Rumänien-Thriller von Dominik Graf Balkan brutal

Mit seinem Thriller-Roadmovie "Die Zielfahnder" befreit Dominik Graf das deutsche Fernsehen von Europaklischees. Ein Gewaltakt von Film, ein Entfesselungsabenteuer!

ARD/ WDR/ Wiedemann & Berg

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Dieser Text erschien ursprünglich zur Uraufführung von "Die Zielfahnder" auf dem Filmfest München.

Die Konferenzschaltung zwischen Justizministerium und Innenministerium, zwischen Landeskriminalamt und Zielfahndung steht. Über Stunden sitzt man vor dem Telefon und verfolgt aus unterschiedlichen Büros heraus, wie deutsche Polizisten an der Grenze zu Polen einen Rumänen jagen. Kommunikationstechnisch ist das Ganze eine Glanzleistung, fahndungstechnisch ein Debakel.

Der Rumäne war in Düsseldorf aus dem Gefängnis ausgebrochen, die Zielfahnder Hanna Landauer (Ulrike C. Tscharre) und Sven Schröder (Ronald Zehrfeld) sollten ihn an der deutsch-polnischen Grenze stellen. Mit allem drum und dran: GPS, Peilsender, Hubschraubereinsatz. Und doch ist all der Aufwand vergeblich. Querfeldeinfahrten im Oder-Grenzgebiet, Maschinengewehrsalven vom anderen Ufer, die Ermittler sind bald abgehängt.

Zehn Minuten dauert die irre und irre erfolglose Verfolgungsjagd an der Oder-Grenze; sie stellen locker ganze 90 Minuten einer Brandenburger "Polizeiruf"-Folge in demselben Einsatzgebiet in den Schatten. Europa und seine Grenze bilden in dem neuen, mit schnellen Zooms und sportiven Perspektivwechseln inszenierten Thriller von Dominik Graf ein Territorium, in dem die Gesetze so schnell und abrupt wechseln wie die Sprachen.

Raus aus dem ARD-Wahrnehmungsgehege!

"Zielfahnder - Flucht in die Karpaten" führt als Ermittler-Roadmovie an die Grenzen der Europäischen Union. Und zugleich über die Grenzen des deutschen Fernseherzählens hinaus.

Für die ARD, wo Grafs Film an diesem Samstag Fernsehpremiere feiert, ist die europäische Nachbarschaft inzwischen eine ebenso überbuchte wie unterreflektierte Filmkulisse. Zur Primetime am Donnerstag laufen fast durchweg scheußliche Euro-Krimis, in denen deutsche Darsteller vor Wellen, Berg- und Seenlandschaft bretonische, italienische oder Schweizer Ermittler geben. Der ARD-Zuschauer geht auf Reise - und bleibt doch in seinem Wahrnehmungsgehege.

Dominik Graf treibt ihn da jetzt hinaus. Für den Zuschauer geht es nach der kurzen Polen-Episode am Anfang nach Rumänien, das für ihn genauso fremd, unübersichtlich und herausfordernd ist wie für die beiden Zielfahnder. Die müssen nun mit rumänischen Polizisten kooperieren, die sich einen Spaß daraus machen, die beiden Deutschen im Unklaren darüber zu lassen, ob es sich bei ihnen um einen besonders korrupten oder besonders integeren Trupp handelt.

Kein Balkan für den Reiseprospekt

In einer Szene legt der Kommissionschef in Bukarest die Gäste aus Düsseldorf herein und tut so, als mache er für ein paar Kröten alles. Kleiner Spaß - auf den die deutschen Ermittler sofort reinfallen. Eine wunderbare Erzählvolte zum Klischee, dass der ganze ehemalige Ostblock käuflich ist.

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Euro-Thriller: Showdown in den Karpaten

Was natürlich nicht heißt, dass alles paletti wäre in Rumänien; der Film ist voller Ambivalenzen, und der rumänische Polizeichef bringt diese Ambivalenzen voll Hassliebe auf den Punkt: "Unser Leben im heutigen EU-Rumänien ist erschütternd, pervers, dämlich, lustig. Und vor allem traumatisch gefährlich. Also trinken wir auf eure Opfer und unsere Neureichen!"

Dieser Film zeigt keinen Balkan für den Reiseprospekt, er zeigt ein Europa, das brennt. Immer noch. Oder schon wieder.

Das Drehbuch stammt von Rolf Basedow. Der hat zuvor schon für Grafs Ludenporträt "Hotte im Paradies" im alten Westberliner Zuhältermilieu recherchiert und für das Serienmeisterwerk "Im Angesicht des Verbrechens" in der russischen Gemeinde der deutschen Hauptstadt. Basedow sammelt Impressionen, er erklärt nicht, er löst Widersprüche oft nicht auf.

So kann es aussehen, ein Fernseherzählen, das sich aus den didaktischen Zwängen befreit, von dem öffentlich-rechtliche Produktionen oft geprägt sind. Die Erzählanordnung von "Die Zielfahnder" ist labyrinthisch: Die beiden Ermittler irren - immer rein ins postsozialistische Getümmel! - durchs Vergnügungsviertel von Bukarest, ob die rammelvollen Etablissements, die sie besuchen, Discos oder Bordelle sind, wird nicht geklärt. Der Dollar rollt, die Trinkgeldbimmel bimmelt, die Frauen tanzen anzüglich, die Männer anzüglicher.

Die üblichen rostbraunen Ostblock-Elendsbilder sucht man hier vergeblich. Statt den kolonialen deutschen Fernsehblick aufs europäische Ausland zu richten, wird hier die Fremdheit zum Erzählprinzip erhoben.

Das kommt besonders im letzten Drittel dieses zerklüfteten, fast zweistündigen Man-Hunt-Thrillers zum Tragen. Die Zielfahnder landen bei ihrer Verfolgungsjagd auf einer Hochzeitsfeier in den Karpaten. Die Gäste prosten ihnen zu, bis sie nicht mehr stehen können. Warum die deutschen Polizisten abgefüllt werden? Vielleicht aus Gastfreundschaft, vielleicht weil man sie außer Gefecht setzen will, vielleicht aus beiden Gründen zugleich.

Wer versteht schon die Rumänen? Grafs großer europäischer Entfesselungsakt im deutschen Krimi-Kleinklein gaukelt uns da keine Antworten vor.


"Die Zielfahnder: Flucht in die Karpaten", Samstag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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