen, ein crossmediales Projekt über Wikinger zu realisieren. Bei "Die Frauen der Wikinger" stellt die Firma nun gleich zwei Zusatzangebote bereit. Neben der Ausstrahlung im Fernsehen gibt es eine App und ein Online-Lernspiel. Zeitgleich läuft eine große Wikinger-Ausstellung in Berlin, mit deren Kuratoren die Produktionsfirma kooperiert.

Wikinger auf dem Smartphone

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die am Dienstag vor der TV-Premiere eröffnet wird, beschäftigt sich mit dem Leben der Wikinger als Seeräuber, Händler und Siedler und betrachtet deren Zusammentreffen mit Kulturen zwischen Nordamerika bis hin zum Schwarzmeergebiet. Es gibt bedeutende Ausgrabungsfunde wie Waffen oder Schmuck zu sehen sowie eines der größten Kriegsschiffe dieser Epoche. Mit der App kann man sein Wissen zur Ausstellung testen und beim Wikinger-Lernspiel, das Mitte September freigeschaltet wird, können Spieler im Dorf Isungur Wissen zum Alltag der Wikinger sammeln. Eine mehr als tausend Jahre alte Mythenwelt übersetzt in Nullen und Einsen.

"Mit den Zusatzangeboten versuchen wir ein jüngeres Publikum zu erreichen, das kriegen wir im Fernsehen kaum mehr", sagt Georg Tschurtschenthaler, Produzent bei den Gebruedern Beetz. Die jüngeren Zuschauer sähen sich zwar auch noch "Wickie" an, aber sie verbringen den Großteil der Freizeit vorm Tablet oder Smartphone. "Wenn man Aufmerksamkeit kriegen will, muss man einen größeren Aufschlag machen."

In die Zusatzangeboten können die Produzenten zudem das Recherchewissen packen. "Es gibt so viele Geschichten, die man noch extra erzählen könnte", sagt Tschurtschenthaler. Das Onlinespiel sei etwa stark auf den Handel ausgerichtet; die Spieler erfahren, welche Währungen die Wikinger verwendeten und dass sie damals etwa schon Schlittschuhe und Bügeleisen benutzten. "Wir müssen natürlich aufpassen, uns nicht zu übernehmen", so Tschurtschentaler. "Es gibt plötzlich so viele Erzählmöglichkeiten. Da besteht die Gefahr, dass man halbfertige Sachen abliefert."

So dürfte etwa das crossmediale Arte-Projekt "Lebt wohl, Genossen" über das Ende der Sowjetunion viele Zuschauer und User an und über ihre Grenzen gebracht haben - die Gefahr, sich in den unendlichen Erzählmöglichkeiten des Internets zu verlaufen, war hier sehr groß.

Botschaften auf Haarklammern

"Die Frauen der Wikinger" wirkt dagegen nun leider etwas halbfertig. Der aktuelle Stand der Wikingerforschung wird zwar wiedergegeben: Forscher analysieren zum Beispiel Grabstätten und menschliche Überreste und interpretieren Wandteppiche und Haarklemmen, in die Runen geritzt worden sind, die Botschaften ergeben.

Eingepackt sind diese Erkenntnisse in die Erlebnisse der fiktiven Heldinnen, die an nordische Sagen angelehnt sind. Besagte Sigrun (gespielt von Esther Schweins) flieht im ersten Teil vor ihrem Mann nach Island: Unterwegs lauern Gefahren, böse Menschen kommen ihr in die Quere, ein bisschen Drama. Die Heldin des zweiten Teils, Jova (Leonie Benesch, "Das weiße Band"), flieht vor ihrem gemeinen Herrn, um ihren Vater zu suchen: Unterwegs lauern Gefahren, böse Menschen kommen ihr in die Quere, ein bisschen Drama.

Die Figuren sind insgesamt hoffnungslos überzeichnet, eigentlich kommen nur drei Typen vor: böse Männer, hilfsbereite Männer und mutige Frauen. Die Dialoge knattern dann hin und her, etwa so:

Böse Männer:

  • "Mehr! Weib, mach das Horn schön voll!"
  • "Stell dich nicht so an, Weib, die Männer wollen sich amüsieren!"

Männliche Helfer:

  • "Es wird eine gefährliche Reise."
  • "Wir können auf unsere Götter vertrauen."

Mutige Frauen:

  • "Ottar war ein Schwein und mein Besitzer."
  • "Ich will die Scheidung."

