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07. Juli 2018, 07:10 Uhr

Dichter Stefan George

Botschafter aus einer anderen Welt

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Problematische Beziehungen zu Schülern und schwärmerische Selbstüberhöhung: Stefan George gilt als größter Dichter neben Rilke und Hofmannsthal, aber ihn umgibt ein Zwielicht - eine Doku bringt jetzt Klarheit.

Schriftlich dürfte man sich über Stefan George schon aus ästhetischen Gründen nur in konsequenter Kleinschreibung äußern, in eleganter Jugendstilschrift und mit exotisch auf halber Buchstabenhöhe schwebenden Mittelpunkten als trennenden Schriftzeichen. Auf gar keinen Fall aber dürfte man über den geheimnisvollen Dichter eine Dokumentation wie "Stefan George: Das geheime Deutschland" drehen. Schließlich erhellt der Film das mysteriöse Zwielicht, das diese Gestalt bis heute umgibt.

Vom größten Dichter neben Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke sei "fast nur ein Raunen geblieben", heißt es zu Beginn. Aber dieses Raunen hat es in sich. Einerseits ist "der Meister" mit seinem verschworenen Kreis männlicher Jünglinge inzwischen von den Ausläufern der akutellen Missbrauchsdebatte erfasst worden. Wie "erotisch" war der "erotische Eros", den er propagierte und praktizierte?

Andererseits gilt George als Trauersänger eines untergehenden Abendlandes, das eines Tages von den Anhängern eines "geheimen Deutschlands" wieder erweckt werden würde - so wie sein berühmtester Schüler, Claus Schenk Graf von Stauffenberg , es nach anfänglicher Begeisterung für die "heilige" Mission der Wehrmacht 1944 mit seinem Attentat auf Hitler in die Tat umzusetzen versuchte.

Seine Bücher sind wie Kirchen, seine Lesungen wie Predigten

Regisseur Ralf Rättig erzählt das Leben dieses Eigenbrötlers streng chronologisch, von der Geburt 1868 in Bingen am Rhein bis zu seinem Tod 1933 am Lago Maggiore. Als Gewährsmann dient ihm der Schriftsteller und Historiker Thomas Karlauf, der selbst einige Jahre im Bann und im Kreis des selbsternannten George-Wiedergängers Wolfgang Frommel in Amsterdam verbracht hat.

Karlauf beschreibt George als einen Jungen, "dem die Sprache der Eltern nicht genügte", der früh an seinem Mythos arbeitete. Seine Bücher gestaltete er wie Kirchen, seine Lesungen wie Predigten - das letze Gedicht immer im Stehen. Seinen Lesern und Zuhörern muss diese würdige Gestalt erschienen sein wie der Botschafter aus einer anderen Welt, "in der noch das Ursprüngliche, Echte gilt". Entsprechend ließ er sich auch fotografisch in Szene setzen, ein vom Schauen ernster Wahrheiten verschattetes Nach-unten-wegblicken im Halbprofil.

Der Film bietet interessante Einblicke in gediegene Architektur und Ausblicke auf romantische Landschaften, dezent unterstreicht progressiver Rock die leicht überkandidelte Atmosphäre. Abgeschritten werden alle Schauplätze dieses Lebens, von der Villa des Verlegers in Berlin bis zum Salon von Max Weber in Heidelberg.

Die Gefolgschaft bindet er in strengen Ritualen an sich

Der Soziologe erkannte in Stefan George schon 1910 den Anführer einer "Sekte". Eine Beobachtung, an die er seine Überlegungen zur "charismatischen Herrschaft" knüpfen sollte. Flankierend erläutert die Philosophin Svenja Flaßpöhler, dass "das Charisma, wenn man so will, immer ein antidemokratisches Moment in sich trägt".

Seine Gefolgschaft bindet er in strengen Ritualen an sich. George geht nicht selbst auf die Pirsch, er lässt cruisen. Mit einer Mischung aus Freundschaft, platonischer Liebe und "gemeinsamer geistiger Arbeit" führen ältere Jünger die Neulinge in den Kreis ein. Am Vortrag von Gedichten - hier nachgestellt von einem Schauspieler - kann der "Meister" bereits erkennen, ob der Knabe zum Gefolgsmann taugt. Gefolge wohin, Männer wofür?

Meike Sophia Baader, Erziehungswissenschaftlerin, sieht im Zirkel mit seinem Kult um Auswahl und Anerkennung grundsätzliche Muster missbräuchlicher Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler am Werk. Karlauf räumt ein: "Es ist ein System, sich junge Männer in den Kreis der Freunde zu holen". Zugleich sei das alles aber "dermaßen überhöht, geistig", dass das Körperliche darin keinen Platz habe. Es gebe, anders übrigens als bei Wolfgang Frommel, "keinen einzigen Bericht" über sexuellen Missbrauch.

Eine Dokumentation über das schwärmerische Raunen und seine Wirkung

Politisch erkennt und befriedigt Stefan George mit seinem genialischen Geraune "die Suche des Bürgertums nach sich selbst", wird in seiner Ablehnung der Weimarer Republik zum Stichwortgeber der Wandervogelbewegung sowie einer Erzählung vom Abendland überhaupt, dessen Vollendung er in der Verbindung aus Deutschland und Italien zur Zeit der Stauferkaiser zu erblicken glaubt.

Eine elitäre und von George geschmiedete Gruppe, dem Stoßtrupp eines Ernst Jünger nicht unähnlich, würde dereinst "das geheime Deutschland" aus seinem kyffhäuserhaften Schlaf erwecken. Was das genau bedeutet, blieb schon damals vage und scheint eben deshalb heute wieder "durchaus aufregend", wie Simon Strauß von der "FAZ" zu Protokoll gibt.

Am Ende hatte der schwer erkrankte George sich ins Tessin zurückgezogen. Von dort verfolgte er das Treiben in der Heimat halb dünkelhaft, halb teilnahmslos. Vereinnahmen ließ er sich nicht. Nicht von den Nazis, aber auch nicht von deren Gegnern.

In "Stefan George: Das geheime Deutschland" gibt es - und wo gibt es das noch? - echte Gedichte in voller Länge zu hören. Vor allem aber erzählt diese Dokumentation vom schwärmerischen Raunen und seiner Wirkung, ohne selbst ins Schwärmen oder Raunen zu verfallen. Und ohne nachträgliches Urteil, worin in diesem Fall das eigentliche Kunststück besteht.


"Stefan George: Das geheime Deutschland", Samstag, 21.55 Uhr, 3Sat

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