Barbara Hans

Dokumentarfilm "Nervöse Republik" Demokratie braucht Irritation

Stephan Lamby hat Teile seiner Dokumentation "Die nervöse Republik" in den Redaktionsräumen von SPIEGEL ONLINE gedreht. Der Film zeigt, wie verletzbar und verunsichert Journalismus und Politik sind.
Kundgebung in Dresden am Tag der Deutschen Einheit, Merkel-Luftballons

Kundgebung in Dresden am Tag der Deutschen Einheit, Merkel-Luftballons

Foto: Arno Burgi/ picture alliance / dpa

Es gibt diesen Moment im Film von Stephan Lamby, der wie kaum ein anderer offenbart, wie die Welt den Journalismus enttarnt. Er ist entstanden bei uns, im Newsroom von SPIEGEL ONLINE, in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 2016. Am Morgen war klar, dass möglich war, was viele Journalisten, auch hier bei SPIEGEL ONLINE, für unmöglich und - das war unser Fehler - in Teilen auch für undenkbar gehalten hatten.

Die Briten hatten sich aus der EU verabschiedet. Scheinbar wider alle Vernunft. Scheinbar wider besseres Wissen. Stephan Lamby fängt in seinem Film die Stimmung dieser Nacht ein. Die Anspannung. Die Sprachlosigkeit. Die Verunsicherung angesichts der Unbeherrschbarkeit des Weltgeschehens.

Lamby zeigt einen verletzbaren Journalismus, irritiert durch ein Weltgeschehen, das er noch vor wenigen Jahren in seinen eigenen Rhythmen erklären und intellektuell beherrschen konnte. Und das ihn nun bisweilen vor sich hertreibt, ihn und auch die Politik.

Wütende Bürgerin am Tag der Deutschen Einheit

Wütende Bürgerin am Tag der Deutschen Einheit

Foto: NDR/ ECO Media

Der Film zeichnet das Bild einer gekränkten Branche. Nicht mehr bedeutsam für die politischen Akteure, die sich zunehmend der Mühsal des Journalismus entledigen und direkt sprechen zum Volk. Via Facebook, Twitter, Social Bots. Nicht mehr bedeutsam für die Menschen, die ja am Ende doch denken und tun, was sie wollen. In Großbritannien, bei den Wahlen in den USA, in Dresden am Tag der Deutschen Einheit. Artikel, Analysen und Kommentare konnten doch nicht verhindern, dass in Großbritannien der Nationalstaat gesiegt hat und in Amerika ein notorischer Lügner. Wir, die Journalisten, haben aufgeklärt, enttarnt, gefactcheckt. Geändert hat es nichts.

Lamby konfrontiert uns, die Journalisten, die Politiker, die Wähler mit unserer Ohnmacht. "Nervöse Republik" heißt sein Film; fast scheint es, als sei die Nervosität vor allem eine Tarnung. Und der Aktionismus in Wahrheit eine Kapitulation angesichts stetig wachsender Komplexität. Die Welt ist schwierig. Sie ist mehrdeutig. Sie ist ambivalent.

Journalisten und Politiker versuchen zu verstehen, was die Menschen wollen. Das ist schwer, wenn die Dinge unberechenbar erscheinen. Wenn sich Hass entlädt in Mails, in Foren, in Posts. In perfekt formulierten Zuschriften, mit Absender, Anschrift, freundlichen Grüßen am Ende.

Sahra Wagenknecht mit Torte

Sahra Wagenknecht mit Torte

Foto: NDR/ ARD-Hauptstadtstudio

Der Film zeigt die Katerstimmung nach dem Brexit-Votum. Er dokumentiert die falschen Einschätzungen, die Nachdenklichkeit - über die Entscheidung der Briten und unsere eigene Überraschtheit. Der Journalismus will die Welt erklären; was, wenn er sie selbst nicht mehr versteht?

Lamby begleitet Frauke Petry, er demaskiert ihren Populismus. Doch der Film zeigt auch die Wutbürger in Dresden am Tag der Deutschen Einheit, wie sie Merkel ihren Hass und ihre Verachtung vor der Semperoper entgegenbrüllen. Scheinbar unverstanden, scheinbar zu wenig beachtet durch korrupte Politik und manipulierende Medien. Die Legitimation des Hasses entsteht durch dieses Gefühl der Entfremdung, sie findet ihren Ausdruck in wutverzerrten Gesichtern derer, die sich in der repräsentativen Demokratie so gar nicht mehr repräsentiert sehen.

Frauke Petry

Frauke Petry

Foto: NDR/ ECO Media/ Paul Kraneis

Lamby demaskiert aber nicht nur Petry und Co., sondern auch die Arroganz von Journalisten und Politikern. Die Arroganz, die dazu führt, dass sie überrascht sind. Und das Unverständnis, das daraus folgt. Es ist nicht die Aufgabe des Journalismus, das Weltgeschehen wie in der Glaskugel vorherzusehen. Es ist aber sehr wohl unsere Aufgabe, Meinungen, egal wie wenig rational sie erscheinen mögen, zu verstehen, zu hinterfragen, abzubilden - und sie nicht nur abzuqualifizieren.

Unsere Frage muss sein, warum die Menschen in Großbritannien für den Brexit und die Wähler in den USA für Trump gestimmt haben. Wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, diese Abstimmungen zu verurteilen. Oder in Rechthaberei verfallen und jede Idiotie Trumps verzeichnen und den Menschen damit zurufen: Seht her, wir hatten recht, er ist wirklich ein Idiot.

Rechthaberei baut Fronten auf, sie ist das Gegenteil von Verständnis. Verstehen wollen, das muss unser Anspruch sein.

Lamby benennt weder Arroganz noch Überforderung. Er zeigt sie schlicht. Durch Dialoge, die ein Ringen offenbaren. Durch die Geschwindigkeit, durch die Nervosität, mit der Politiker und Journalisten versuchen, Schritt zu halten, mit den Zumutungen anderer Meinungen und ihrer eigenen Überforderung. Das Tempo der sozialen Medien erzwingt schnellere Entscheidungen; es ermöglicht eine politische Kommunikation, die den Journalismus nicht mehr braucht. Direkte Botschaften an die Wähler, ohne den Deckmantel der Objektivität.

Machen die sozialen Medien den Journalismus überflüssig? Mitnichten.

Denn soziale Medien sind subjektive Medien. Der Weg raus aus der Blase, raus aus der Arroganz führt eben nicht nur über das, was gefällt. Er braucht die Konfrontation mit anderen Meinungen. Die Demokratie braucht die Irritation. Das gilt für die Politik, aber vor allem auch für uns Journalisten. Wir müssen zu denen, die wir nicht verstehen, auch zu den Wutbürgern. Dort braucht es unseren genauen Blick. Wir müssen nicht vorhersehen, was passiert. Aber unsere eigenen Gewissheiten müssen uns nachdenklich machen. Sie müssen wir genauso sehr infrage stellen wie die Aussagen von Politikern oder anderen Potentaten. Wir brauchen den Mut, uns irritieren zu lassen durch die Dinge, die wir nicht verstehen. Sie müssen uns Ansporn sein.


"Nervöse Republik - Ein Jahr Deutschland"; Mittwoch, 19.04.2017, 22.45 Uhr, ARD