Kritik an ARD und ZDF "Finanziell und persönlich an die Grenzen geführt"

Mit Lob für die Bedeutung des Dokumentarfilms halten sich die Öffentlich-Rechtlichen nicht zurück, wohl aber mit Geld und Sendeplätzen: In der Dokumentarfilmszene formiert sich Protest gegen die Arbeitsbedingungen.

Filmszene aus "Democracy - Im Rausch der Daten" von David Bernet
ddp images/ Capital Pictures

Filmszene aus "Democracy - Im Rausch der Daten" von David Bernet

Ein Interview von


Vergangene Woche fand in Stuttgart zum ersten Mal das "SWR Doku Festival" statt. In dessen Rahmen wurde der mit 20.000 dotierte neue "Deutsche Dokumentarfilmpreis" verliehen. Die Preisverleihung wurde allerdings von den zwölf nominierten Filmemachern, darunter Stefan Eberlein und David Bernet, aufgemischt, die eine Protestnote gegen die Arbeitsbedingungen von Dokumentarfilmern verlasen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bernet, Herr Eberlein, Sie beide waren für den neuen Preis nominiert. Sie, Herr Bernet, haben ihn sogar gewonnen haben. In Ihrer Protestnote beschweren Sie sich aber über den "rauen Alltag" von Dokumentarfilmern. Wie passt das zusammen?

Bernet: Es gibt einen Widerspruch zwischen der öffentlichen Selbstdarstellung der TV-Sender und der tatsächlichen Rolle des Dokumentarfilms in den Programmen. Darauf wollten wir mit unserer Aktion hinweisen. Seit Jahren hören wir auf Kongressen und Festivals immer wieder dieselben Bekenntnisse der Sender: Der Dokumentarfilm gehöre zur DNA der Öffentlich-Rechtlichen, gerade in Zeiten von Fake News sei er so wichtig wie nie. Gleichzeitig werden aber Sendeplätze gestrichen und Budgets gekürzt. Im ARD-Hauptprogramm gibt es pro Jahr noch zwölf Sendeplätze für Dokumentarfilme. Acht davon sind im Sommer, wenn die Talkshows pausieren, die versenden sich. Bleiben vier reguläre Sendeplätze pro Jahr.

Zur Person
  • David Bernet, geboren 1966 in Rheineck, Schweiz, arbeite als Radio- und Zeitungsjournalist, bevor er zum Filmemachen kam. Zu seinen Filmen zählen "Jew by Choice" und "Raising Resistance". Für seinen Film "Democracy - Im Rausch der Daten", in dem er die Entstehung der EU-Datenschutz-Grundverordnung verfolgt, wurde er mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis 2017 ausgezeichnet.

Eberlein: Wir Nominierten, die gewissermaßen schon zu den Privilegierten der Branche gehören, haben außerdem nachgerechnet, auf was für ein Tageshonorar wir kommen, wenn wir unsere Arbeit in ihrem vollständigen Umfang verrechnen. Wir sind auf ein Tageshonorar von 120 Euro gekommen, bei einem angesetzten 10-Stunden-Tag ist das wenig mehr als der Mindestlohn.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Ihrer Einschätzung nach diese Entwicklungen angesetzt?

Eberlein: Die ersten Weichen wurden meiner Erfahrung nach schon zur Jahrtausendwende gestellt. Damals ging der Leiter der Dokumentarfilmredaktion beim WDR, Werner Dütsch, in Rente, und das Budget seiner Redaktion wurde dramatisch gekürzt. Seitdem haben alle ARD-Anstalten die Finanzierung von Dokumentarfilmen massiv heruntergefahren. Statt mit einer Anstalt muss man jetzt automatisch mit mehreren zusammenarbeiten, die alle nur wenig Geld geben - wenn sie denn überhaupt noch Aufträge vergeben.

Bernet: Mit 10 verschiedenen Geldgebern zu arbeiten, kannte ich bislang nur aus dem Kinobereich - bei internationalen Ko-Produktionen ist das schlicht nicht anders machbar. Nun herrschen aber auch im Fernsehen ähnliche Zustände. Bei sinkenden Budgets sind die Sender darauf angewiesen, dass freie Produzenten auch Filmförderung heranziehen können. Darüberhinaus hängt aber auch die Höhe der Förderung davon ab, wie viel die Sender geben - wenn der Senderanteil sinkt, drückt das auch das gesamte Budget. So hat sich eine Abwärtsspirale entwickelt.