Immerhin: Das Dokudrama "Die Frauen der Wikinger", das mit einem Budget von rund 1,2 Millionen Euro produziert und im vergangenen Jahr unter anderem in Schweden gedreht worden ist, vermittelt einen soliden Einblick in die Wikingerzeit. Es zeigt anhand zweier Protagonistinnen, dass Frauen um die erste Jahrtausendwende durchaus selbstständig sein konnten, Haus und Hof verwalteten und ohne Ehemann Island besiedelten. Und mit einigen Mythen wird aufgeräumt - Wikinger trugen zum Beispiel keine Helme mit Hörnern.

Mit etwas mehr Investition in Dialoge und Handlungsstränge hätte also schon allein der Film möglicherweise eine jüngere Generation angesprochen. Ganz ohne App und Online-Spielchen.


"Die Frauen der Wikinger": Arte, Samstag, 13. September, 20.15 Uhr (Teil eins und zwei) sowie NDR, Mittwoch, 17. September, 21.00 Uhr (Teil eins) und Mittwoch, 24. September, 21.00 (Teil zwei)



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 09.09.2014
1. Ja mei...
...Wikinger halt. Damals war es wohl überall nicht so besonders angenehm zum leben...das jetzt so ein Hype mit den Wikingern los geht ist wohl auch so eine Modewelle...auch wenn man nicht unbedingt heutige ethische Maßstäbe ansetzen sollte (warum eigentlich nicht?)...die Wikinger waren eine Raub und Mordbande die am liebsten wehrlose Leute vergewaltigt, beraubt, gequält, versklavt, totgeschlagen und masakriert haben...das jetzt alles so hochleben zu lassen wirft schon einige Fragen über unsere heutige Gesellschaft auf.
pecos 09.09.2014
2. solide?
[Es zeigt anhand zweier Protagonistinnen, dass Frauen um die erste Jahrtausendwende durchaus selbstständig sein konnten, Haus und Hof verwalteten und ohne Ehemann Island besiedelten.] Ist sowas historisch abgesichert, oder wird hier nur wieder - wie so oft - eine Entwicklung der Gegenwart in die Vergangenheit projiziert? Ich vermute eher Letzteres; schliesslich bedarf die Gendergegenwart eines Spiegels, in dem sie sich so sehen kann wie sie es gerne haben möchte: Frauen sind auch in der Vergangenheit immer edel (niemals bösartig und fies). Es ist wie mit der Hygiene: alle (Guten) haben immer gute Zähne in solchen "Doku"dramen. Jeder Historiker wird Ihnen bestätigen, dass man "damals" stank und fast jede/r Erwachsene faulende Zahnstumpen hatte. So historisch dokumentarisch kanns also nicht sein....
retmar 09.09.2014
3.
Zitat von pecos[Es zeigt anhand zweier Protagonistinnen, dass Frauen um die erste Jahrtausendwende durchaus selbstständig sein konnten, Haus und Hof verwalteten und ohne Ehemann Island besiedelten.] Ist sowas historisch abgesichert, oder wird hier nur wieder - wie so oft - eine Entwicklung der Gegenwart in die Vergangenheit projiziert? Ich vermute eher Letzteres; schliesslich bedarf die Gendergegenwart eines Spiegels, in dem sie sich so sehen kann wie sie es gerne haben möchte: Frauen sind auch in der Vergangenheit immer edel (niemals bösartig und fies). Es ist wie mit der Hygiene: alle (Guten) haben immer gute Zähne in solchen "Doku"dramen. Jeder Historiker wird Ihnen bestätigen, dass man "damals" stank und fast jede/r Erwachsene faulende Zahnstumpen hatte. So historisch dokumentarisch kanns also nicht sein....
Es besteht der dringende Grund zu der Annahme, dass erst das besondere Wesen der Wikinger-Frauen ihre Männer zu den tollkühnsten Entdeckungs- und Eroberungsreisen veranlasst hatte. Überall sonst war es über einen längeren Zeitraum angenehmer, schöner und besser als zu Hause...
Lightbringer 09.09.2014
4.
Eisland heißt auch heute noch Eisland, nur halt nicht im Deutschen.
Polyprion 09.09.2014
5. Völlig überflüssig-
es gibt bereits eine gute Serie namens "Vikings". Die bannt sicher Jung und Alt gleichsam vor die Bildschirme. Wieso können scheinbar immer alle anderen so etwas locker und unterhaltsam gestalten und bei uns in Deutschland kommt nichts als eine verkrampfte Doktorarbeit raus?
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