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"Dogs of Berlin": Reaktionäre Action-Posse

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Serien-Desaster "Dogs of Berlin" Noch nicht mitbekommen? Die Achtziger sind vorbei!

Die Netflix-Serie "Dogs of Berlin" ist ein Krimi-Mischmasch ohne Herz und Hirn, in dem Frauen mit Nachnamen Ludar heißen, echte Kerle Spielschulden haben und Deutschtürken Drogendealer sind. Peinlich.

Nach welchen Regeln "Dogs of Berlin", die nach "Dark" zweite deutsche Netflix-Serie funktioniert, zeigt die erste Episode überdeutlich. Da wird eine Ladenbesitzerin von einer drogenabhängigen Jugendlichen zusammengeschlagen.

Will man das Sprachniveau dieses Textes dem der Serie anpassen, muss man schreiben: Die eine Frau schlägt der anderen so oft in die Fresse, bis das Blut spritzt. Aber das reicht nicht. Sie hockt sich auch noch über ihr Opfer und uriniert ihm nicht, nein, sie pisst ihm ins Gesicht.

Hauptsache, heftig. Die deutsche Polizei-Serie "Dogs of Berlin" ist in Bild und Ton so rüde und räudig, wie man es hierzulande noch nicht gesehen hat. Das ist an sich nichts Schlechtes, im Gegenteil: Disruptive Eingriffe in die Selbstvergewisserung der Nation qua sauber gelöster TV-Kriminalfälle sind eine hehre Aufgabe ernst gemeinter Fernsehkunst.

Das Problem hier ist nicht das spritzende Blut, der harte Sex, die Sauferei, die Kokserei oder die verrohte Sprache. Das Problem ist, dass all das leere Pose bleibt. Seht her, bei Netflix machen wir den krassesten Scheiß. Diesmal ohne öffentlich-rechtliche Bedenkenträger. So, als hätte Christian Alvart, Head-Autor und Regisseur, noch eine Rechnung offen.

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"Dogs of Berlin": Reaktionäre Action-Posse

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Wenn die mal nicht mit seinem Hamburger Tschiller-"Tatort" zu tun hat. Alvart inszenierte die vier bisherigen Folgen mit Til Schweiger als Rambo-Kommissar, und sein Versuch, den "Tatort" zur Thriller-Action umzuschmieden, misslang gründlich. Dem Publikum ging das Geballer schlicht auf die Nerven, die letzten beiden Folgen fuhren miese Quoten und hämische Kritiken ein. Ein nachgereichter Kinofilm ging an der Kasse kläglich unter.

Ein Moloch, in dem nichts heilig ist

Aber Alvart lässt nicht locker und rückt mit dem nächsten Thriller an - dem dritten in diesem Jahr nach den Kinofilmen "Steig. Nicht. Aus!" und "Abgeschnitten". Ein Fleißkärtchen hat er sich also auf jeden Fall verdient. Für "Dogs of Berlin" wählt er einen noch größeren Maßstab: Die Geschichte entfaltet sich über zehn einstündige Folgen in einem Berlin, das mehr noch als das "Tatort"-Hamburg als Moloch erscheint, in dem nichts mehr heilig ist.

Nicht mal der Gral des deutschen Fußballs. "Dogs of Berlin" dreht sich um den Mord am Star der Nationalmannschaft, Orkan Erdem. Bei ihren Ermittlungen stapfen die Kommissare Kurt Grimmer (Felix Kramer) und Erol Birkan (Fahri Yardim) in einen Sumpf aus Spielwetten, Drogen und Prostitution, der nicht nur die weißen Spielertrikots beschmiert. Hier ist niemand unschuldig, am wenigsten Grimmer selbst.

Der lebt mit Frau Paula (Katharina Schüttler) und zwei Kindern im feinen Eigenheim mit Sofalandschaft und hält sich nebenbei die alkoholkranke Sozialhilfeempfängerin Sabine (Anna Maria Mühe) als Geliebte. Ihr schenkten die Macher, das nur nebenbei, den Nachnamen Ludar, haha, und mit Sex erkauft sie sich dann auch die Aufmerksamkeit der Herrn Kommissar. Paula ist übrigens die Dame, die gleich am Anfang erniedrigt wird. Viel komplexer wird das Frauenbild nicht.

Grimmer betrügt als ganzer Kerl natürlich nicht nur seine Frau, er hat auch Spielschulden beim Großgangster Tomo (Misel Maticevic), steht also bestenfalls nur mit einem Bein auf der Seite des Gesetzes. Die Figur seines späteren Partners Erol ist zumindest ein bisschen differenzierter: Er ist der Vorzeige-Türke der Dienststelle und dazu noch schwul. Hui! Allerdings hat auch er kein Problem damit, einen 15-Jährigen zu Spitzeldiensten zu zwingen. Denn Erol ist Polizist geworden, um ein Kindheitstrauma zu bewältigen: Er will den türkischstämmigen Bandenboss Raif Tarik Amir und dessen Bruder Kareem hinter Gitter bringen, die ihn schon als Kind verprügelten und jetzt den Drogenhandel im fiktiven Berliner Stadtteil Kaiserwarte kontrollieren.

Und Haftbefehl rappt dazu

Im Verlauf der Geschichte passiert allerhand: Nationalspieler werden erpresst, die beiden Banden schwanken zwischen Krieg und Allianz, eine Horde Neonazis tritt auf, der reale Rapper Haftbefehl dito. Und doch bekommt man als Zuschauer zunehmend das Gefühl, dass hier alles auf der Stelle tritt und man kostbare Lebenszeit in der Gesellschaft ausgemachter Arschlöcher verschwendet.

Manchmal erwischt Alvart den Zipfel einer Geschichte, die tatsächlich berühren könnte, erzählt zaghaft von einer disparaten Gesellschaft, in der die einzelnen Teile sich nicht mehr zu einem Ganzen zusammenfügen wollen. Aber dann kommt die nächste grelle Idee um die Ecke und der Faden geht verloren.

Serien wie "4 Blocks", "Beat" und "Babylon Berlin" haben jüngst düstere Hauptstadt-Bilder gezeichnet und ihre Unterwelt metaphorisch aufgeladen und ausgelotet. "Dogs of Berlin" kann da nicht mithalten. Die fatale Vermischung von sozialem Realismus, großspurig inszenierter Action und purem Trash mündet in einem großen Durcheinander, in dem sich Spuren von Schimanski und "Goodfellas" finden. Offensichtlich versucht Alvart, über diese Vorbilder eine männliche Heldengeschichte zu erzählen. Marke: augenzwinkerndes Raubein.

Aber die Achtzigerjahre sind vorbei, "Raubein" sagt niemand mehr - und "Dogs of Berlin" geht als unterkomplexe, reaktionäre Action-Posse unter.

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