Mohamed Amjahid

Diversität und Unterhaltung Hollywood macht Druck aufs deutsche Fernsehen

Mohamed Amjahid
Ein Gastbeitrag von Mohamed Amjahid
Ein Gastbeitrag von Mohamed Amjahid
Studien zeigen: Die besten Quoten bringen Shows, die divers besetzt sind – Netflix und Co. haben deshalb schon länger umgestellt und zeigen immer mehr queere und nichtweiße Charaktere. Aber was ist mit Deutschland?
Szene aus ARD-Serie »All You Need«: Platte Geschichte über vier schwule Männer

Szene aus ARD-Serie »All You Need«: Platte Geschichte über vier schwule Männer

Foto: Andrea Hansen / /RD Degeto / dpa

Ein Kinofilm, eine Serie oder allgemein eine Erzählung, in der nur alte weiße heterosexuelle Männer vorkommen, wirkt im Jahr 2022 wie aus der Zeit gefallen. Zumindest ist ein Shitstorm in den sozialen Medien vorprogrammiert. Realität ist aber ebenfalls: Viele Zuschauende beschweren sich, wenn klassische Kinohelden wie zum Beispiel James Bond durch weibliche Figuren überstrahlt werden, wenn die Queen in der Netflix-Serie »Bridgerton« von einer Schwarzen Schauspielerin verkörpert wird oder die Ghostbusters plötzlich Frauen sind, unter ihnen sogar eine Lesbe. Eine immer sichtbarere Diversität und Komplexität in Unterhaltungsformaten überfordert viele Menschen oder bringt sie sogar in Rage.

Zum Autor

Mohamed Amjahid, Jahrgang 1988, ist freier Journalist und Buchautor. Sein aktuelles Buch »Der weiße Fleck. Eine Anleitung zu antirassistischem Denken« ist im Piper Verlag erschienen. Zuletzt verbrachte er als Thomas Mann Fellow vier Monate in Los Angeles, um zu Diversität in der Unterhaltungsindustrie zu recherchieren.

Wohin führt also die neue Orientierung der Unterhaltungsindustrien gen mehr Repräsentation? Und kann Diversität auf dem Bildschirm manchmal auch daneben gehen? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich ein Besuch in Los Angeles, dem Sitz der weltweit erfolgreichsten Unterhaltungsmaschinerie. Bei einer Aufzeichnung der »Late Late Show with James Corden« wird hinter den Kulissen in Los Angeles deutlich, wo die Gegenwart und die Zukunft der Comedy liegen.

Schauspielerin Golda Rosheuvel als Queen Charlotte: Witze, über die die ganze Welt lacht

Schauspielerin Golda Rosheuvel als Queen Charlotte: Witze, über die die ganze Welt lacht

Foto: Liam Daniel / Netflix / dpa

Zwar macht der in den USA berühmte, britische Komiker Corden bei der Aufnahme andauernd unlustige Witze über einen Geländewagen – und es liegt nahe, dass der Autobauer für die zahlreichen Erwähnungen bezahlt hat –, bei einem beliebten Segment der Show kommen aber alle Autor:innen aus dem Writers Room zum Plausch mit dem Moderator auf die Bühne und zeigen, wer hier mittlerweile die Witze schreibt, über die die ganze Welt lacht. Die Diversität der US-Gesellschaft wird hier abgebildet: Weiße Männer sind dabei, aber auch Schwarze, lateinamerikanisch- und asiatischstämmige, queere junge Autor:innen, unter ihnen viele Frauen und nicht binäre Menschen.

Corden ist nur ein Beispiel. Eine aktuelle Studie der University of California,  Los Angeles zeigt, dass sich die Besetzung der Teams vor und hinter den Kameras in Hollywood in den vergangenen Jahren hin zu mehr Repräsentation entwickelt hat. Jene Produktionen mit mindestens 21 Prozent oder mehr nichtweißer Besetzung erzielen dabei die höchsten Quoten in allen Bevölkerungsgruppen der USA.

Auch Weiße, Heterosexuelle und Männer schauen lieber diese Shows. Im Umkehrschluss: Je homogener und weißer das Team, desto schlechter die Quote, weil der Humor und Geschmack des breiten Publikums verfehlt wird. Unter anderem wegen der besseren Vermarktungszahlen setzen die noch meist weißen und männlichen Manager der US-Unterhaltungsindustrie nun also vermehrt auf Vielfalt.

Doch die neue, inhaltlich wie auch wirtschaftlich lohnende Ausrichtung auf Repräsentation entfaltet bei einigen Produktionen einen negativen Effekt auf die Qualität: Wie Emanzipation nach hinten losgehen kann, zeigt zum Beispiel die jüngste Fortsetzung von »Sex and the City«  unter der neuen Marke »And Just Like That«. Weiterhin sind die Hauptfiguren der Serie – die New Yorker Kolumnistin Carrie Bradshaw und ihre Freundinnen Charlotte York und Miranda Hobbes – auf der Suche nach Liebe und sexueller Erfüllung.

