Disney startet Streamingkanal Kreative Komplettverweigerung

In den USA startet Disney+. Das Streamingangebot wird die Konkurrenz vermutlich schnell überholen - obwohl der Konzern große Defizite hat. Wie lange kann er noch vom alten Ruhm zehren?

Disney/ interTOPICS/ Snap-Photo/ DDP

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Wäre man ein Hollywoodstudio, müsste man sich wünschen, Disney zu sein. Keine andere Produktionsfirma ist derzeit ähnlich erfolgreich was Umsatzzahlen und Vormachtstellung innerhalb der Entertainment-Industrie angeht. Mit Blockbustern wie "Toy Story 4" und "Avengers: Endgame" deklassiert Disney die Konkurrenz weltweit an den Kinokassen. Und doch muss auch dieser Gigant manchmal der Konkurrenz hinterherlaufen.

Das zeigt sich an Disney+, dem neuen Streaming-Angebot des Studios, das heute in den USA und am 31. März in Deutschland und anderen europäischen Ländern startet. Eigentlich ist der Einstieg in den Streaming-Markt ein Zeichen der Stärke - aber die Tatsache, dass Disney+ aus der Taufe gehoben wird, ist eben gleichzeitig auch einem Umbruch zu verdanken, den ein anderer Konzern bisher maßgeblich vorangetrieben hat. Ein Konzern, der nicht zum Hollywood-Adel gehört wie Warner Bros. oder MGM, ein Konzern, der noch vor zehn Jahren gar keine Serien und Filme herstellte, sondern DVDs per Post verschickte: Netflix.

Die Wucht, mit der Streaming die geordnete Welt der Film- und Fernseh-Produktion umstürzen würde, hatte niemand vorhergesehen. Auch deshalb konnten Netflix und in seinem Windschatten Amazon Prime Video sowie einige kleinere Wettbewerber das Feld bisher unter sich aufteilen. Die Konkurrenz hat lange geschlafen, aber jetzt beginnt das Schlachtengetöse - die "Streaming Wars", wie die US-Presse den Verdrängungswettkampf gern überhöht. Apples Angebot TV+ ist bereits gestartet, nun wirft auch Disney+ den Fehdehandschuh.

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Disney+: Sequels, Prequels, Klassiker

Wenn der mächtigste Entertainment-Konzern der USA in den Markt drängt, sollte eigentlich kein Zweifel daran bestehen, dass er die Konkurrenz vor sich hertreibt. CEO Bob Iger hat Disney+ kürzlich als die größte und wichtigste Investition der letzten 45 Jahre bezeichnet. Aber bei genauerem Hinsehen offenbart der Riese Schwächen. Dass er die Konkurrenz hier so dominieren kann wie an den Kinokassen, ist längst nicht ausgemacht.

Während zwar die großen Kino-Blockbuster alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, war in den vergangenen Jahren Disneys TV-Geschäft die tragende Säule des Konzerns. Und genau dort hat der Konzern empfindliche Verluste hinnehmen müssen. Allein der Sport-Pay-TV-Kanal ESPN verlor in den letzten fünf Jahren 13 Prozent seiner Abonnenten.

In den USA wandern, ähnlich wie in Deutschland, viele Zuschauer zu den Streamingdiensten ab, zum Teil wegen der horrenden Kosten der Kabel-Sender. Ein Paket mit verschiedenen Kanälen wie Disney XD, ESPN, ABC, AMC und über 200 weiteren Sendern kostet derzeit zwischen knapp 50 und über 100 Dollar monatlich. Dagegen sind die Kosten von 6,99 Dollar, die Disney+ für einen Monat verlangt, gering - selbst dann, wenn US-Zuschauer sich noch andere Streamingdienste leisten.

Um Erfolg zu haben, will Disney nun das Rezept wiederholen, das den Konzern schon im klassischen Kino-Segment an die Spitze katapultierte: eine Strategie, die wenig mit Kreativität und viel mit geschickter Marktpositionierung und Zukäufen zu tun hat.

