"Die Höhle der Löwen"-Staffelfinale Maschi, Vroni und das Badezimmer der Beckhams

Zum letzten Mal in dieser Staffel schielten hoffnungsfrohe Gründer auf die Geldbeutel der "Höhle der Löwen"-Investoren. Warum die Sendung nervt - und man sie trotzdem lieben kann.

Die Löwen testen "Casino4Home".
VOX/ Stefan Gregorowius

Die Löwen testen "Casino4Home".

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Manchmal werden die Löwen zu Kaninchen. Wenn sie ihre Augen zusammenkneifen und konzentriert witternd mit den Nasen zucken, weil ihnen gerade wieder jemand einen Deal unterjubeln will, dessen Vergoldisierungspotenzial sie noch nicht ganz erfasst haben - dann ähneln die fünf Investoren von "Die Höhle der Löwen" (DHDL - nein, das ist kein Paketzustelldienst) wirklich kurz eher nachdenklichen Nagern als lauernden Raubtieren.

International ist man sich eh uneins, welcher Gattung ein dealhungriger Geldgeber am ehesten angehört. Das Grundkonzept der Sendung kommt aus Japan und heißt dort "Tiger of Money", in Großbritannien sind die Investoren "Dragons", in Amerika und Israel "Sharks". Fast 30 lokale Länderableger gibt es inzwischen von dem Finanzierungsformat. Die deutsche Variante fuhr auch in ihrer dritten Staffel glänzende Einschaltquoten für Vox ein, meist lag der Marktanteil bei guten zehn Prozent, in der relevanten Zielgruppe sogar bei bis zu 19,4 Prozent.

Warum sind Sätze wie "Ich bin einfach nicht so skalierbar" und umständliche Schwadronagen über Benchmarks und B2C plötzlich massentauglich, obwohl in der deutschen TV-Vergangenheit bislang sämtliche Versuche, wirtschaftliche Vorgänge unterhaltsam zurecht zu zurren, grandios scheiterten (man denke nur an die bizarre Führungskraft-Castingshow "Big Boss" mit Reiner Calmund)?

Was bei DHDL nervt

An der größeren Realitätsnähe von DHDL kann es nicht liegen: Laut "Bild" platzten im Nachhinein 70 Prozent der Deals aus der ersten und zweiten Staffel dann doch, wenn es wirklich ans Eingemachte ging, und echte Start-up-Strampler beklagen regelmäßig, die in der Sendung vorgespielte Dealpraxis verhalte sich zu echten Investorenverhandlungen wie das patschige Hantieren mit einer Kinderpost zu echten Banktransaktionen. Vor allem das deutliche Machtgefälle, bei dem der Bibbergründer vor einer pontiuspilatushaft über Wohl und Wehe entscheidenden Jury steht, existiere in der Wirklichkeit so nicht.

Die mitunter schwerst stammelnden Gründer können ebenfalls nicht der Grund fürs Einschalten sein: Sie sind nicht abgewrackt und desolat genug, um wie bei ihrer buckligen Verwandtschaft von "Goodbye Deutschland" zu schadenfreudig motiviertem hate-watching zu verleiten, aber auch nur selten rhetorisch so munter, dass das Zuschauen wirklich schamfrei Spaß bereiten würde. Stattdessen hört man staubige Sätze wie "Das Kaugummi ist fast so alt wie unsere Menschheit".

Manchmal schließlich gehen einem die Löwen und ihre Deals geradezu auf die Nerven, weil das Format mitunter zur Verkaufsschau und Dauerwerbesendung wird - wenn man zum Beispiel Investor Ralf Dümmel in Was-wurde-aus-Einspielern mit seinen Gründern, bei denen er in vorherigen Sendungen investiert hat, leger durch die Supermärkte schlendern sieht, wo deren Malz-Aufstriche und Stau-Winkarme prominent aufgeschichtet sind. Mitunter kann man sich fragen: Verkauft sich das Produkt wirklich so gut, weil es eben toll ist - oder eher, weil DHDL wie ein ausführlicher, prominenter Werbespot zur besten Sendezeit funktioniert? So groß ist der absatzfördernde Wumms der Sendung, dass die Online-Shops der pitchenden Start-ups oft schon während der Sendung unter dem Ansturm zusammenbrechen.

