Fotostrecke

Doku-Drama "Friedrich": Eine düstere Lichtgestalt

Foto: DOKfilm

Doku-Drama über Friedrich II. Die Frau, die über Preußen herrschte

Der Alte Fritz als Frau? Mit der Besetzung von Anna und Katharina Thalbach in dem Doku-Drama "Friedrich" gelingt dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein gewagtes Experiment: Mutter und Tochter spielen den Preußenkönig mit großem Gespür für die Traumata des großen Monarchen.
Von Nikolaus von Festenberg

Wer rumpelt so mürrisch in der Kutsche durch die Mark Brandenburg auf Berlin zu? Wer übt so spöttisch angeekelt das Exerzieren, dass es den königlichen Vater vor Wut schäumen lässt? Es sind zwei ziemlich verbürgte Szenen aus dem Leben des Preußenkönigs Friedrich II. (1712-1786), mit denen das Doku-Drama "Friedrich" die Fernseh-Gedenkfeiern zum 300. Geburtstag des Alten Fritz eröffnet.

Die Kutschenszene spielt nach der Schlacht von Kunersdorf 1759. Der vertragsbrüchige Hasardeur und Schlesien-Eroberer Fritz hat gegen die alliierten Truppen aus Österreich, Frankreich und Russland fast seine ganze Armee verloren. Nur wunderbare Umstände - Kriegsmüdigkeit, später der Tod der Zarin Elisabeth - retten ihn vor dem endgültigen Aus. Sieben Jahre hat er Krieg geführt um den Erhalt der geraubten Ländereien, hat Preußen fast ruiniert. Nun haben Fritz nicht sein eigener Verstand und sein beträchtlicher Mut geholfen, sondern die unberechenbaren Kräfte des historischen Glücks.

Er ist unglücklich - auch aus philosophischen Gründen. Einen möglichen Jubelempfang im verschont gebliebenen Berlin vertrödelt er bewusst. Schuld drückt ihn nieder, das Laster der Ruhmsucht macht ihn trotz Sieg untröstlich.

Im Doku-Drama muss man einen solchen Schlüsselmoment nicht mit gelehrten Worten erklären, man muss ihn auch zeigen. In Gesten und Mienen müssen die Schauspieler, so weit es geht, alle nichterzählten Vorgeschichten andeuten und dabei nicht vergessen, dass sie aus dem Heute stammen und für Heutige erzählen. Nicht leicht.

Der Hunde mehr liebt als Menschen

Im Falle Fritz kommt noch eine weitere Schwierigkeit hinzu. Der Rokoko-Herrscher spielte sein Leben lang einen König, ohne sich mit dieser Rolle restlos zu identifizieren. Der Spiegel war das Lieblingsutensil seiner Epoche, die eine vage Ahnung von ihrer Zerbrechlichkeit hatte. Was Friedrich in seinem Abbild entgegenspiegelt, war nicht sein wahres Ich, sondern etwas anderes.

Bloß was? Was ist überhaupt in jener Zeit, die noch weit von der Gefühle entdeckenden Romantik und Innerlichkeit entfernt war, ein wahres Ich? Das galante Spiel auf der Flöte? Die elegante Spottsucht? Das Parlieren mit Voltaire und Co.? Die homoerotische Bevorzugung der Männer vor den Frauen? Der riskante Auftritt mitten im Getümmel der aus Ruhmsucht angezettelten Schlachten?

Oder gar das spätere Sich-Hineinfinden in die Rolle eines knöchernen, einsamen Landesvaters, der sich um Verwaltungskleinkram kümmert, die Hunde mehr liebt als die Menschen und seinen Schlosstraum vom sorgenfreien Leben, Sanssouci genannt, nicht mehr leben will?

Die Macher von "Friedrich - Ein deutscher König" (Buch: Yury Winterberg, Jan Peter; Regie: Jan Peter) haben das Rätsel nicht gelöst, aber aus der Deutungsnot eine Tugend gemacht. Sie haben der Komplexität des Stoffes eine weitere Facette zugefügt. Zwei Frauen namens Thalbach teilen sich die Rolle des Mannes, Tochter Anna gibt den jungen Friedrich, Mutter Katharina den späteren König. Zwei Frauen spielen einen Mann, der einen König spielte - alles Theater. Gelungenes Theater.

