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16. Januar 2016, 07:56 Uhr

Dschungelcamp Tag 1

So, ihr Schwuchteln, jetzt gibt's Kasalla!

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Gutes Personal ist schwer zu finden - die Dschungelmacher haben jedoch extrem vielversprechende Camper herangeschafft. Und eines ist bereits nach den ersten Minuten klar: Ein Harmoniedebakel wie im vergangenen Jahr wird es nicht geben.

Wir haben unsere Herzen verhärtet, die Vorfreude ausgemergelt und die Hoffnung auf Halbmast gehängt - was blieb uns anderes übrig?

"Ich erwarte nichts. Wenn du was erwartest im Leben, bist du sowieso schon angeschissen", so sprach Rolf Zacher beim Einzug in den Dschungel, und genau so trat man nach der tiefen Enttäuschung des letztjährigen Dschungelcamps dann der erneuten Kränkung durch die ramschige Sommervariante an die neue Staffel von "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" heran. Bis nach ein paar Minuten das Vertrauen in das Format blitzartig wiederhergestellt war, denn eins war schon beim Auftakt unübersehbar: Ein Harmoniedebakel wie im vergangenen Jahr wird es nicht geben.

Die neuen Camp-Insassen wurden von erfahrenen Zossenverderbern offenbar mit dem ganz groben Striegel auf Krawall gebürstet.

Gunter Gabriel: "Wenn einer Scheiße redet, ist er ein toter Mann, so einfach ist das."

Thorsten Legat: "Wenn einer mir blöd kommt, den stell ich an die Wand."

David Ortega: "Jeder versucht dich da umzubringen."

Helena Fürst: "Wenn du Nervenkrieg willst, dann verlierst du."

Rolf Zacher: "Die Schnauze ist gleich voll, sag ich da."

Im Hause Gilzer wird das Riechsalz gereicht, bei Schlönvoigts erstaunt das Mimen-Mäulchen aufgerissen und Rolfe Schneider patscht mit einem erstaunten "Ah, voilà?" den Löffel zurück in den Mousse-au-Chocolat-Trog: Ach SO geht das, SO war das gemeint, SO wird das gespielt! Und Walter Freiwald winselt auf wie ein Jagdhund an der Kette, der die unerreichbaren Spielkameraden draußen auf dem Feld riecht.

Das erste Wildpinkeldelikt schon vor dem Einzug

Gutes Personal, das weiß man auch als prekärst Lebender spätestens seit dem "Erbe der Guldenburgs", ist schwer zu finden - die Dschungelmacher haben nach einer Saison, in der sie saumselig zu viel Vertrauen in die bloße Wucht des Formats setzten, extrem vielversprechende Camper herangeschafft. Natürlich ist da zuerst der mit seiner Unterhosenkruste kokettierende, gründlich angeschmuddelte Gunter Gabriel zu nennen. "Ich bin fröhlich erregt, als ob ich zu einer Jungfrau ins Bettchen steige", beschied er bei seiner Anreise, beging das erste Wildpinkeldelikt schon vor dem Einzug und fühlte sich im Dschungel blitzartig heimisch: "Das sieht aus wie im Teutoburger Wald, bei Detmold."

Schnell jedoch setzte der Schlotter ein, nicht nur im winkfleischigen Oberarmbereich: "Ich bin ein Arschloch, dass ich hier zugesagt habe", fluchte Gunter und fürchtete bereits, die Unternehmung mental nicht durchzuhalten.

Wir werden um ihn bangen müssen, doch zum Glück gibt es im Ensemble weitere Edel-Zausel. Rolf Zacher gefiel schon ohne Worte, er schritt mit fitzcarraldohafter Grandezza in den Dschungel und band sich im Camp in Ermangelung einer Wollmütze einen urinsteinfarbenen Lappen um den Kopf, mit dem er entschieden weiblich aussah, und zwar abwechselnd wie eine flamboyante Magd auf einem flämischen Gemälde oder eine sehr alte Wahrsagerin. Dazu redet er mit grusliger Flüsterstimme: "Ingwer! Ingwer ist ja Antibiotikum", sagt er beim Hantieren mit der Zahnprothese, und schon ist er mittendrin in einer neuen Charakterrolle als Madame Mouffe, der Schrecken des Altersheims, die sich leutselig ihren Mitbewohnern zuwendet: "So, ihr Schwuchteln!"