Dass "Die Höhle der Löwen" trotz alledem funktioniert und auch nach drei Staffeln noch Spaß macht, liegt vor allem an zwei Dingen:

  • Am sich nie abnützenden Wundertüten-Faktor, bei dem man nie weiß, ob als nächstes ein Gynäkologe seine Latex-Gruselmasken verkaufen möchte, oder ob es doch um glutenfreie Pizzaböden, Bommelmützen mit eingebauten Kopfhörern oder einen Eiszapfroboter gehen wird.
  • Vor allem aber liegt es an den Löwenkaninchen. Sie sind zwar echte Wirtschaftsmenschen, die durch ihre Sendung für Sendung weiter herausmodellierten Charakteristika fast so plastisch erscheinen, wie es sonst nur Serienfiguren sind. Sie funktionieren zusammen wie ein guter Cast, so perfekt austariert wie früher die Mitglieder einer Boygroup. Und so ikonisiert, dass sie längst auch als Meme-Material taugen. Besonders beliebt: Das zweifelnde Thelen-Gesicht und die dümmelsche Investierfreudigkeit.

Die Löwen funktionieren wie eine gut sortierte Pokémon-Sammlung: Jeder hat seine ganz persönlichen Stärken, sei es Entwicklung, Vertrieb oder Marketing, und als Gründer kommt es vor allem darauf an, welche Schlacht man mit seinem Produkt schlagen will, um sich für den richtigen Investor mit dem passenden Angriffsarsenal zu entscheiden.

Homeshopping-Königin Judith Williams gibt die Geldlady, die sich auch schon mal über anzügliche Produktnamen (wie das Alko-Eis "Suckit") echauffiert, etwas milde Krystle-Carrington-Grandezza in die Sendung bringt und schon beim Pitch wohlwollend nickt wie eine aufmunternde Geigenlehrerin beim Schieftonvorspiel, wenn es um modernen Damenbedarf wie unzerstörbare Strumpfhosen geht. Erlebnisfex Jochen Schweizer ist der gute, jugendlich gebliebene Onkel, der darauf achtet, dass der Snack nach dem Bungee-Sprung auch gesund ist.

Vertriebsprofi Ralf Dümmel hat die Spendiersocken an und erinnert mit seiner Finanzierungsfreude mitunter an einen nächtlichen Online-Shopping-Kaufrausch im Weinschorlentaumel, bei dem man gelegentlich auch eine gewisse Wahllosigkeit an den Tag legt. Holunder-Minz-Kaugummis, Schafswoll-Schlafsack, Holzpostkarten, Schaf-Tortenständer, Leucht-Fahrradreifen und aufbrühbares Trockengemüse - habenHabenHABEN!

Carsten Maschmeyer ist die schrulligste Figur der Runde. Er liebt schwer einstudiert wirkende Wortspiele ("Entweder machen wir zusammen eine Revolution oder das war hier eine Halluzination." - "Sie sind liebenswert, aber noch nicht löwenswert.") und ramscht noch lieber in seinem Nähkästchen, aus dem er wie aus einem bodenlosen Werkzeugkoffer zu jedem noch so absurden Produktpitch eine Episode aus seinem Leben zieht.

Ein Casino-Homeservice? "Meine Veronica hat schon mal alles auf eine Zahl gesetzt, in Marrakesch."

Eine neuartige Schminklampe? "Ich bin durch meine wunderbare Frau auch mit der Hollywood-Welt in Berührung gekommen - und habe dort über das hell erleuchtete Badezimmer der Beckhams gestaunt."

Alkoholhaltiges Wassereis? "Ich habe einmal zwischen Schule und Konfirmandenunterricht im Supermarkt eine Flasche Gin gekauft und lag dann besoffen auf dem Sportgelände."