Zur Person
  • Stefan Eberlein, geboren 1967 in Laupheim, war zunächst als Produktionsassistent tätig, bevor er die Produktionsfirma Filmbüro Süd gründete. Als Regisseur hat er u.a. die Doku-Serie "Einsatz im Krisengebiet" realisiert. Für seine Langzeitbeoachtung "Parchim International" über stillgelegten Militärflughafen, der von einem chinesischen Unternehmer zu einem Verkehrknotenpunkt umgebaut werden soll, war er für den Dokumentarfilmpreis nominiert.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig sind, so erzählen es andere Dokumentarfilmer, die Anforderungen der Sender gestiegen: Sie wollen drei Schnittfassungen desselben Films, eine zweistündige fürs Kino, eine anderthalbstündige für den langen TV-Sendeplatz und dann noch mal 45 Minuten für "mal eben schnell". Wie sehr machen Ihnen solche Ansprüche zu schaffen?

Bernet: Generell habe ich kein Problem damit, drei Schnittfassungen zu erstellen - ich möchte schließlich auch, dass meine Filme ein möglichst großes Publikum erreichen. Aber die Zeit im Schnitt wird in den Budgets viel zu gering angesetzt. In der Regel werden dafür vier Monate angesetzt. Aber nach der Auswertung, die wir unter uns Nominierten erstellt haben, sitzen wir eher sieben Monate oder mehr im Schnitt.

Eberlein: Stoffentwicklung und Schnitt werden dramatisch unterbezahlt. Bei den Redaktionen scheint man zu glauben, dass die eigentliche Arbeit vor allem während der Dreharbeiten anfällt. Ist die Stoffentwicklung aber nicht weit genug gediehen, wenn man mit dem Dreh anfängt, dann verlagert sie sich zunächst erst in die Dreharbeiten und schließlich in den Schnitt, wo man dann erst richtig mit der Arbeit am Stoff beginnen kann. Viele Regisseure investieren deshalb gewissermaßen privat in der Recherche und in den Schnitt, damit ihre Filme gut werden.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Sender machen sich die Tendenz der Filmemacher zur Selbstausbeutung zu Nutze, wenn sie nur für die Dreharbeiten bezahlen, aber dafür auch aufwendige Recherche und lange Schnittzeiten bekommen?

Bernet: Absolut. Autoren, die einen gewissen Anspruch und Ehrgeiz haben, sehen sich auch in einem Wettbewerb mit den Besten der Branche. Nicht weiter an seinem Film zu feilen, weil die Sender das nicht bezahlen, ist dann keine Option. Das führt aber zur Schwächung der Autoren, sie werden finanziell wie persönlich an ihre Grenzen geführt. Das erkennen die Sender aber nicht als Folge ihrer Finanzierungsmodelle.

Filmszene aus "Parchim International" von Stefan Eberlein
Neue Visionen

Filmszene aus "Parchim International" von Stefan Eberlein

SPIEGEL ONLINE: Kolleginnen und Kollegen aus dem Spielfilmbereich fordern immer wieder, dass sich die TV-Sender komplett aus der Filmförderung zurückziehen sollten. Wäre das auch für Sie eine Option?

Eberlein: Das würde den kompletten Paradigmenwechsel bedeuten. Das halte ich allerdings für wenig wahrscheinlich. Regelungen wie in Österreich, wo mit der Förderung auch ein Sendeplatz im Fernsehen garantiert ist, erscheinen mir da machbarer.

Bernet: Ganz ohne Beteiligung der Sender würde es auch darauf hinauslaufen, dass viele Filme nur im Kino laufen. Das fände ich nicht gut. Die Sender sind ja nicht nur für die Herstellung, sondern auch für die Auswertung wichtig: Im Fernsehen erreicht man viel mehr Leute. Außerdem waren die Sender ja mal ein echter Motor der Filmkultur, sie haben regelmäßig tolle Filme auf attraktiven Sendeplätzen gezeigt und sich damit ihr eigenes Publikum geschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie fordern neben höheren Budgets vor allem mehr und attraktivere Sendeplätze?