Seine natürliche Nemesis ist Thorsten Legat. "Du bist mir zu speedy, Buddy", näselt Rolf dem berstbereiten Instinktcamper entgegen, der seine Anspannung schon beim frühen Verzehr eines Ochsenpenishappens zeigte: Er nagte derart furios drauflos, dass ihm prompt ein Stück Zahn abbrach. Vorkommnisse, die man der Krankenkasse privat besser verschweigt.

Schlampinchen-Rapperin aus Frankfurt-Prollheim

Schon rein äußerlich lohnt sich die nähere Betrachtung von Helena Fürst, die sich bei Etsy eine aufwändig handgemachte Frisur aus aufgefädelten Maiskörnern gekauft hat und damit wie eine obskure Schlampinchen-Rapperin aus Frankfurt-Prollheim aussieht - vielleicht gibt es nicht nur einen fünften Beatle, sondern auch eine vierte TicTacToe-Bratze? "Ich weiß, wie man auf Konfrontation reagiert, ich hatte schließlich Sendungen", sagt sie, als wären ihre TV-Formate überstandene Krankheiten.

Im Auge behalten sollte man auch Ricky Harris, der als Luxusgegenstand zum Schmusen eine kleine Plüschversion seiner selbst dabei hat, was natürlich sehr normal ist. Für Schlichtheits-Amüsement dürfte auch weiterhin David Ortega sorgen, der Sätze sagt, bei denen er selbst zu hoffen scheint, dass man den Anfang schon wieder vergessen hat, wenn er am Ende angekommen ist: "Die tropische Wärme wärmt die Knochenstruktur auf", "Sophia hat eine sehr starke Tiefe, aber sie ist noch nicht in dieser Tiefe" - das wird noch schön.

Zum guten Cast kommen unterstützend - Prinzip Hosenträger plus Gürtel - dramaturgische Neuerungen. Noch vor dem Einzug gibt es eine kollektive Ekelessen-Prüfung, und es wäre schön, wenn die Fresserei damit für die nächsten Wochen schon erledigt wäre, zumal die Graus-Anatomie der australischen Fauna ja schon seit ein paar Staffeln komplett durchgenudelt ist. Die Gekröse-Verschlingung dient der Aufteilung in zwei Gruppen, die räumlich getrennt von einander hausen und bei den Prüfungen gegeneinander antreten, wie es etwa in der britischen Variante von IBES längst üblich ist. Ein guter Griff, denn auf diese Weise kann sich niemand in der Großgruppe verstecken und sich so quasi unbemerkt über die erste Woche retten, bis die Dezimierung beginnt.

"Hier musst du marschieren!"

Für die Camper bedeutet die Beobachtung in Kleingruppen also "all in", wie es in der Turnschuhwerbung immer heißt, voller Einsatz, oder eben im Rahmen der Möglichkeiten. "Ich geh mit allem rein, was ich habe, das ist nicht viel", sagt Sophia Wollersheim, deren zwanghafte Kiekskicherer nach jedem Satz noch weiter zu beobachten sein werden.

Vor allem bei einem scheint die leicht an "Herr der Fliegen" gemahnende Gruppentrennung und Konkurrenzsituation glänzend zu verfangen: Thorsten Legat kündigt für die nächsten Tage "Kasalla" an - will er eine portugiesische Mandelspeise servieren, einen schneidigen Säbeltanz aufführen oder kommt seine feurige russische Cousine zu Besuch, fragt sich da der nicht rheinisch sprechende Zuschauer, doch natürlich ist Krawall oder Ärger damit gemeint, denn Thorsten ist ein martialischer Mann: "Hier musst du marschieren!", bescheidet er und krittelt: "Bei dem einen oder anderen hier wird Disziplin nur zu 50 Prozent geschrieben." Diszi also, und diese Diszi gedenkt er sehr bald aufzumöbeln, Kasalla-mäßig.

Darauf kann man sich freuen, überhaupt auf die nächsten zwei Wochen im Camp, dieser dringend ersehnten Simpel-Gesellschaft, die sich als Kontrast zur verwirrenden, deprimierenden, schwer auseinander zu klamüsernden und abschließend zu beurteilenden Rest-Gesellschaft so wunderbar einfach einteilen und sortieren lässt.

Es ist ein Indiz für schwierige Zeiten, wenn man schlabberige Gunter-Kalauer, fiese Zacher-Zischereien und einen schlichten Unterhosenstreit zwischen Nathalie Volk und Helena Fürst absolut erholsam findet. Ein bisschen örtliche Betäubung eben - Opis und die Volk.

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