Dieter Bohlen hört bei »DSDS« auf Abschied vom Protzbrocken

Über (fast) 18 Staffeln gab Dieter Bohlen den groben und grausamen, fies kalauernden Scharfrichter von »Deutschland sucht den Superstar«. Mit seinem Abschied endet auch die Ära des Demütigungsfernsehens.
Dieter Bohlen, Chefjuror in 18 Staffeln »DSDS« (Archivbild von 2005)

Dieter Bohlen, Chefjuror in 18 Staffeln »DSDS« (Archivbild von 2005)

Foto: Rolf Vennenbernd / picture-alliance/ dpa

Manchmal konnte man fast Mitleid mit ihm haben. Wenn wieder einmal eine »Dietäää!« johlende Flitzpiepe vor allem deshalb beim »Deutschland sucht den Superstar«-Casting erschien, um Bohlen einmal in echt zu sehen, weshalb sich der Juryvorstand nun also wieder einmal nach Strich und Faden abkulten lassen musste. Schön ist das sicher nicht, als begröhlbare Schwundstufe seiner selbst in so vielen Köpfen zu leben.

Meistens aber hielt sich die Empathie mit Dieter Bohlen in Grenzen, wenn er in den vergangenen 19 Jahren und fast 18 Staffeln »DSDS« den lauten, groben Protzbrocken gab. Er kannte dabei nur zwei Modi: Entweder war er »getouched« von der dargebotenen Gesangsprobe, oder eben nicht.

Im Nichtgefallensfall packte Bohlen jene für ihn längst markentypischen Fiesheiten aus, von denen man sich so schwer vorstellen kann, dass es tatsächlich Leute gibt, die diese Ordinärkalauer lustig finden. Oft waren es weiche Ziele, auf die Bohlen feuerte, arglose Schiefstimmchen mit verrutschter Selbsteinschätzung, von der Produktion schadenfroh durchgewunken bis ans Jurypult, wo sie von Bohlen dann programmatisch gedemütigt wurden. Womöglich war der grausame »Pop-Titan« aus dem Privatfernsehen in den vergangenen Jahren auch deshalb nicht wegzudenken, weil er die Verkörperung eines Hauptvorwurfs ist, den man bestimmten Formaten dort machen kann: dass sie Menschen nur vor die Kamera lotsen, um sie in ihren Schwächen und Unsicherheiten gnadenlos auszuleuchten – zur Bespaßung anderer.

Angeblich soll das bei RTL nun ja anders werden , darum wird personell entrümpelt. Dass ausgerechnet Austeiler Bohlen, 67, nun toppünktlich erkrankt ist und darum seiner eigenen Abwrackung nicht beiwohnen kann, riecht freilich streng nach beleidigter Leberwurst. Man könnte anstelle des leibhaftigen Bohlens aber auch einfach einen Bot ins Halbfinale und Finale von »DSDS« setzen, dem man fix noch seine klassischen Boshaftigkeitsmuster draufgeschafft hat.

Fotostrecke

Bye, bye, Pop-Titan

Foto: Ulrich Perrey / picture alliance/dpa

Entsprechende Beispiele finden sich reichlich in diversen Best-of-Beleidigungssammlungen im Internet. Da wären die Assi-Asmusser, scheppernde Kalauer wie »Ja, dein Talent hat geglänzt. Leider durch Abwesenheit.« Und: »Du hast einfach nichts drauf, außer vielleicht Zahnbelag.« Dann gab es gelegentlich Sexismus-Klopfer wie: »Du bekommst ein kleines Ja vom großen Dieter, und ein großes Ja vom kleinen Dieter.« Oder egomane Rülpser wie: »Ich würde auch fünf Kilogramm Hackfleisch in die Charts kriegen.«

Psychologisch interessant mag die auffällige Freudigkeit sein, mit der Bohlen ins Fäkalfass griff – mit Bewertungen wie »Wenn du jetzt 3000 Prozent besser singst, könntest du eventuell Scheiße erreichen.« Oder: »Du kneifst die Augen zusammen wie ich beim Kacken«. Auch andere Körperkalamitäten wurden gern genommen: »Wir suchen hier Vulkanausbrüche und keine Furzfontänen.« Gelegentlich zog Bohlen auch unbeteiligte Tiere mit hinein, etwa wenn er mit seltenem Wohlwollen befand: »Selbst mein Wellensittich würde nicht so hoch kommen, wenn ich auf ihn drauf trete. Du hast mich überrascht!«

