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09. Juli 2019, 12:35 Uhr

"Die Sieger" in neuer Version

Als der deutsche Film sich etwas Unerhörtes traute

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Sex, Gewalt, Abgründe: Vor 25 Jahren trat der Thriller "Die Sieger" an, das deutsche Kino zu verändern - und ging gnadenlos unter. Der Mythos aber blieb. Jetzt gibt es einen Director's Cut von Dominik Graf.

Was fällt als Erstes auf, wenn man einen Film nach 25 Jahren wiedersieht? Äußerlichkeiten zunächst: Wie klobig die Autos 1994 aussahen. Wie weit geschnitten die Hemden waren, wie unförmig die Krawatten. Dass Herbert Knaup damals zwar auch schon mächtige Geheimratsecken hatte, aber im Vergleich zu heute eine geradezu spektakuläre Haarpracht.

"Die Sieger", der Polizeithriller von Dominik Graf, in dem Knaup damals die Hauptrolle spielte, war ein Versprechen: auf ein anderes deutsches Kino, auf aufregende Genrefilme, die sich nach cineastischer Größe strecken und die damals unumgänglichen provinziellen Komödien überstrahlen würden. Aber "Die Sieger" ging gnadenlos unter. Von den Produzenten verraten und gefleddert, von der Kritik geschmäht, vom Publikum mit Missachtung gestraft.

Was blieb, war ein Mythos. Deshalb lohnt sich heute ein genauerer Blick auf diesen Film. Denn "Die Sieger" ist zurück, als Director's Cut. Zum 100. Geburtstag der öffentlich-rechtlichen Produktionsfirma Bavaria Film durfte Dominik Graf sich noch einmal an den Film setzen, der ihn beinahe die Karriere gekostet hätte, und rund 15 Minuten damals geschnittenes Material wieder einfügen. Die Fassung war schon während der Berlinale im Kino zu sehen, jetzt feiert sie ihre TV-Premiere.

Was man da zu sehen bekommt, überrascht und schockiert gleichermaßen, und sehr schnell stehen nicht mehr die Frisuren im Mittelpunkt, sondern die Ungeheuerlichkeit dieses Films. Zum Beispiel die Eröffnungssequenz: "Die Sieger" baut da zunächst das Düsseldorfer Rheinufer zur Großkulisse aus und zeichnet das Bild eines warmen, arglosen Sommertags.

Dann zeigt Graf, wie ein Mann das Zimmer im Krankenhaus betritt, in dem sein geistig behindertes Neugeborenes in einem Brutkasten liegt. Wie er den Verschluss öffnet, es herausnimmt. Und wie er es dann erschlägt.

Ein Mann, der sein eigenes Kind erschlägt

Es ist nicht so, dass Graf mit "Die Sieger" die Konkurrenz durch TV-Krimis, in der dieser Film entstand, durch pure Krassheit abhängen wollte. Aber Gewalt und Sex sind in diesem Film anders dargestellt, weniger konsumierbar, abgründiger. "Die Sieger" sei der Versuch, Genrekino nach dem Vorbild Hollywoods zu machen, hieß es damals. Aber es ist leicht auszumalen, wie dieser Film auch dort angeeckt und zerpflückt worden wäre.

Heinz Schaefer (Hannes Jaenicke), der Mann, der sein eigenes Kind erschlägt, wird zum dunklen Alter Ego der eigentlichen Hauptfigur, des SEK-Beamten Karl Simon (Herbert Knaup). Schaefer soll nach seiner Tat angeblich Suizid begangen haben. Wie sich herausstellt, lebt er aber noch und hat jahrelang verdeckt als V-Mann gegen die Mafia ermittelt. Dabei half er Politkern, sich zu bereichern. Nachdem Simon ihn bei einem Einsatz erkennt, wird Schaefer zur Bedrohung für seine Familie.

Für heutige Sehgewohnheiten entwickelt sich dieses Szenario langsam, die Dialoge wirken papieren. Aber "Die Sieger" sammelt eine eminente dramatische Wucht, vor allem in den set pieces, den lange und visuell äußerst erfindungsreich ausgespielten Actionsequenzen. Graf baut diese Welt aus Bildern - für das damals ungeheuer geschwätzige deutsche Kino ein geradezu radikaler Schwenk.

Die eingefügten Szenen - leicht zu erkennen, weil sie nur noch auf VHS-Material vorlagen und in der Bildqualität deutlich abfallen - erweitern den Blick auf diese Männerwelt und ihre Rituale. Sie machen den Konflikt zwischen dem Selbstbild Karl Simons als Macher und den Zwängen des Außen mit seinen undurchschaubaren politischen Verflechtungen deutlicher.

Überhaupt Männerbilder: In einer Szene, die bisher fehlte, schneidet Karl sich aus lauter Frust betrunken in den Arm. Es ist eine dieser großen Gesten, mit denen er und seine Kollegen ständig hantieren, um ihre Verunsicherung über ihre Selbstverortung in der Welt zu überspielen. "Die Sieger" lässt das Bild, das diese Typen von sich haben, zersplittern. Als Sieger geht hier niemand vom Platz.

Vorgänger des eigentlichen Meisterwerks

Spannend ist dieser Film auch im Hinblick darauf, was Graf noch nicht gelingt, was aber für sein Werk bedeutsam werden wird. Nach "Die Sieger" entdeckte er das Fernsehen als Spielwiese für sich, wo er weiter an seinem ganz eigenen Zugriff auf das Genre des Kriminalfilms arbeiten konnte.

Was im Kinofilm stellenweise noch behäbig wirkt, brachte dann 2010 Grafs eigentliches Krimimeisterwerk, die TV-Serie "Im Angesicht des Verbrechens", zum Abheben. Dort verschränken sich Realismus und stilistische Überzeichnung - Schnitt-Gewitter, Dialogfetzen, wilde Zooms. "Die Sieger" ist der somnambule Vorgänger. So als imaginiere jemand diese Geschichte, der die Erdenschwere bereits abgestreift hat.


"Die Sieger" läuft am 9. Juli um 22 Uhr auf Bayern 3, bis 11. Juli ist der Film in der Bayern-3-Mediathek abrufbar. Am 22. August erscheint der Director's Cut auch als Blu-ray.

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