HBO-Serie "Divorce" Sex und Scheidung

In ihrer neuen Serie spielt "Sex and the City"-Star Sarah Jessica Parker eine Frau, deren Ehe sich auflöst. Leider mit einer Carrie-Bradshaw-haften Aufgesetztheit, die hier fehl am Platze wirkt.

Sky/ HBO

Scheiden tut weh. Und ergibt wunderbaren Filmstoff: In Klassikern der eskalierenden Streitkultur wie "Kramer gegen Kramer", "Der Rosenkrieg" oder "Der Club der Teufelinnen" hat die US-Filmindustrie bereits schlaue Gedanken zum Thema ernst und grotesk umgesetzt.

Auch einige Serien bedienten sich zumindest in Nebenhandlungen schon der schwierigen emotionalen Situationen, die entstehen, wenn eine Familie mit Kindern - denn die machen das Problem relevanter - ihre Beziehungen auflösen und neue Regelungen zum Nicht-mehr-Zusammenleben treffen muss. "The Big C" mit Laura Linney als an Krebs erkrankter Hausfrau und Mutter, die ihren Ehemann vor die Tür setzt, oder die Scheidung von Don und Betty Draper in "Mad Men" statuierten dazu realistische, komische und bittere Exempel.

Was kann Sarah Jessica Parker diesem Thema also noch hinzufügen, die nach einer recht formidablen Kinokarriere in den Achtziger- und Neunzigerjahren ab 1998 als Hauptfigur von "Sex and the City" ihre markante Rolle als modebewusste New Yorker Singlefrau auf der Suche nach Mr. Right (in ihrem Fall Mr. Big) einnahm?

Wer schläft wo, wer zieht aus, wie sagt man es den Kindern?

"Divorce", Parkers erste große Fernsehrolle seit zwölf Jahren, versucht es mit den üblichen lahmen Zutaten. In der von der britischen Schauspielerin, Produzentin und Autorin Sharon Horgan erdachten Serie beschließt die 50-jährige Hausfrau mit Galeristinnen-Aspiration Frances (Parker), dass ihre Ehe mit dem Bauleiter Robert (Thomas Haden Church) nicht mehr das Gelbe vom Ei ist. Gleich in der Pilotfolge drängt sich auch ein möglicher Grund - oder ein Symptom - auf: Frances vergnügt sich seit einigen Monaten mit einem müsliliebenden Literaturprofessor im Bett und kann mit ihm genießen, was sie von ihrem Ehemann nicht mehr will.

Als jedoch der zunächst traurig-verständige Robert hinter ihr Verhältnis kommt, wird der altbekannte Rosenkrieg ausgerufen. Samt allen Problemen, die eine solche Konstellation mit sich bringt: Wer schläft wo, wer zieht aus, wie sagt man es den Kindern, und darf man mit der Nachricht das gemütliche Weihnachtsfest bei den Eltern sprengen?

Parker, die die Serie mitproduziert, ist dabei leider auch ihr größter Schwachpunkt: Anstatt ehrlich die Verzweiflung und den Galgenhumor der Lage zu erforschen, anstatt sich und ihre Figur tatsächlich mal in die Scheiße zu reiten, verharrt sie in einer klischierten Carrie-Bradshaw-Aufgesetztheit, die sich vor allem durch peinliches und übertriebenes Überspielen sämtlicher schwieriger Situationen äußert.

Etwa, wenn nach einem gemeinsamen Restaurantdinner den Kindern der Zwist ihrer Eltern vorenthalten werden soll. Die Erwachsenen streiten sich vorsichtshalber vor dem Auto, aus dem heraus ihre Kinder sie beobachten. Danach gestikuliert Frances falsch grinsend vor ihrem längst den Braten riechenden Nachwuchs herum und versucht es mit fadenscheinigen Erklärungen.

Komplizierte Themen, mit der Fliegenklatsche angegangen

So ein "Gag" geht nicht auf, denn er stimmt nicht und passt weder zur Frances' Figur noch zu denen ihrer Kinder. Oder wenn Frances' beste Freundin sturzbesoffen ihren Mann anschießt, von der Polizei in Handschellen von der Party abgeführt wird und selbst bei diesem Spektakel im Vorbeigehen noch Neid auf eine jüngere, schlankere Blondine äußert - das ist ein Witz, dessen Wurzel trotz grotesker Übertreibung frauenverachtend, aber nicht lustig ist.