Wer blieb, war Bohlen - bis jetzt

Interessant hätte »DSDS« werden können, hätte man Bohlen ein ebenso meinungsfrohes Jurymitglied mit allerdings etwas abweichendem Geschmack an die Seite gesetzt. Doch so gern Bohlen von seinen Vorsängerinnen und Vorsängern ein eigenes Profil mit den viel beschworenen »Ecken und Kanten« forderte, so wenig duldete er Aufsässigkeiten oder auch nur Widerworte in der Jury. Weswegen zum Beispiel Schauspieler und Musiker Max von Thun 2008 sein Juryamt schon nach dem ersten Casting wieder hinwarf. Die Chemie zwischen ihm und Bohlen habe nicht gestimmt, teilte RTL mit.

Dabei war »DSDS« im Jahre 2002 tatsächlich mal mit einer plausiblen Jury gestartet: Dieter Bohlen, ein erfolgreicher Musikproduzent, Thomas Stein, Chef einer großen Plattenfirma, Musikjournalistin Shona Fraser und Radiomoderator Thomas Bug bildeten in der ersten Staffel das Premierenpanel, und in dieser Konstellation konnte man tatsächlich fast glauben, dass es hier wirklich um so etwas wie ein fachkundiges Urteil gehen sollte. Die Jurybesetzung wurde dann im Laufe der Staffeln allerdings immer erratischer, bildete damit aber natürlich auch die generelle Entwicklung der Musikbranche ab: Plattenfirmen verloren ihre Macht als Gatekeeper darüber, wer erfolgreich ist.

Und so saß nun am Ende neben Bohlen und Maite Kelly der junge Popsänger Mike Singer, 21, in der Jury, der schon 2016 mit seinen Coverversionen und selbst produzierten Liedern über eine Million Fans auf Instagram erreicht hatte – damals noch ganz ohne Plattenvertrag. Dazwischen nahmen immer wieder Kuriosbesetzungen wie »GNTM«-Catchphrase-Aufsager Bruce Darnell und in diesem Umfeld irritierende Promis wie Heino am Jurypult Platz.

Wer blieb, war Bohlen, der nicht nur urteilte, sondern traditionell den Sieger oder die Siegerin auch mit dem Song ihrer ersten Single zwangsbeglückte. Obwohl seine »DSDS«-Kompositionen längst kein Garant für einen Nummer-eins-Hit mehr waren. Marie Wegener erreichte 2018 mit »Königlich« Platz 7, Davin Herbrüggen 2019 mit »The River« nur Platz 34. Erst Schlagersänger Ramon Roselly schaffte es 2020 mit »Eine Nacht« wieder auf die 1. Aber das war eigentlich auch egal, weil Bohlen schon lange so wenig ernsthaft einen Superstar suchte wie Heidi Klum ein Topmodel.

Prollpoppige Abgrenzungsschablone

Warum er blieb, während um ihn herum ständig Stühle gerückt wurden? Weil Bohlen auch deshalb zur ikonischen Figur des Privatfernsehens wurde, weil er für jeden Zuschauertyp ein passendes Rezeptionsangebot hatte. Die einen bewunderten ihn als »Dietäää!« oder feierten ihn zumindest ironisch ab. Wer Bohlen nicht mochte, dem taugte er wenigstens als prollpoppige Abgrenzungsschablone. Dazu kam obendrein Bohlens nicht zu unterschätzender Nostalgiewert: Im gegenwartsgeplagten, retroseligen Rückblick erscheinen einem mitunter selbst seine Modern-Talking-Songs erfreulich.

Ob es »DSDS« ohne ihn weiter geben wird, ist nur mäßig spannend. In den kommenden beiden Liveshows wird ihn TV-Veteran Thomas Gottschalk vertreten, was danach kommt, ist offen. Der Verlust der Sendung wäre überschaubar. Zumal ein goldener Satz aus Bohlens »DSDS«-Powerballade »We Have a Dream«, die er angeblich im Finale der aktuellen Staffel zusammen mit einigen Gewinnern der vergangenen Jahre zusammen hätte performen sollen, einen ja ohnehin darüber wegtrösten würde: »Music will survive«.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.