Sisi bei Netflix Bitte romantisch glotzen!

Die nächste Sisi-Serie: »Die Kaiserin« will fortschrittlich von einer modernen Frau erzählen, die sich am rückständigen Hof durchsetzen muss – aber kitschig geliebt wird dann doch ausgiebig.
Höfische Prachtentfaltung: Devrim Lingnau und Philip Froissant in »Die Kaiserin«

Höfische Prachtentfaltung: Devrim Lingnau und Philip Froissant in »Die Kaiserin«

Foto: Netflix

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Wer war Sisi denn nun? Die mächtige und schöne Kaiserin von Österreich-Ungarn, Haare bis zu den Fersen, vom Volk geliebt, vom eigenen Hof wegen ihres unbändigen Freiheitsdrangs unverstanden? Der »Sissi« geschriebene Backfisch aus den Filmen der Fünfzigerjahre , korsettiert und streng frisiert, der seinen Kaiser Franz untertänigst verehrt und sich brav in seine eheweibliche Rolle fügt? Oder das Naturkind, das in der aktuellsten Mythos-Zurechtklöppelung, der Netflix-Serie »Die Kaiserin«, kühl anlegt und einen Eber abknallt, den der neben ihr stehende Zar von Russland jämmerlich verfehlt hatte?

Niemand, der »Die Kaiserin« einschaltet, wird ernsthaft eine Antwort auf diese Frage erwarten. Also lieber den Spieß umdrehen und fragen: Was erwarten Zuschauer denn, die heute eine Geschichte über Sisi anschauen oder lesen? Warum ist diese historische Figur plötzlich wieder so interessant, dass gefühlt am laufenden Band neue Bücher über sie geschrieben, neue Serien und Filme über sie gedreht werden? Oder, anders formuliert: Ist sie denn überhaupt interessant, oder glauben Filmemacher und Autoren nur, sie sei es, weil sich in ihr Entwicklungen spiegeln lassen, die sehr viel mit der Gegenwart, aber kaum etwas mit der historischen Figur zu tun haben?

Gefangen unter der Glasdecke: Sisi

Gefangen unter der Glasdecke: Sisi

Foto: Netflix

Zur Netflix-Serie lässt sich jedenfalls sagen, dass sie nicht wahnsinnig interessant ist. Das liegt an beiden Seiten: der Erwartungshaltung, die die Macher dem Publikum unterstellen, und ihrem eigenen Deutungsfuror, der der Figur jedes Eigenleben nimmt und sie zur Bannerträgerin weiblicher Emanzipation zurechtbiegen will.

Dabei ist es doch so: Wie erstaunlich und entsetzlich wäre es, wenn sich der Blick auf den Mythos in den Jahrzehnten seit den Sissi-Filmen nicht verändert hätte? Um das noch einmal kurz in Erinnerung zu rufen: Romy Schneider stieg 1955 mit dem ersten Film mehr oder weniger über Nacht zum größten deutschen (und österreichischen) Filmstar der Nachkriegszeit auf, mit einer Rolle, die aus der Kaiserin ein devotes, angepasstes, ihren Mann bewunderndes, kindliches, in jeder Hinsicht harmloses Geschöpf machte. Ganz dem biedermeierlichen, restaurativen Frauenbild der Zeit entsprechend.

Der SPIEGEL brachte 1956 eine Titelgeschichte über Romy Schneider, in der deren Mutter Magda Schneider, die in dem Film die Mutter der Kaiserin spielt und deren eigene Karriere von Romys Ruf massiv profitierte, mit den Worten zitiert wird: »Warum springen die Menschen so auf Romy an? Weil sie spüren, dass das hier endlich einmal ein Geschöpf ist, das mit dem Dreck der Welt noch nicht in Berührung gekommen ist!«.

