Brasilianische Amazon-Serie Kokain-Porno an der Copacabana

Drei Jahrzehnte im Zeichen des weißen Pulvers: Die brasilianische Serie »DOM« erzählt von Vater und Sohn, die sich einen Krieg ums Kokain liefern – verliert sich jedoch in allzu rauschhaften Bildern.
Flávio Tolezani als Victor: Krieg gegen das Koks, Kapitulation vor dem Koks

Flávio Tolezani als Victor: Krieg gegen das Koks, Kapitulation vor dem Koks

Foto: Laura Siervi / Amazon

Dies ist eine Geschichte von Vater und Sohn, beide folgen der Spur des Kokains: Victor (Flávio Tolezani) steigt Anfang der Siebziger von den gutbürgerlichen Zonen um die Copacabana hinauf in die Armenviertel Rio de Janeiros, weil er als Spion der Polizei die dort entstehenden Drogenbanden unterwandern soll. Sein Sohn Pedro (Gabriel Leone) folgt ihm Ende der Neunziger, weil er gierig ist nach dem Stoff, der von den Gangstern verdealt wird, denen der Alte nicht das Handwerk legen konnte.

Der Krieg gegen das Koks, die Kapitulation vor dem Koks, beides ist eine Familienangelegenheit.

Achtmal rund eine Stunde dauert die Serie »DOM«, die der Streamingdienst Amazon Prime Video als seine erste brasilianische Eigenproduktion wie ein Großereignis bewirbt. Auf verschiedenen Zeitebenen geht es darin um die immer gleichen zwei Handlungen: Der Vater versucht im Siebziger-Strang vergeblich das weiße Pulver von den Straßen Rio de Janeiros zu schaufeln, der Sohn zieht es sich im Neunziger-Strang durch die Nase.

Gabriel Leone als Pedro: Das Kokain wird direkt aus Plastikbeutelchen geschnupft.

Gabriel Leone als Pedro: Das Kokain wird direkt aus Plastikbeutelchen geschnupft.

Foto: Laura Siervi / Amazon

Auf diese Weise ergibt sich trotz der verschachtelten Zeitstruktur eine klare Erzählrichtung, die Abwärtsspirale. Wobei die aufgrund der besonderen Topografie Rios eben aufwärts verläuft. Das große Paradox der Stadt: Der Weg nach unten führt hier nach oben, von den strandnahen bürgerlichen Vierteln hoch in die Hügel der Favelas, von den bewachten Appartmentkomplexen zu den Barackensiedlungen mit Heiligennamen wie Santa Marta, in der die Narco-Gangs die Gesetze machen.

Und die trotzdem oder gerade deshalb verheißungsvoll für die Bürgerkinder wirken. Der hoch gehandelte junge Romanautor Geovani Martins, selbst aus einer Favela stammend, hat in seinem Roman »Aus dem Schatten« beschrieben, wie anziehend die Drogen und die Partys in den Armenvierteln auf diejenigen wirken, die doch gerade durch die räumliche Separation von diesen ferngehalten werden sollen. Playboys werden die jungen weißen Männer genannt, die in den Favelas das Abenteuer und den Rausch suchen.

Endstufe der Entfesselung

Einer dieser Playboys ist Pedro, der jugendliche Antiheld in »DOM«, der durch einen schwarzen Freund leichten Zugang zu der fremden Welt findet. Am Anfang sehen wir ihn auf einer Baile-Funk-Party, dieser Endstufe der Entfesselung durch elektronische Tanzmusik. Auf den Bauch schlagende Bässe, Tänzer mit in die Höhe gereckten Schusswaffen, das Kokain wird direkt aus kleinen Plastikbeutelchen geschnupft.

Um sich das Partyleben zu finanzieren, gründet Pablo mit ein paar Favela-Kids eine Gang. Man raubt die teuren Appartments und Villen in den tiefer gelegenen Stadtgebieten aus, der strategische Vorteil von Pedro: Als Weißer kann er sich unauffällig am Sicherheitspersonal vorbeimogeln. Eine süffisante Spiegelung des Rassismus in Brasilien – den auf andere Weise auch schon Pedros Vater für sich nutzte: Als er in den Siebzigern den Drogenring unterwandert, kann er sich bei dessen schwarzem Anführer beliebt machen, indem er das Kokain auf den Partys weißer Studenten ausliefert.

Nachlegen, Stellung wechseln

Aus dieser Konstruktion zieht die Serie ihre eigentümliche Energie: Wie Vater und Sohn zu verschiedenen Zeiten das gleich tun, um etwas völlig anderes zu wollen, ist schon stark erzählt. Die Verzahnung der Zeitebenen, die geschmeidigen Parallelmontagen, das hohe Tempo, das alles erinnert an das hochverdichtete Favela-Drama »City of God«, mit dem Fernando Mereilles 2002 dem brasilianischen Kino einen Innovationsschub verlieh. Ihm folgte kurz darauf die Serie »City of Men«, die in Sachen Erzähldichte vorwegnahm, was wir zurzeit als Goldenes Zeitalter des Fernsehens feiern.

Doch in »DOM« schleichen sich beim ewigen Springen zwischen den Zeiten irgendwann Längen ein. Und an einigen Stellen verstört der penetrante Spiegelungseffekt von Vater- und Sohn-Biografie zutiefst, etwa wenn es um deren Sexleben geht: Erst sehen wir den Vater in jungen Jahren bei einer Liebesnacht mit seiner Kommandeurin, wenig später schauen wir dabei zu, wie der Sohn unter Kokain-Einfluss eine hochathletische, hochartistische Nummernrevue schiebt. Nach jedem Näschen wird die Stellung gewechselt, es nimmt einfach kein Ende.

Obwohl die Schöpfer von »DOM« (Vicente Kubrusly, Breno Silveira, Fabio Mendes) doch vorgeben, die desaströse Wirkung der Droge darzustellen, wirkt die Serie in solchen Momenten wie eine Hymne an sie. Wie ein Kokain-Porno an der Copacabana.

»DOM«, ab Freitag bei Amazon Prime Video

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.