Frank Thelen schließlich ist der Nerdo-Nerd, für den viele Produkte schon deshalb ausscheiden, weil sie nicht in seiner eigenen, appstrakten Computerwelt stattfinden. Typischer Satz: "Von Strumpfhosen habe ich überhaupt keine Ahnung und damit bin ich raus." Auch wenn er die Erfinder eines smarten Reisetrolleys mit Knitterschutz für Businessklamotten super findet: Da er selbst keine Anzüge trage, könne er auch nicht investieren. So wie er auch kein Geld für Schlafsäcke gibt, denn "draußen ist nicht meine Welt" und Alkopops-Eis "nicht meine DNA".

Eine vierte Staffel von "Die Höhle der Löwen" ist für 2017 schon bestätigt - dann allerdings ohne Jochen Schweizer, der sich wieder auf sein Kerngeschäft konzentrieren möchte. Abwarten also, wie sich der oder die Neue in das Ensemble einfügen wird. Schalten Sie auch dann wieder ein, wenn Sie Carsten Maschmeyer sagen hören wollen: "Barfußschuhe finde ich super, ich habe durch falsch sitzende Schuhe schon schlimme Fußprobleme gehabt."

Mehr zu den Start-ups der neuen Staffel "Die Höhle der Löwen", die im September 2017 gestartet ist, lesen Sie bei manager-magazin.de.



insgesamt 33 Beiträge
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Hofnarr1 02.11.2016
1. Verbrechen lohnt sich
Wie man an der Präsenz Carsten Maschmeyers erkennen kann. Vermutlich hat das deutsche Fernsehen demnächst neue Formate auf Lager und dort Anschlussverwendung für Hell's Angels (Die Motorrad Fahrschule der Hölle) oder Drogendealer (Die Spitzen SpritzenKraft).
Sonia 02.11.2016
2. Das schauen sich also wirklich Leute an?
Na, gut, man spricht ja seit Jahren schon von der Prekarisierung unserer Medien. Und, das im Spiegel der einst so vehement verteufelte Maschmeyer nun zu den Guten gehört, erstaunliche Wandlung.
sonnenschein73 02.11.2016
3. Made my day
Wieder ein grandios geschriebener Artikel und den Löwen perfekt aufs Maul geschaut - danke für den Lacher am Morgen...
seb.mazur@googlemail.com 02.11.2016
4. da geht
wieder eine sendung, von der ich bisher nichts gesehen habe und von deren existenz ich erst vor kurzem erfahren habe. naja, aber somgeht es mit dem meisten (allen) gehypten dingen, im prinzip so schlecht, daß sie diese extra werbung brauchen....
mettwurstlolli 02.11.2016
5. Amüsant
Positiv: Im Angestelltenvollkaskodeutschland wird den LEuten auf unterhaltsame Art gezeigt, dass es sich lohnt, sich mit einer einigermaßen akzeptablen Geschäftsidee auf eigene Füße zu stellen. Ein Lob des Unternehmertums. Das kommt bei uns viel zu selten vor. Negativ: Die Geschäftsidden finde ich nicht besonders vielfältig. Die Endkonsumenten - Produktschiene und Lebensmittel in allen Variationen dominieren doch sehr (mag daran liegen, dass das den meisten Leuten verständlich und eingängig und einfach zu präsentieren ist). Mit echten Investorenverhandlungen hat das Ganze nichts zu tun. Das kann man aber auch nicht erwarten. Echte Investorenverhandlungen hätten wohl kaum Unterhaltungswert. Erschreckend ist, wie wenig die "gründer" ihre Zahlen im Griff haben und wie wenig die Unternehmensbewertungen mit echten Rentabilitätsüberlegungen zu tun haben. Für die Idee, eine Firma mit fünf verkauften Blumentöpfen für 3 Mio. zu verkaufen, bekäme man in der realität nicht einmal eine email-Antwort. Was immer im Nachgang der s'endung passiert, für die Investoren funktioniert das Thema nur deshalb, weil die investierten Summen eher Taschengeld sind und der eigentliche Effekt im Werbewert der sendung liegt. Maschmeyerbashing ist billig, immerhin ist er ein ziemlich erfolgreicher Unternehmer und in der Sendung tritt er den Gründern gegenüber zigmal freundlicher und wohlwollender auf, als der wichtigtuerische und nicht besonders sympathische Thelen.
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