Es gibt kein weibliches Pardon

Katharina Thalbach, gedrückt in der Kutsche sitzend, stellt eine Mischung aus geprügeltem Hund, alt gewordenem Kindskopf und gefährlichem Machtmenschen dar. Nach wenigen Minuten hat der Zuschauer vergessen, dass da eine Frau einen Mann spielt. Riesenaugen sehen uns undurchdringlich an, herrische Stirnfalten befehlen in ungebrochenem Narzissmus jede Aufmerksamkeit vom Zuschauer ein. Absolutismus hat ein Gesicht, dem man sich nicht entziehen kann.

Auch von Tochter Anna Thalbach, die durch die Erziehungspassion des jungen Friedrich führt, durch all die Qualen, die ihm sein Vater, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (Oliver Nägele) bereitet, gibt es ebenfalls kein weibliches Pardon. Wie sie spöttisch den Mund verzieht, wenn sie im blauen Rock exerzieren muss, wie ihr Blick in Verachtung versinkt, sobald der Herr Vater seine primitiven Zoten feiert und seinen Jähzorn auslebt, wie Anna die Katte-Szene spielt - die Hinrichtung des geliebten Freundes und angeblichen Fluchthelfers Hans Hermann von Katte (Kai-Michael Müller) vor ihren mit Gewalt aufgerissenen Augen.

Das Erziehungstrauma hat in der Interpretation der Thalbachs die Seele des Königs zerstört. Melancholie umflort deshalb in diesem Film jede Szene. Keine Flöte, kein kurzes Freiheitserlebnis im Schloss Rheinsberg, kein Machtrausch bei der Übernahme der Thronfolge 1740, kein aufklärerischer Furor, keine berauschende Eroberungssucht kann die innere Untröstlichkeit der Hauptfigur auch nur für Minuten vertreiben.

Er bleibt ein Kind des Ancien Régime

Katharina Thalbach, sagt Regisseur Peter im Programmheft, habe sich dem wahren Friedrich vielleicht schneller annähern können als mancher männlicher Kollege, weil sie sich nicht erst durch die männliche Eitelkeit hätte hindurchgraben müssen. Man kann aber auch sagen, sie hat sich dem Erziehungstrauma des Kronprinzen unmittelbarer genähert, als es der historische Friedrich tun konnte. Die Erkenntnis zumindest aus diesem Film lautet: Männer spielende Frauen sind als Seelenerforscher schonungslos konsequent und lassen sich nicht durch Äußerlichkeiten blenden.

Natürlich haben andere TV-Dokumentationen Felder im Blick, auf die der Thalbach-Film nur am Rande eingeht. Friedrichs Militärrolle zum Beispiel, die nicht nur aus widerwilligem Exerzieren bestand, sondern aus der Kenntnis strategischer Theorie und praktischer Erfahrung im Kasernenleben. Mildernd auf das Urteil über die schlesischen Raubzüge wirkt die Ausrichtung des preußischen Königtums, trotz geringer Bevölkerungszahl und schmächtiger Wirtschaftskraft zur protestantischen Großmacht gegen die Habsburger-Dominanz aufzusteigen. Das imperiale Bestreben ist nicht nur die Folge einer Misshandlung, sondern war schon seit dem Großen Kurfürsten oberstes Staatsziel.

Und nicht zu vergessen ist - bei aller grandiosen weiblichen Einfühlungskunst der Hauptdarstellerinnen -, dass Friedrich II. ein Kind des Ancien Régime blieb, überzeugt von der Staatsidee eines aufgeklärten Absolutismus ("Ich bin der erste Diener des Staates"), eine Auffassung, die ihn letztlich daran hinderte, sich dem Terror des Vaters durch Thronverzicht oder Selbstmord zu entziehen.

An seelischer Aufklärung aber leistet dieser Film dank seiner Protagonistinnen Außerordentliches. Es sind diese Thalbach-Blicke, aus denen uns Heutige das Leid hinter Macht und Herrlichkeit der Vergangenheit anschaut.


"Friedrich - Ein deutscher König", 7. Januar, 20.15 Uhr, Arte und 16. Januar, 22.45 Uhr, ARD

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Artikels hieß es, der Tod der Zarin Katharina habe zur Rettung Friedrichs beigetragen. Diese starb jedoch erst 1796, zehn Jahre nach Friedrich II.. Gemeint war der Tod der Zarin Elisabeth Anfang 1762. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.