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Amjahid, Mohamed

Der weiße Fleck: Eine Anleitung zu antirassistischem Denken | Hochaktuelles Sachbuch zum Thema Rassismus und Privilegien

Verlag: Piper Paperback
Seitenzahl: 224
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Doch die alte Geschichte von weißen, reichen, heterosexuellen Frauen, die ihre persönlichen Krisen überwinden müssen, passt nicht mehr in die Zwanzigerjahre des neuen Jahrtausends. Also entschied sich die Produktion der Serie, jeden aktuellen emanzipatorischen Kampf abzubilden und bei jedem auf jeden Fall auf der richtigen Seite zu stehen.

Im Zehn-Minuten-Takt geht es bei »And Just Like That« ungefähr so zu: Antischwarzer Rassismus (Check!), Transfeindlichkeit (Check!), Altersdiskriminierung (Check!), nichtbinäre Geschlechteridentitäten (Check!), toxische Männlichkeit (Check!), Perioden-Shaming (Check!), Migration (Check!), inklusive Pandemiepolitik (Check!).

Unter dieser hohen Taktung aktueller Kampffelder litt die Erzählung selbst. Jede der weißen Charaktere bekam außerdem ein oder zwei nichtweiße und/oder queere Sidekicks hinzugestellt. Diese neuen Figuren konnten sich wiederum nicht entfalten. Die TV-Kritik und die Reaktionen der Fans (auch jene, die Minderheiten angehören) waren gnadenlos: Die Serie leide unter einer »erzwungenen Diversität« und einem »unangenehmen Anbiedern an politische Relevanz«, urteilten viele. Repräsentation als Selbstzweck funktioniert als Unterhaltung selten. Zumindest kommt sie bei einem diversen Publikum nicht so gut an.

Über die Comedy von Drag Queens jede Woche lachen und dann aus Tradition das eigene queere Kind verstoßen – das müsste man erst mal hinbekommen.

Es gibt aber auch jene Produktionen, deren bloße Existenz schon einen Unterschied machen und deren Erfolg ein politisches Statement darstellen. »RuPaul’s Drag Race« etwa ist in den USA ein Phänomen. Wenn Freitagabend auf dem Sender VH1 die neueste Folge ausgestrahlt wird, gibt es in den Twitter-Trends selten ein anderes Thema, das sich dagegen durchsetzen kann. Drag Race, bei dem sich Dragqueens über mehrere Wochen einen Kampf um den Titel »America's Next Drag Superstar« liefern, gewann in den vergangenen Jahren Dutzende Emmy-Awards.

In den Bars von West Hollywood, in denen die Show gesehen wird und die Stars live auftreten, zeigt sich, wie diese emanzipatorische Unterhaltung in gesellschaftliche Realität übersetzt wird: Im Publikum sitzen vor allem viele weiße, heterosexuelle Frauen und jubeln den Dragqueens zu. Diese Frauen werden mit einer höheren Wahrscheinlichkeit dafür sorgen, dass ihre queeren Kinder ein einfacheres Leben haben werden. Über die Comedy von Dragqueens jede Woche lachen und dann aus Tradition das eigene queere Kind verstoßen – das müsste man erst mal hinbekommen.

Auch die Sendung »Legendary« trägt zu einer erhöhten Sichtbarkeit von queeren Menschen im Mainstream bei. Dort treten queere Tanzgruppen gegeneinander an. Die Gruppen performen vor einer Jury und kämpfen in der Realityshow Woche für Woche um eine goldene Statue und Anerkennung. Im Studio sind im Publikum queere Menschen deutlich in der Mehrheit, sie fiebern und tanzen mit, feiern sich selbst – auch, weil die Sendung ein weiterer Beweis ist, dass eine Kunstform, die von einer unterdrückten Minderheit über Jahrzehnte aufgebaut wurde, vom Mainstream dankend angenommen wird. So erzählen es die Fans in Gesprächen am Rande der Aufzeichnung in Hollywood. Zwischen den spektakulären Choreografien mit den ausgefallenen Kostümen streuen die Macher:innen der Sendung politische Botschaften, ohne dass das pädagogisch rüberkommt.

Deutsche Produktionen sind sehr heteronormativ, sehr männlich und sehr innovationsträge

Gleichzeitig ist das bei – sagen wir mal traditionsbehafteten – Zuschauenden in den USA ein Daueraufreger. Seit einigen Jahren wird zudem regelmäßig vor zu viel politischer Korrektheit gewarnt, man dürfe keine Witze mehr machen, weil sich Minderheiten, die nun mehr zu sagen hätten, schnell verletzt fühlen würden. Stars wie Scarlett Johansson oder Quentin Tarantino äußerten schon diese Kritik. Und der Komiker Dave Chappelle bekam vor wenigen Monaten viel Gegenwind,  weil er in einem Netflix-Special queerfeindliche Klischees bedient hatte.