Dummerweise hatte Romy Schneider schnell die Nase voll davon, die Unschuld vom Lande zu mimen, und floh nach dem dritten »Sissi«-Film nach Frankreich, wo sie in den Siebzigerjahren zur Grande Dame des Autorenfilms aufstieg, selbstbewusste, suchende, zerrissene, jedenfalls: tief und wahrhaftig empfundene Frauen spielte. In Deutschland und Österreich sah man das jahrzehntelang als Desertion und Verrat und überzog Schneider mit einer Art öffentlicher Hexenjagd.

Das war vor noch gar nicht so langer Zeit also noch möglich, das war bittere Realität. Tief ist der Brunnen der Vergangenheit, schreibt Thomas Mann. Dabei handelt es sich in diesem Fall eher um eine seichte Pfütze, und dennoch fühlt es sich an, als lägen Äonen zwischen Damals und Heute. Gerade deshalb aber nervt auch die Plakativität, mit der Sisi in der »Die Kaiserin« ein ums andere Mal als wild, innerlich frei, unkonventionell und selbstbewusst gezeigt wird. Auf nackten, schmutzigen Füße erklimmt sie den Kaiserthron, staucht den Bischof zusammen, der ihr unter den Rock schauen will, um ihre Jungfräulichkeit zu bestätigen, feiert heimliche Partys im Schloss, schenkt einem süßen Vögelchen die Freiheit, sprengt auf einem prächtigen Zossen durch den kaiserlichen Irrgarten und muss Sätze sagen wie diesen: »Ich hoffe, die Menschen werden sich daran erinnern, dass ich eine gute Kaiserin war – und nicht daran, welche Frisur ich hatte.«

Der Blick heutiger Gesellschaften auf die Reste feudaler Systeme

Über weite Strecken wirkt es so, als beglückwünschten die Macher der Serie sich ständig selbst für ihr fortschrittliches Frauenbild. Dabei war die RTL-Serie »Sisi« , die Weihnachten 2021 startete, wesentlich freizügiger und wilder als die Netflix-Variante.

Die leidet zusätzlich darunter, dass Adel und Kaisertum zwar als rückständig gezeichnet werden, gleichzeitig Pomp und Machtentfaltung der höfischen Gesellschaft aber doch irgendwie sexy wirken sollen. Der Blick heutiger freier Gesellschaften auf die Reste feudaler Systeme, die Europa über Jahrhunderte beherrschten, ist ja wesentlich unschärfer, als man das für möglich halten würde, wie sich anlässlich des absurd überdimensionierten Begräbnisses von Elizabeth II. beobachten ließ.

Die Idee der romantischen Liebe will »Die Kaiserin« nicht opfern

Die Idee der romantischen Liebe will »Die Kaiserin« nicht opfern

Foto: Netflix

»Die Kaiserin« unterstellt seinem Publikum, genau diesen Reizen ebenfalls zu erliegen. Weshalb die Serie unentschlossen dazwischen schwankt, die Leiden der Bevölkerung zu zeigen – es gibt einen unausgegorenen Erzählstrang um eine versuchte Ermordung von Kaiser Franz Joseph –, und gleichzeitig den absolutistischen Herrscher zum sozialromantischen Träumer umzufunktionieren. Denn der Adel mag sich zwar überlebt haben, aber böse sind längst nicht alle im Feudalsystem, im Gegenteil: Der Kaiser will lieber neue Eisenbahnen für das Volk als mehr Soldaten für seine Unterdrückungsarmee, seine Sisi ist ihm ganz unironisch in romantischer Liebe ergeben, und gemeinsam strahlen sie mit der Aura früher Popstars. Wer will dem Volk da verdenken, dass es sich der Herrscherin vor die Füße wirft?

Vielleicht ist zumindest diese Serie doch noch nicht so weit, wie ihre Macher zu glauben scheinen. Dass es anders geht, zeigt »The Crown«, die wahrhaft antiroyale Serie schlechthin. Hier zermalmt das System noch jeden, der oder die ihm dient. So weit wird es in »Die Kaiserin« sicher nicht kommen, selbst wenn es eine zweite Staffel geben sollte.

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