Eberlein: Zunächst müssen die Budgets wieder aufgestockt werden - um ein Drittel erscheint mir angemessen. Dann könnten deutsche Dokumentarfilme auch wieder an die internationale Szene anschließen. Da wurden wir in den vergangenen Jahren ziemlich abgehängt. In Österreich ist es zum Beispiel nicht unüblich, eine Million Euro für einen Dokumentarfilm zu kriegen. In Deutschland geht dagegen ein Raunen durch die Branche, wenn mal jemand soviel Geld zusammenbekommt. In Dänemark bekommen die Produktionsfirmen schon mal allein für Stoffentwicklung 200'000 Euro zusammen. Bei uns gelten bereits 20.000 Euro als viel Geld. Erfreulicherweise haben nun einige Sender angekündigt, mehr in die Entwicklung zu investieren.

Bernet: Mehr und bessere Sendeplätze für Dokumentarfilm wären dagegen keine Frage von Geld. Die Sender investieren schließlich nach wie vor in die Strukturen, sie fördern Filme und beschäftigen Redakteure. Warum also nicht das zeigen, wo man sein Geld hineinsteckt?

Eberlein: Ich wünsche mir auch mehr Kreativität, was die Programmgestaltung angeht. Es müsste doch möglich sein, einen zusätzlichen Sendeplatz zu schaffen, an dem einmal im Monat, gern um 22 Uhr, ein preisgekrönter Dokumentarfilm läuft. Warum nicht unter der Marke "Der preisgekrönte Dokumentarfilm". Damit würden endlich wieder die vielen guten Filme, die auf Festivals Preise gewinnen, einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden, und die Zuschauer hätten die Orientierung, dass hier wirklich Herausragendes gezeigt wird.



insgesamt 30 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rme 07.07.2017
1.
Die Idee, einen oder mehrere feste Sendeplätze für Dokus zu reservieren, finde ich gut. Wieviele Programmstunden haben die Öffentlich-Rechtlichen eigentlich insgesamt (ARD, ZDF, dritte Programme und Spartenkanäle) und wie sind die belegt; kann man das irgendwo nachlesen? Und wie sind die Programmsparten budgetiert?
noalk 07.07.2017
2. Es gibt doch genügend Dok-Filme
Rosenheim-Cops, Garmisch-Cops, In aller Freundschaft, Sturm der roten Rosen, Lindenstraße, ... alles aus dem Leben gegriffen. Nee, im Ernst: Leider müssen die ÖRRA mit den Privaten um den Zuschauer buhlen. Und sowas kommt dann dabei raus. Aber: Vielleicht sollten sich die Dok-Filmer auch mal mehr Gedanken um das Publikumsinteresse an ihren Themen machen. Und nicht jedem Trend hinterherhecheln, der dann gleich in einem halben Dutzend Filmen zum selben Thema endet. Auch nicht zu verkennen: Die Konkurrenz zu den Magazinsendungen wie Monitor, Panorama oder Frontal 21, die ja auch einen gewissen dokumentarischen Charakter haben.
genugistgenug 07.07.2017
3. Wie überall: je mehr gelobt wird, desto weniger wird bezahlt.
Denn Lob ist ja billiger wie Geld. Allerdings ist das Lob der Dokumentationen nur noch zum Schutz der Bestandsverwaltung der Fernsehbürokratie da. Denn sonst müsste man sich ja mit ernsten Themen wie die Abzocke, die hohen Kosten durch Outsourcing (an befreundete Unternehmen), usw. verantworten. Unser aktuelle Beispiel für das 'DDF = DeutschesDummFernsehen': Letzte Woche lief eine gute Doku über Julian Assange - 90 Minuten - im WDR, gegen Mitternacht. In der Mediathek war sie aber bereits nach 7 Tagen verschwunden.
Pfaffenwinkel 07.07.2017
4. Die Dokus von ARD und ZDF
sind das einzige, was man im Fernsehen überhaupt noch ansehen kann. Mich würde mal interessieren, für was die öffentlichen Sender überhaupt die zwangsweise erhobenen Gebühren ausgeben?
FerrisBueller 07.07.2017
5. Das ist nicht einfach
Florian Silbereisen Sendezeit wegnehmen? Das wird nicht passieren. Auf den billigen Ramsch-Krimi im Zweiten will auch keiner verzichten. Nachts unter der Woche im Dritten kommt zumindest für mich nicht in Frage - da kommen wenigstens ab und zu mal gute Spielfilme. Wohin also mit der Kultur?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.