Doku über Schauspielerinnen in L.A. Die Unbekannten von Hollywood

Nach den Oscars ist vor den Oscars: Wenn der Hollywood-Adel die Bühne geräumt hat, wachsen die Träume des Fußvolks wieder in den Himmel. Eine Doku zeigt Schauspielerinnen in L.A., die auf Ruhm warten.

ZDF/ Peter Göltenboth & Florian Giefer

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Amanda Markowitz weint. Beinahe. Die Tränen rollen noch nicht, aber die Stimme klingt schon tränenerstickt. Ihr langjähriger Freund hat gerade mit ihr Schluss gemacht und ist jetzt mit der Tochter eines reichen Immobilientycoons zusammen, während sie selbst schwer krank ist, Angst vor der Zukunft hat und nicht schlafen kann.

Man möchte zerfließen vor Mitgefühl bei Amandas Geschichte, so sehr bemüht sich die schöne junge Frau darum, die Fassade aufrecht und das ganze Leid dahinter auf Armeslänge zu halten. Allerdings ist die bewegende Beichte im Auto nur gespielt. Amanda ist auf dem Weg zu einem Vorsprechen in Los Angeles und probt. Eine weitere von so vielen jungen Schauspielerinnen, die in Los Angeles auf den großen Durchbruch hofft, der einfach nicht kommen will.

Emma Stone. Jennifer Lawrence. Scarlett Johansson. Gina Slattery. Charlie Taylor. Amanda Markowitz. Die ersten drei Namen kennt jeder, die anderen nur Freunde und Familie. Die deutschen Filmemacher Peter Göltenboth und Florian Giefer sind ihnen in der Stadt der Engel begegnet und porträtieren sie, die tagtäglich an die Türen der Traumfabrik klopfen und nebenbei als Kellnerin und in Bars arbeiten, um über die Runden zu kommen.

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"Song Of An Unknown Actress": Warten auf den Ruhm

Oder Joints drehen wie Nicole Coulon. In Kalifornien ist Marihuana legal, der Nebenjob bringt gutes Geld ein. Dabei hatte Nicole schon gedacht, es geschafft zu haben, als sie einen Kurzauftritt neben Emma Stone in "La La Land" bekam. Einen Tag mit dem Superstar drehen, Camera, Lights, Action, und alles hat toll geklappt. Neue Engagements ergaben sich danach trotzdem nicht. Also doch wieder Handarbeit.

Und wieder die Seele aus dem Leib spielen bei neuen Auditions, wie das Vorsprechen in der Industrie heißt. Das, sagen alle übereinstimmend, sei das Schwierigste an ihrer Situation: sich immer neu verletzbar machen zu müssen, immer wieder alles zu geben in dem Wissen, dass ihre Leistung niemand sehen wird, vielleicht nicht einmal der für die Besetzung zuständige Casting Director.

Die Filmemacher spielen mit der Vermischung von Traum und Wirklichkeit

Bei diesen Auditions geht es auch gar nicht immer um Film- oder Serienrollen. Nicole Coulon und die anderen müssen selbst für Werbespots Castings überstehen, die über mehrere Runden laufen und akribische Vorbereitung verlangen - um bei Erfolg als Ketchupflasche einige Sekunden lang durchs Bild hüpfen zu dürfen. Als junge Schauspielerin in L.A. muss man wahrlich mit einem dicken Fell und einem gewissen Hang zum Masochismus ausgestattet sein.

"Ich habe in meiner Zeit hier überhaupt nichts bekommen, nicht mal eine Rolle in einem Studentenfilm", gibt Gina Slattery zu, die noch in einer Obdachlosenunterkunft lebt, L.A. aber endgültig den Rücken kehren will. "Ich lebe seit acht Jahren hier und kann noch immer nicht meine eigene Telefonrechnung bezahlen", sagte eine Kollegin, die trotzdem die Hoffnung nicht aufgeben will.

Göltenboth und Giefer betrachten die Schattenseite der Traumfabrik, eine Armee aus Hoffnungsvollen, die jeden Tag aufs Neue mit Enttäuschungen leben müssen. Und doch - verzweifelt wirken die jungen Frauen trotz allem nicht. "Unser Job ist es, Spaß zu haben", sagt eine, und zumindest von außen betrachtet scheint das größtenteils zu funktionieren. Stolz sind sie, unterkriegen lassen wollen sie sich nicht. Zweifel am eigenen Talent? Auf keinen Fall.

