Disney, "Mulan" und Corona Ein Kreativkonzern auf Sinnsuche

Disney will den Blockbuster "Mulan" auf seinem Streamingdienst herausbringen. Ist das die Verzweiflungstat eines kriselnden Unterhaltungsriesen - oder Start eines neuen Erfolgsmodells, das den Tod des Kinos einleitet?
"Mulan" ist ein Remake des Trickfilmklassikers von 1998, Yifei Liu spielt die Hauptrolle

"Mulan" ist ein Remake des Trickfilmklassikers von 1998, Yifei Liu spielt die Hauptrolle

Foto: Disney

Es gibt eine Welt vor Corona und eine danach. Schicksale von zahllosen Menschen hat die Krankheit durchgeschüttelt. Auch die von großen Konzernen. Reihenweise schreiben sie rote Zahlen und erleiden beispiellose wirtschaftliche Abstürze. Wenige aber sind so brutal wie der von Disney.

Noch bis zum März dieses Jahres war das Maus-Haus der Hüne von Hollywood, der die Konkurrenz mit seinen weltweit erfolgreichen Kinofilmen deklassierte. Elf Milliarden Dollar spielten Disney-Blockbuster 2019 ein, "Avengers: Endgame" wurde mit einem Einspielergebnis von knapp drei Milliarden Dollar zum erfolgreichsten Film aller Zeiten. Das war die Welt vor Corona.

In der Welt danach ist aus dem Hünen ein gerupftes Huhn geworden. Von April bis Ende Juni dieses Jahres fuhr Disney einen Verlust von sagenhaften 4,7 Milliarden Dollar ein. Die Erlöse verringerten sich um 42 Prozent auf 11,8 Milliarden Dollar. Am schlimmsten traf es das Geschäft mit Kreuzfahrtschiffen, Vergnügungsparks und Ferienressorts, das im Jahresvergleich um ganze 85 Prozent schrumpfte.

Eine Wette auf die Zukunft

Aber auch die Filmsparte bietet angesichts noch immer größtenteils geschlossener Kinos in den USA ein jammervolles Bild, hier sanken die Einnahmen um 55 Prozent. Und ein Ende der Misere ist nicht in Sicht: Bisher gibt es keine verlässlichen Signale, wann die US-Kinos wieder öffnen - und erst recht weiß niemand, ob die Zuschauer dann auch zurückkommen.

Für das wirtschaftliche und kreative Dilemma des Konzerns steht auch ein aktueller Schachzug von Disney-CEO Bob Chapek. Der tritt jetzt die Flucht nach vorn an: "Mulan", die 200 Millionen Dollar teure Neuverfilmung des Zeichentrickspektakels von 1998, soll endlich seine Zuschauer finden - wenn schon nicht auf der großen Leinwand, dann zumindest auf den Bildschirmen zu Hause. Ab dem 4. September wird der Film beim hauseigenen Streamingportal Disney+ zu sehen sein.

Disney-Chef Bob Chapek: höchst ungewisser Ausgang

Disney-Chef Bob Chapek: höchst ungewisser Ausgang

Foto:

Bloomberg/ Getty Images

Ist das nun die pure Verzweiflung? Oder ein brillanter Schachzug, der Disney ganz neue Distributionsmöglichkeiten und damit Einnahmequellen bescheren wird?

Ganz sicher lässt sich bisher nur sagen: Die Entscheidung ist eine Wette auf die Zukunft mit höchst ungewissem Ausgang. Eine Wette, die tatsächlich über den zukünftigen Kurs von Disneys Filmabteilung entscheiden dürfte. Aber darüber hinaus möglicherweise auch über die Zukunft einer Kulturinstitution, die seit über 100 Jahren Menschen in dunklen Räumen verzaubert: des Kinos.