Zu Erinnerung: Noch 2012 war Disney ein Hollywood-Sorgenkind, geplagt von Flops wie "Tron: Legacy" und "Prince of Persia: Der Sand der Zeit". Zum König der Kinokassen wurde der Konzern erst nach einer Shoppingtour von opulenten Ausmaßen: Pixar gehört mit seinen animierten Kassenwundern schon seit 2006 dazu, die Superhelden von Marvel seit 2009. 2012 wurde Lucasfilm mit seinem "Star Wars"-Universum zur Disney-Tochtergesellschaft, und 2019 schluckte der Konzern schließlich den direkten Konkurrenten 20th Century Fox.

Seitdem hat Disney in Hollywood eine Monopolstellung inne, die nicht einmal vergleichbar ist mit der von MGM während des Goldenen Zeitalters von Hollywood zwischen 1928 und 1948. 2016 stellte der Konzern mit einem jährlichen Einspielergebnis von 7,61 Milliarden Dollar einen Studio-Rekord auf, die kumulierten Ergebnisse der Folgejahre lagen jeweils nur knapp darunter, und in diesem Jahr haben nur fünf Filme über fünf Milliarden Dollar in die Kassen von Disney gespült. Die potentiellen Kassenknüller "Die Eiskönigin 2" und "Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers" noch nicht eingerechnet, die im November und Dezember starten.

Außer Frage steht, dass allein das gewaltige kombinierte Disney- und Fox-Archiv dem Konzern zahlungswillige Abonnenten in die Arme treiben wird, vor allem Familien. Disney+ bietet Zeichentrick-Klassiker wie "Bambi", Pixar-Hits wie "Wall-E" und alle 30 (!) Staffeln der "Simpsons". Insgesamt 500 Filme und 7500 Serienepisoden sollen zur Verfügung stehen.

Überraschend schmal ist allerdings das Start-Angebot an neuen, eigens für Disney+ produzierten Inhalten. Lediglich "The Mandalorian", eine aus der "Star Wars"-Welt entlehnte Serie, dürfte für größere Aufmerksamkeit sorgen. "High School Musical: Die Serie" dürfte noch vor allem junge Zuschauer ansprechen, aber schon die Reality-TV-Show "The World According To Jeff Goldblum", in der sich der Schauspieler über seine Faszination für Turnschuhe und Eiscreme auslässt, klingt nicht nach einem echten Kaufargument.

Erst recht nicht im Vergleich zu Mitbewerbern wie Netflix. Der Konzern produziert seit Jahren eigene Inhalte und bietet von gehypten Serien über Oscar-nominierte Filme von berühmten Regisseuren bis zu Koch- und Talkshows die verschiedensten Formate. Von der Vielfalt, die Zuschauer hier finden, ist Disney+ noch weit entfernt. Selbst Apple TV+ ging mit mehr Original-Serien an den Start.

Natürlich wird sich das in den nächsten Jahren ändern. Disney plant mehrere "Star Wars"-Serien, im Winter 2020 soll mit "The Falcon and The Winter Soldier" die erste von bisher neun bekannten Serien mit Marvel-Figuren starten, und Pixar steuert mit dem "Monster AG"-Spinoff "Monsters At Work" ebenfalls eine Serie bei. Aber bleibt es bei dem Tempo, wird es noch lange dauern, bis sich die Bibliothek mit Originalinhalten füllt.

Fraglich ist auch, ob die in den Kinos erfolgreiche Strategie auch in der Streamingwelt funktioniert. Denn Disneys aktueller Erfolg beruht fast ausschließlich auf der Wiederverfilmung eigener Klassiker ("Das Dschungelbuch", "Der König der Löwen"), der Ausschlachtung bereits eingeführter Marken ("Star Wars", Marvel) und den kreativen Neuerfindungen von Tochterunternehmen (Pixar).

