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Letzte Staffel "DRUCK": Auf Wiedersehen, Freunde!

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Grandioses TV-Jugendformat "Druck" Jugend frei

Rigoros aktuell, divers, sensibel: "Druck" hat so viel richtig gemacht wie kaum eine andere deutsche Serie für junge Menschen. Nach vier Staffeln ist nun vermutlich Schluss mit dem Jugendformat.

"Ich kann ohne meine Freunde nicht leben", schreibt jemand. "Ich liege im Bett und weine", postet jemand anders. Und: "Ihr habt mein halbes Leben beschrieben." In wenigen Tagen sammelte die 40. Folge der Serie "Druck" auf YouTube über 300.000 Klicks und 1800 Kommentare - fast nur positive, fast nur sentimentale.

Warum? Nach vier Staffeln des Jugendformats soll vermutlich Schluss sein. Neue Folgen sind nicht angekündigt, die letzten werden am Sonntag auf ZDFneo ausgestrahlt. Das ist schade. Denn "Druck" gehört zu den besten deutschen Serien, die in den vergangen Jahren produziert wurden. Weshalb? "Es fühlt sich an, als wäre die Story real", heißt es in einem Kommentar. Und das stimmt.

"Druck", das sind Amira - Muslimin, Feministin, Spitzenschülerin -, Mia - blond, selbstbewusst, bisexuell -, Sam - schwarz, blaue Haare, wortgewandt -, Kiki - sportlich, etwas oberflächlich, loyal -, und Hanna - kräftig, fürsorglich, in der Schule langsam. Zum Ensemble stoßen unter anderem noch Matteo, der auf Jungs steht und doch Mädchen küsst, und der wohlhabende Alex, der an Panikattacken leidet, sowie der syrische Geflüchtete Mohammed hinzu. Schon das macht deutlich: Hier agieren Figuren, die man im deutschen Fernsehen sonst meist vergeblich sucht.

Die Teenager machen bald Abitur. Aber natürlich kommt ihnen einiges dazwischen: Eltern, Freunde, die sich plötzlich abwenden, der eigene Körper, und klar, die Liebe. Aber statt bloß tausendfach Erzähltes 2019-artig zu inszenieren - mit krampfigen "YOLOs" und ein bisschen "Chillen" - setzt sich "Druck" mit Feminismus, sexuellen und geschlechtlichen Identitäten und Rassismus auseinander. Nie mit der Erklärkeule, immer feinfühlig und differenziert.

Dazuzugehören und gleichzeitig man selbst sein

Amira (famos, Touka El-Fawwal) zum Beispiel teilt gern aus, auch mal mit der Faust, liest den Koran und Simone de Beauvoir dazu. Der Islam ist für sie Heimat, der Boxring Zuhause. Sie ist in Mohammed verliebt - der glaubt nicht an Allah, aber dafür an sie. Dass die Einserabiturientin mal Bundeskanzlerin werde etwa. Die erste mit Kopftuch vielleicht.

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Letzte Staffel "DRUCK": Auf Wiedersehen, Freunde!

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"Jeden Morgen wenn ich aufstehe, richte ich meinen Hijab", sagt Amira und schaut ihre Freundin Kiki an, "schminke mich und weiß, heute kriege ich wieder einen doofen Kommentar ... Alle Leute haben so viele Erwartungen an mich, selbst meine Freunde. Weil ich Muslima bin und Kopftuch trage." Amira erlebt ihre Welt im Spagat zwischen dazugehören und sie selbst sein. Wie schwierig das zu halten ist, hat man selten so eindrücklich gesehen.

Spagat, das kennt auch Matteo (Michelangelo Fortuzzi). In zärtlichen Großaufnahmen wird gezeigt, wie er mit sich ringt: Soll er seinen Freunden von seiner Homosexualität berichten? Und wie wird David reagieren, wenn er ihm seine Liebe gesteht? David wird seine Gefühle erwidern. Aber auch David hat Druck. Denn er wurde im Körper eines Mädchens geboren. Wie sensibel die Autoren das Innenleben der Teenager ausleuchten, das zeigt sich hier, wenn David Matteo von seiner Transsexualität berichtet: "Ich bin ein Junge, ich muss mich nur mehr dafür anstrengen."

Realistisch und revolutionär

Weil das norwegische Serienoriginal "Skam" so erfolgreich lief, hat Autorin Julie Andem das Format mittlerweile in zahlreiche Länder verkauft. In Deutschland hat es die Produktionsfirma Bantry Bay für Funk umgesetzt (Regie: Pola Beck, Barbara Ott, Luzie Loose). Der Clou: die revolutionäre Erzählweise, die sich so eng anschmiegt an die Realität jugendlicher Zuschauer. Zum Beispiel kann man den detailliert angelegten Instagram-Accounts  der Figuren folgen und deren Chats auf WhatsApp mitlesen. Erleben die Figuren etwas, wird das ohne Vorankündigung als kurzes Video auf YouTube geteilt. So werden fiktive Welten zu realen, die Figuren zu Freunden.

Dass "Druck" die Welt heutiger Jugendlicher so gut abgepaust hat, das sieht man in jeder popkulturellen Referenz, in jedem Hoodie, in jedem Paar abgelatschter Vans, in "Bares für Rares", das die Figuren nebenbei schauen und das ja wirklich ein Hit unter Teenagern ist, und im wunderbaren Soundtrack (den man natürlich auf Spotify abonnieren kann). SXTN ist da zu hören, Billie Eilish, Shaed, Harry Styles oder der isländische Sänger Ásgeir.

Dass Diversität in einer Jugendserie berücksichtigt wird, dass verschiedene Körper und Herkünfte, Religionen, Milieus und Familienkonstellationen ganz natürlich gezeigt werden, ohne sie immer zu thematisieren, das ist grandios. Schließlich macht sich niemand so viele Gedanken über den eigenen Körper und über Sex wie Heranwachsende.

Wer dazu Fragen hat, die man Freunden nicht stellen will und den Eltern erst recht nicht, der findet hier Antworten. Dass man gut ist, wie man ist, etwa. Dass gut ist, wovon man träumt. Und dass es gut ist, wie oder wen man liebt. Wer das zu kitschig oder platt findet, kann sich an seine eigene Jugend wohl nicht mehr so gut erinnern - und sollte mal "Druck" gucken.

Am Sonntag, 29. September, wird die vierte Staffel ab 23.15 Uhr auf ZDFneo ausgestrahlt. Alle Folgen hier .

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.