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29. Januar 2016, 07:40 Uhr

Dschungelcamp Tag 14

Das Gleichnis von den drei Flachzangenfahrern

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Die Männchen des Camps vergeigen eine Auto-Prüfung, die Weibchen bezicken sich: Im Dschungel ist die Genderwelt noch in feinster Ordnung. Und Jürgen muss kurz vor dem Halbfinale ausziehen.

Sollten das Dschungelcamp allgemein und die diesjährige Staffel im Besonderen einmal Eingang in die Wissenschaft finden - nicht nur an der Professor-Ortega-Büffeluniversität, sondern auch an anderen zertifizierten Geistesstätten -, dann könnte Tag 14 als Primärquelle dienen, an der sich ein ganzes Kommunikationswissenschafts-Proseminar wundanalysieren würde.

Viel läuft schief im diesjährigen Austausch untereinander, und vielleicht könnte man mithilfe eines elaborierten Wollfädengespinstes ja mal genauer verfolgen, wie die einzelnen Plapperstränge verlaufen. Erste These, gleich mal als Referatsthema vergeben: Die Camper reden nicht wirklich miteinander, aber umso lieber übereinander.

Sophie über Helena: "Die Frau ist der Horror, ich hätte der am liebsten eine geknalllt."

Jürgen über Sophia: "Ich hab gedacht, jetzt hat sie in letzter Zeit zu viel Vakuum gezogen."

Helena über alle: "Vornerum haha, hintenrum blabla." (Obacht, bitte diesen Sinnspruch nicht mit dem Tölpelwarnsatz "Von hinten Blondine, von vorne Ruine" verwechseln, der zu Jürgens festem Liederabend-Repertoire im Bierkönig auf Malle gehört und den er künftig vielleicht der einen oder anderen Mitcamperin widmen könnte. Der einen oder anderen. Oder der einen.)

Aber gut, im Dschungel geht es eben ruppig zu, womit sich Helena ("Ich bin hier ja nicht auf Heidschi Bumbeidschi.") in echsiger Anpassungsfreude offenbar besser arrangieren konnte als Thorsten, der immer noch an seinem gestrigen epic showdown mit der Kaltmamsell formerly known as Furzfürstin laborierte, wie er Jürgen gestand: "Ich habe innerlich so geweint, das glaub mir mal."

Oder, wie er später bei der Dschungelprüfung erklärte: "Ich denke mir einfach, durch das Emotionale bin ich ein bisschen durcheinandergekommen." Gestern mussten alle verbliebenen Camp-Männchen zusammen ran und oldschool-genderig in einem kleinen Brummbrummauto eine Dschungelrallye absolvieren, selbstverständlich ordentlich vorschikaniert: Jürgen, der Fahrer, bekam eine Augenbinde, Menderes, der Lotse, wurde der Mund verklebt, Thorsten, der Mittler, war mit Ohrenschützern versehen.

"Links, links, links - das ANDERE Links, mein Links!"

Der eine hört nichts, der andere sieht nichts, der andere darf nichts sagen. Menderes ist der einzige, der weiß, wo es hingeht. Er kennt den Weg, aber er darf ihn nicht weisen.

Das klingt nun wie ein Stück aus der Sonntagspredigt eines progressiven Pfarrers, der Dschungelcamp-Metaphern benutzt, um damit jugendliche Gammler in die Kirche zu locken. Und dennoch, meine Brüder und Schwestern, müssen wir uns fragen, wenn wir die drei Toren mit ihrer Nuckelpinne so ziellos durch den Parcours (des Lebens?) eiern sehen - bald hier, bald da anecken oder auch mal liegen bleiben - welcher der drei wären wir selbst?

Fühlen wir uns nicht oft wie der einzig Sehende unter vielen Blinden und vermögen es dennoch nicht, ihnen den Weg zu zeigen, weil uns die Worte fehlen? Schreien wir nicht manchmal unsere Meinung in die Welt ("Links, links, links - das ANDERE Links, mein Links! Dein Links ist mein Rechts! RECHTS! Slowly slowly! Hier, da: Rückwärts!"), ohne zu hören, was die anderen sagen? Und lassen wir uns nicht manchmal vom Blöken der Herde mitreißen und manövrieren blind durch unser Leben, auf der wilden Hatz nach Sternen und eitlem Mammon?

Aber über das Gleichnis von den drei Flachzangenfahrern kann man dann vielleicht lieber am Sonntag weiter nachdenken, allzu religiös ist man im Camp ja nicht aufgestellt. "Mit mir ist nicht gut Kirchen essen", beschied Sophia im Dschungeltelefon, und Thorsten redete schon in Zungen, dabei ist Pfingsten noch etwas hin: Eifrig sprach er Türkisch mit Menderes, der nichts von alledem verstand - ist auch eine Fantasiesprache, räumte er später ein: "Diese Quasselei habe ich mir selbst angeeicht." Bleibt die bange Mutmaßung, zu welchen Anlässen er sie spricht, und ob er sich dabei nicht doch wundert, warum ihn niemand versteht.

Am Ende fliegt Jürgen aus dem Camp und verpasst knapp das Halbfinale, was dramaturgieökonomisch voll in Ordnung geht.

(Bonuskalauer: Kein Wunder, dass Menderes immer so höflich ist - er hat schließlich Dankwart gelernt. Okay, eigentlich hat er eine Ausbildung zum Tankwart gemacht, aber in Franken käme man mit diesem Witzchen durch.)

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