Dort sollte "Mulan" ursprünglich starten, in der Welt vor Corona eine Selbstverständlichkeit. Eine Premierenparty mit dem üblichen Pomp war in Los Angeles schon über den roten Teppich gegangen, ab dem 26. März sollte, wie im Blockbusterzeitalter üblich, der weltweit koordinierte Kinoeinsatz des Films folgen. Dann kam Corona. "Mulan" wurde verschoben. Und verschoben. Und wieder verschoben, um schließlich gar nicht mehr im Verleihkalender von Disney aufzutauchen.

Den Film jetzt auf Disneys Streamingplattform auszuwerten, ist kurzfristig sinnvoll. Schließlich war das Produkt sehr teuer, es ist fix und fertig und wartet nur darauf, eingesetzt zu werden. Und Disney+ ist in den letzten Monaten gewaltig gewachsen, der einzige Geschäftszweig des Konzerns, der unter den neuen Umständen gedeiht. 60,5 Millionen Abonnenten soll der Dienst inzwischen weltweit gewonnen haben, Anfang April waren es noch 50 Millionen.

Warum also nicht noch mehr Kunden locken mit einem großen Disney-Film, den man im Kino nie mehr wird sehen können, dafür aber im Wohnzimmer zusammen mit zahllosen anderen Filmen und Serien?

Amazon kann seine Streamingsparte Prime Video quasi als Hobby betreiben, und Netflix operiert mit 193 Millionen Kunden weltweit auf einem ganz anderen Level.

Die Krux: Ganz so einfach ist "Mulan" dann eben doch nicht zu sehen. Auch wer ein Disney+-Abo hat, muss in den USA 29,99 Dollar zusätzlich berappen, damit der Film seine immensen Kosten wieder einspielen kann. Wie teuer es für Kunden außerhalb der USA wird, will der Konzern noch bekannt geben.

Knapp 30 US-Dollar - das ist für viele Menschen in den krisengeschüttelten USA ein hoher Preis. Zuletzt hatte das Universal-Studio seinen für das Kino gedachten Film "Trolls World Tour" zum Streamen freigegeben und dafür 20 Dollar verlangt. Für eine vierköpfige Familie sind 30 Dollar zwar immer noch günstiger als ein Kinobesuch plus Popcorn, aber ob viele Menschen diese Hürde überspringen, bleibt abzuwarten.

Dass die Marke Disney+ nach dem anhaltenden Buzz der vergangenen Monate von der "Mulan"-Premiere profitieren wird, darf hingegen als sicher gelten. Das ist allerdings auch dringend nötig; der bisherige Boom ist auch durch zahlreiche Lockangebote und Schnäppchenpreise erkauft. Bisher verdient Disney mit seinem Portal noch kein Geld. Und 100 Millionen Abonnenten sind zwar eine beachtliche Zahl - aber der florierende Onlinehändler Amazon kann seine Streamingsparte Prime Video quasi als Hobby betreiben, und Netflix operiert mit 193 Millionen Kunden weltweit auf einem ganz anderen Level.

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Bisher will Konzernchef Chapek den "Mulan"-Move ausdrücklich als einmaliges Experiment verstanden wissen, nicht als generellen Strategiewechsel weg vom Kino und hin zum Streaming. Er sagte aber auch, Disney wolle davon lernen und die genauen Abrufzahlen sehen.

Und was passiert, wenn die erstaunlich gut sein sollten? Andere sind längst über den Experimentierstatus hinaus: Universal einigte sich erst vor wenigen Tagen mit der größten Kinokette der Welt darauf, neue Filme des Studios nicht mehr wie bisher nach einigen Monaten, sondern 17 Tage nach Kinostart ins Netz stellen zu dürfen.

Schon 2013 sagten Steven Spielberg und George Lucas eine "Implosion" des Kinos voraus, eine "Kernschmelze", verursacht durch Computerspiele, Video on Demand, Streamingdienste. Ob die derzeitige Krise dieses Szenario Wirklichkeit werden lässt? Die kommenden Entwicklungen um Disney werden auch zeigen, ob das Kino irgendwann zu den Corona-Opfern gehören wird.