Wobei man als Zuschauer eben nicht weiß, was hier gespielt ist und was nicht. Wie es wirklich aussieht in ihnen. Zumal die Filmemacher mit der Vermischung von Traum und Wirklichkeit spielen. Wiederholt lassen sie die Schauspielerinnen in Kostümen und Make-up in überhöht filmreif inszenierten Sequenzen auftreten, so als wollten sie ihnen wenigstens in ihrem Film den großen Auftritt schenken, der ihnen auf der Leinwand verwehrt bleibt.

Und nicht alle Sätze, die sie sprechen, sind ihre eigenen. Einige stammen aus dem Abschiedsbrief von Peg Entwistle. Eine junge Schauspielerin, die 1932 mit 24 Jahren auf das "H" des Hollywood-Schriftzugs stieg und sich in den Tod stürzte. "Ich fürchte, ich bin ein Feigling. Es tut mir alles leid. Hätte ich dies vor langer Zeit schon getan, es hätte viele Schmerzen erspart."

Was tun, wenn der Traum vom Ruhm zerplatzt? Peg Entwistle gilt heute zwar als Schutzheilige aller Hoffnungsvollen von L.A. Die finden aber glücklicherweise andere Auswege. Sie wollen sich den Spaß nicht verderben lassen.


"Song of an unknown Actress" läuft am Montag, dem 25. Februar, um 22.25 Uhr auf 3Sat.

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insgesamt 10 Beiträge
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cybernic 25.02.2019
1. Ein immer wiederkehrendes Reportage-Thema
Trotzdem wichtig, es endlos zu wiederholen und neu aufzubereiten, um auch der nächsten und übernächsten Generation junger Schauspieler zu zeigen, worauf sie sich da einlassen.
dorage 25.02.2019
2. Und was ist mit den unbekannten Schauspielern?
Sind die keine Doku wert?
wi_hartmann@t-online.de 25.02.2019
3. Junge "Schauspielerinnen"
Die Damen sollten wissen auf was sie sich einlassen. Die Devise der Etablierten lautet wohl eher "flach legen und wegwerfen". Mitleid , oder Bedauern für diese Klientel ist nicht angebracht.
Lurker99 25.02.2019
4. Schauspielen und Modeln ist ein Business
Viele meiner Freunde sind erfolgreiche Models und Schauspieler, manche mehr, manche weniger. Sie haben alle verstanden, was es bedeutet in der Industrie zu arbeiten. Erfolg kommt auch hier normalerweise von jahrelanger Arbeit und Networking, behavior on set und dem richtigen styling fuer die eigene Niche. Dann stellt sich auch Erfolg ein, und 100K+ pro jahr fuer effektiv einen Monat arbeit (castings, commercial shoots), um den rest der Zeit damit zu verbringen, ein regular in einer TV serie zu werden oder ein lead in einem feature. Regarding des abschaetzigen betrachten von castings: Commercials haben production values von 50K bis zu einer Million USD, natuerlich macht man dafuer castings! Alles andere waere unverantwortlich (und in zeiten der #metoo bewegung nicht politisch opportun). Ein erfolgreiches Union Commercial bring 30,000 bis zu mehreren hundert tausend USD ueber die Jahre, davon kann man gut leben.
TS_Alien 25.02.2019
5.
Jeder kennt Filme mit unbekannten Schauspielern bzw. Schauspielerinnen, ja sogar mit Amateuren, die ihre Sache sehr gut gemacht haben. D.h. die Konkurrenz ist groß, selbst unter denen mit professioneller Ausbildung. So mancher Star ist nicht besser als viele der unbekannt bleibenden Konkurrenten. Und dennoch wird der Star ein Star bleiben und weitere Rollen erhalten. So läuft das Geschäft. Da ist es reines Wunschdenken, sich über Leistung ins Gespräch zu bringen. Die Enttäuschungen sind vorprogrammiert. Wer berufliche Alternativen hat, sollte diese nutzen.
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