Wie immer lohnt ein genauer Blick auf den Einzelfall: Chappelles Witze über Schwule, Lesben und trans Menschen seien, so sagen viele queere Kritiker:innen, einfach nicht lustig gewesen – sondern nur verletzend. Außerdem spiele er in seinem Set Schwarze Menschen gegen LGBTQ aus. Die US-Komiker:in Tuesday Thomas, die sich selbst als trans identifiziert, brachte es in einem Interview mit der »Los Angeles Times«  auf den Punkt: »Ich glaube, dass die Witze von Dave Chappelle niedrig hängendes Obst sind. Er ist lustig, aber seine Witze über LGBTQ sind es nicht, sie sind unter seiner Würde.«

Vielleicht zeigen die Diskussionen um Chappelle auch: Durch die Diversifizierung Hollywoods wird ebenfalls die Feedback-Schleife dynamischer und vielfältiger, das liegt in der Natur der Sache. Und auch durch diese Entwicklung werden Programme politisch reichhaltiger, inhaltlich herausfordernder und erreichen zugleich ein breiteres Publikum.

Nun aber nach Deutschland: Wenig überraschend sind Unterhaltungsformate hierzulande weit weg von einer angemessenen Repräsentation gesellschaftlicher Verhältnisse. So zeigen beispielsweise mehrere Studien,  dass Frauen in Film- und Fernsehproduktionen deutlich seltener vorkommen als Männer, meist in klischeehaften Rollen auftreten und nach dem 30. Lebensjahr (weil den Schönheitsstandards nicht mehr entsprechend) verschwinden. Mit der Repräsentation von queeren und nichtweißen Menschen in der deutschen Unterhaltungsindustrie verhält es sich ähnlich. Studien zeigen , dass die deutsche Unterhaltungsbranche sehr weiß, sehr heteronormativ, sehr männlich und sehr innovationsträge ist.

Auf dem deutschen Unterhaltungsmarkt dominieren progressive Hollywoodproduktionen über Streaming-Giganten wie Netflix oder Amazon Prime Video. Das lässt den Anschein zu, dass es keine inklusiven deutschen Filme und Serien mehr braucht. Nur können Produktionen aus den USA keine deutschen Debatten oder Minderheiten abbilden. Nur langsam und ausgerechnet auf Druck aus Hollywood ändert sich in dieser Hinsicht etwas hierzulande.

Immer mehr deutsche Produktionsfirmen erhalten Aufträge von US-Streamingdiensten, um spezielle Inhalte für den deutschen Markt zu produzieren. Die entsprechenden Verträge sollen den deutschen Produktionen Diversity-Quoten vorschreiben, heißt es in der Branche.

Weil die deutschen Medienunternehmen nicht auf die millionenschweren Deals aus den USA verzichten wollen und zugleich nicht in vielfältigen Nachwuchs investiert haben, landen, das kann ich aus eigener Erfahrung berichten, panische Anfragen in den Postfächern nichtweißer Autor:innen und Filmemacher:innen. Dieser von außen erzwungene Ansatz bringt eine inhaltliche Diversifizierung der deutschen Unterhaltungsbranche aber nicht voran. Genuin deutsche Unterhaltungsformate und Serien – wie etwa die platte ARD-Serie »All You Need« über das Leben vier schwuler Männer in Berlin oder auch der Klischeeklassiker »Türkisch für Anfänger« über Multikultideutschland wirken wie Sendungen, die Repräsentation nur als Selbstzweck begreifen.

Deutsche Umstyle-Crew von »Queer Eye«: »Ich kann das Vorbild sein, das ich nie hatte«

Deutsche Umstyle-Crew von »Queer Eye«: »Ich kann das Vorbild sein, das ich nie hatte«

Foto: Thomas Schenk / Netflix / dpa

Ein aktuelles Beispiel, dass es auch besser geht, ist die deutsche Adaption der amerikanischen Netflix-Show »Queer Eye«.  Auch hier gibt es also einen US-Vorläufer, aber das Format ist mit Berliner Queens und Schwulen mit türkischer Familie als Moderator:innen keins, das so auch in den USA gemacht werden würde. In der Sendung wird pro Folge das Leben einer einzelnen Person auf den Kopf gestellt: mit einem neuen Styling, einer ausgewogenen Ernährung, einer neu eingerichteten Wohnung und Coaching. Verantwortlich dafür sind queere Influencer, die sich diese wichtigen Bereiche aus dem Leben eines Protagonisten vorknöpfen. »Ich kann das Vorbild sein, das ich nie hatte«, sagt Moderator Ayan Yuruk an einer Stelle. Da geht wohl dem gesamten Publikum das Herz auf.