Schaut uns an, sagen die Macherinnen damit, auch in der größten Bredouille, im schlimmsten Kuddelmuddel haben wir Frauen vor allem EIN Problem: jüngere Konkurrentinnen. Horgan und Parker etablieren so das Gegenteil vom Kanonen-auf-Spatzen-Schießen: Sie gehen komplizierte Themen ängstlich mit der Fliegenklatsche an.

Dabei könnte man mit der Ursprungsidee der treulosen Ehefrau, die keinesfalls die Sympathieträgerin dieser Serie ist, einiges anfangen: Man könnte sie zerreißen, dem Zuschauer erst mal wegnehmen, um sie dann - in der horizontalen Erzählweise hat man viel Zeit - langsam zu sich und einer Wahrheit finden zu lassen.

Aber diese Form der Tiefe versucht "Divorce" nicht einmal. Dazu kommt Parkers übliche Prüderie. In sämtlichen Sexszenen (und es wird eine Menge an Bettgeschichten abgearbeitet) ist sie angezogen zu sehen, ein Parker-Image ohne volles Make-up unvorstellbar. Die Verzweiflung, die Derangiertheit die mancher Situation innewohnt, bleibt damit nur behauptet - stattdessen überstrahlt die perfekt zurechtgemachte Darstellerin stets ihre Figur.

In Zeiten, in denen Frauen wie die Autorin und Schauspielerin Tig Notaro in "One Mississippi" sogar ihre Mastektomie-Narben zeigen, weil es der Handlungsstrang erfordert, wirkt Parkers Körperattitüde überholt - zumindest für das Genre der Single-Camera-Dramedy à la "Curb Your Enthusiasm", die ja immer besonders auf Authentizität setzt.

Dass zumindest der Rest der Besetzung sich hingebungsvoll in seine einfach angelegten Rollen verbeißt, die beiden versierten Schauspielerinnen Molly Shannon und Talia Balsam genau wie Church als gehörnter Ehemann inklusive jeder Menge Klischees, macht es nur noch trauriger. Was "Sex and the City" zu seiner Zeit an Tabus aufrüttelte und leichtfüßig vor sich herkickte, schafft "Divorce" zwölf Jahre später nicht mal im Ansatz.


"Divorce" ist in Deutschland vom 9. Oktober an jeweils in der Nacht von Sonntag auf Montag in der Originalfassung auf Abruf über Sky Go, Sky On Demand und Sky Ticket zu sehen.



insgesamt 5 Beiträge
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der_seher59 10.10.2016
1. was mir oft auffällt:
wenn Sie 50 ist - der Mann vermutlich älter - wie alt sind denn dann - realistisch - die "lieben Kleinen" , denen man eine Scheidung schonend beibringen muss ?
o.b.server 10.10.2016
2. Ich bin froh...
dass SJP in allen Sexszenen angezogen zu sehen ist, denn kein Mann (zumindest alle meine männlichen Freunde und ich) möchte diese Frau wirklich nackt oder "amerikanisch" nackt sehen (mit vor der Brust verklemmter Bettdecke). Für mich ist sie die "Unsexiest Woman Alive" und dazu noch ein der schlechtesten Schauspielerinnen überhaupt.
larry_lustig 10.10.2016
3. Besetzung ?
Ahh JSP ist selber Produzentin.... Wie kam Sie nochmal an die Rolle von Sex and the City? Produzent Matthew Broderick .... verheiratet mit JSP (Das was sie vorher gedreht hat war -naja- nennen wir es mal mäßig erfolgreich, ähnlich wie ihr Talent)
schwarzrotgold 10.10.2016
4. Sharon Horgan
Die Serie ist von Sharon Horgan, insofern erwarte ich in erste Linie gute Unterhaltung und nicht unbedingt Sozialkritik. Die Pilotfolge hat mir jedenfalls schon mal gut gefallen, nicht gerade "Pulling" oder "Catastrophe", aber immerhin leicht absurd und ätzend. Mal sehen was noch draus wird...
bhang 10.10.2016
5.
"(Das was sie vorher gedreht hat war -naja- nennen wir es mal mäßig erfolgreich, ähnlich wie ihr Talent)" Also zumindest in "L.A. Story" war sie gut.
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