Hallervorden als Holocaust-Überlebender "Erste Schlagsahne!"

ARD

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Deutschland, entspann dich! Zum 80. Geburtstag schenkt die ARD Dieter Hallervorden mit "Chuzpe - Klops braucht der Mensch" die Tragikomödie über einen jüdischen Berlin-Heimkehrer. Ein bisschen zu gezwungen ungezwungen.

Die Geschichte ist schön, aber verdächtig schnell skizziert. Edek Rotwachs hat Auschwitz überlebt und kehrt nach sechs Jahrzehnten aus Australien nach Berlin zurück, um dort mit Seniorensport und einem jüdischen Kulturprogramm seine letzten Jahre zu verbringen. Zumindest hat sich seine als Coach erfolgreiche Tochter Ruth (Anja Kling) das so gedacht - ihre Rechnung aber ohne die Chuzpe des alten Herrn gemacht.

Denn der verliebt sich prompt neu, in eine dralle und lebenslustige polnische Köchin, für deren titelgebende Klopse er im Wedding ein Restaurant eröffnet, das wider Erwarten (seiner Tochter) irre erfolgreich wird. Ende.

Oder auch "Okey-dokey!", wie Edek sagen würde, für den sich Dieter Hallervorden hörbar mühsam einen eigenen Idiolekt aus Jiddisch, australischem Englisch, Berlinerisch und putzig verrutschten Sprichwörtern ("Ist erste Schlagsahne!") zurechtgelegt hat. Es ist nicht Hallervordens einzige Leistung, der mit dieser Rolle dem beachtlichen Strauß seines Spätwerkes ("Honig im Kopf") eine weitere Blüte hinzufügen kann. Es ist ohnehin ein doppeltes Missverständnis, dass der Mann "neuerdings" im "ernsten Fach" reüssieren würde.

Ein unverbrüchlich optimistischer Altzausel

Erstens hat Hallervorden, der am Samstag 80 Jahre alt wird, schon auf der Schauspielschule in Stücken von Schiller gespielt und im "Millionenspiel" einen Schurken dargestellt. Zweitens ist sein klamaukiger "Didi" ebenfalls harte Arbeit gewesen. In England, wo man dem Komischen gegenüber aufgeschlossener ist, würde man ihm zu dieser Kunstfigur noch heute Kränze winden.

Umso angenehmer, wenn in gestischen oder verbalen Tüddeligkeiten hin und wieder auch in "Chuzpe" der "Didi" der Siebzigerjahre aufblitzt - etwa, wenn er auf der Suche nach seiner "netten Polin" im Internet auf "nette Polin" klickt und unversehens mit einschlägiger Pornografie bombardiert wird.

Den Edek Rotwachs gibt Hallervorden ansonsten weniger als Clown denn als unverbrüchlich optimistischen Altzausel, dem doch hin und wieder die Tränen der Eigenrührung in die Augen treten - etwa, wenn er von der leckeren "Kiche" der Familie spricht, die ihm immer Heimat bedeutet hat.

Sehenswert an diesem Film sind nicht nur die Großaufnahmen von Hallervordens verwittertem Gesicht, in dem selbst noch die winzigsten Gefühlsnuancen spielen können. Auch wenn Edek erstmals alleine in seiner Wohnung steht, sich staunend im Kreis dreht, bevor ihm wieder die Tüten in seiner Hand einfallen, erkennt man an der Körperlichkeit den routinierten Theatermann Hallervorden.

Berühren können auch die wenigen Szenen, in denen der Zurückgekehrte in den Straßen von Berlin die Geister der Vergangenheit auf der Tonspur einholen. Mehr als ein verhalltes Kinderlachen braucht es da nicht, aus Innenhöfen, von den verschlossenen Fenstern einer ehemaligen jüdischen Schule, vor den Stolpersteinen, die Edek kniend betastet. Hier kommen allerdings auch die Schwierigkeiten in den Blick, wenn man als Tableau für eine herzige Komödie mit heiterem Klezmer und gefühligen Chet-Baker-Songs ausgerechnet den Holocaust installiert.

In der Romanvorlage von Lily Brett erlebt der Alte seinen dritten Frühling in der Lower Eastside. Verlegt man die Geschichte nach Berlin, bleibt trotz angestrengter Entkrampfungsübungen ein moralischer Muskelkater nicht aus. So leidet Tochter Ruth stellvertretend für die Eltern unter einer Esstörung (Vegetarierin!) und muss sich von der forschen Freundin sagen lassen: "Entschuldige mal bitte, meine Mutter ist fast in Theresienstadt verhungert, und ich liebe blutiges Steak!" Auch ein Rat wie "Du kannst nicht ewig auf den Holocaust fixiert sein!" klingt allzu sehr wie eine gesellschaftliche Regieanweisung. Deutschland, entspann dich mal!

Tatsächlich steht zwischen Edek und dem Glück allein die Tochter mit ihrer ewigen Skepsis, die allerdings auch keine ernsthafte Hürde darstellt. Anja Kling fällt somit die geheime Aufgabe zu, das komplette Drehbuch überhaupt plausibel zu machen. Zwar glückt ihr die Darstellung der überforderten Karrierefrau, die das Durchstarten ihres Vaters mit bitterer Miene begleitet. An der Vorhersehbarkeit der Handlung aber kann sie damit auch nichts ändern.

Und so nimmt dieser Film zwar manche dramaturgische Schleife, treibt aber von Anfang an mit unverändertem Tempo zuverlässig dem erwartbaren Ende entgegen. Das ist vielleicht okey-dokey, mehr aber auch nicht.


"Chuzpe - Klops braucht der Mensch": Samstag, 20.15 Uhr, ARD



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