Eine Wiederverwurstungs-Maschinerie, die seit Jahren funktioniert. Das soll auch bei Disney+ so sein: Wo man auch hinsieht, sind Sequels, Prequels, Neuverfilmungen und Serien-Weiterführungen geplant. Das bisher bekannte Programm kommt einer kreativen Komplettverweigerung in Sachen Originalität gleich.

Mit dem heftig kritisierten Abenteuer "Solo: A Star Wars Story" machte Disney die Erfahrung, dass auch die größten Fans nicht alles goutieren. Sie treibt die Sorge um, Disney könnte ihre geliebte Marke auspressen, bis nur noch eine Hülle übrig bleibt. Noch kann das Haus von seiner ruhmreichen Vergangenheit zehren. Die Frage ist, wie lange das noch gutgeht.



insgesamt 21 Beiträge
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Lankoron 12.11.2019
1. Das grösste Problem
des amerikanischen Fernsehens ist die Werbeüberfrachtung, die die Zuschauer langsam satt haben, denn trotz hoher Abokosten läuft da massig Werbung. (Die können Pro7 echt noch was beibringen). Dazu kommt, dass Streamingdienste eben zeitunabhängig, werbefrei, und man kann sich anschauen, was man will. Disney wird sich evtl etablieren, da es ein guter Kinder/Jugendsender ist. Wenn Disney allerdings sein Fernsehen werbefrei stream, dürfte das einen erheblichen Vorteil auf dem Markt bringen. Da dürften sie deutlich vor Apple liegen. Gut dagegen sieht es wohl für Serienproduzenten aus. Mit mehr Nachfrage auf dem Markt dürften sich eine Menge mehr Serien auf einen Drehbeginn oder mehr Staffeln freuen.
naeggha 12.11.2019
2. netflix 4 ever
ich bleibe dabei, solange man damit ortsunabhängig und werbefrei streamen kann.
sschuste 12.11.2019
3.
Zitat von Lankorondes amerikanischen Fernsehens ist die Werbeüberfrachtung, die die Zuschauer langsam satt haben, denn trotz hoher Abokosten läuft da massig Werbung. (Die können Pro7 echt noch was beibringen). Dazu kommt, dass Streamingdienste eben zeitunabhängig, werbefrei, und man kann sich anschauen, was man will. Disney wird sich evtl etablieren, da es ein guter Kinder/Jugendsender ist. Wenn Disney allerdings sein Fernsehen werbefrei stream, dürfte das einen erheblichen Vorteil auf dem Markt bringen. Da dürften sie deutlich vor Apple liegen. Gut dagegen sieht es wohl für Serienproduzenten aus. Mit mehr Nachfrage auf dem Markt dürften sich eine Menge mehr Serien auf einen Drehbeginn oder mehr Staffeln freuen.
Werbefrei. Wie lange noch? Die Werbebranche ist eine Pest, und die werden alles dransetzen, in die Streams reinzukommen. Alles.
sven17 12.11.2019
4.
Man sollte nicht den Fehler machen, Disney+ mit dem aktuellen Angebot von Netflix zu vergleichen. Wie sah denn Netflix am Anfang aus? Disney macht jetzt im Prinzip das gleiche und was man noch angekündigt hat klingt super. Ganz abgesehen von den Klassikern die Disney im Angebot hat. Die werden auch so einige Interessenten anziehen. Und Ausschlachtung klingt jetzt etwas übertrieben Denn das Disney Marvel jetzt nicht wegen der Verkaufszahlen gekauft hat, sollte jedem klar sein. Da geht man dann auch nicht den einfachsten Weg sondern wagt mit u.a. Eternals etwas.
sven17 12.11.2019
5.
Zitat von sschusteWerbefrei. Wie lange noch? Die Werbebranche ist eine Pest, und die werden alles dransetzen, in die Streams reinzukommen. Alles.
Evtl. gibt es dann einen Stream der einen reduzierten Preis hat, aber eben mit Werbung. Wäre für manchen eine Alternative, solange man es nicht übertreibt wie das Privatfernsehen mit langen Werbeblöcken oder einer Einblendung in der entscheidenen Szene.
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