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26. Januar 2019, 09:14 Uhr

Dschungelcamp, Tag 15

Variationen in oll

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Im Halbfinale inszenieren die Camper nochmal drauflos, was das Zeug hält. Was ist einstudiert, was echt, das waren die anstrengenden Fragen des vorletzten Tages - an dem endlich auch der wurst case eintrat.

Drehbuchidee des Tages: Die ausgedünnte Ideenlage in den letzten Dschungeltagen gebiert immerhin noch die Inspiration für eine mild morbide Komödie. Weil am Vortag irgendwas mit der Voting-Auswertung nicht funktionierte, wurde niemand aus dem Camp geworfen - wie man gestern erfuhr, hätte es den CWM getroffen, der durch diese Panne, obwohl trashtechnisch gesehen schon klinisch tot, noch einen geschenkten Tag möppernd und maulend als The Talking Dead im Dschungel verbringen durfte.

Das ist eine schöne Vorlage für einen Film, in dem der Tod seine Seelenerntearbeit nicht planmäßig verrichten kann, weil eben auch er eine Panne hat (irgendeine unglückliche Verquickung von umgekehrter Wagenreihung, Verwechslung mit einem polizeilich gesuchten Steuerhinterzieher, schmerzhaft entzündeter Toupetnaht oder so). Also darf ein eigentlich Todgeweihter noch einmal 24 Bonusstunden auf der Erde verbringen, eine Idee, die ja schon hinlänglich filmisch durchgenudelt wurde. Entgegen der Konvention durchläuft unser Protagonist aber innerhalb dieser Frist nicht eine Wandlung zum Guten - der CWM entwickelt sich vielmehr vom Halbwegsokaybürger zum Sausack, die eigentlich avisierte Himmelfahrt endet in der Verdammnis. "Ich hätte mir von Chris mehr Gefühle gewünscht. Gerade in den letzten Tagen, wo hier mehr Harmonie als Psychiatrie ist", resümiert Evelyn sein Betragen.

Nach seinem unrühmlichen Zugabentag tritt schließlich der wurst case ein: Der CWM ist raus.

Plumpdramaturgie des Tages: Die Prüfung verläuft eher mindererfolgreich, der CWM echauffiert sich darüber noch auf dem Heimweg: "Zwei Sterne ist Scheiße." Den wegen fortschreitender Ausgezehrtheit immer habichthafter und schnabulös dreinschauenden Blauverglasten nervt "immer dieses positive Rumgelabere", bekundet er - dreht sich allerdings nach vollendeter Ätzrede um und grinst. Der Onkel macht nur Spaß, nur Show, das gefällt vor allem Sandra nicht. "Das ist Showbiz, das war dramaturgisch richtig", belehrt sie der CWM und höhnt dann noch über die blank liegenden Nerven der anderen: "Ihr scheißt euch jeden Morgen in die Hose, bevor Sonja und Daniel kommen." "Angst hat hier keiner", dröhnt darauf Peter mit geballter Faust wie beim Blutabnehmen. Leider wieder kein Handgemenge.

Textlapsus des Tages: Yotta rät Evelyn während eines Blitzcoachings im Dschungelgesträuch, nach diesem Auftritt doch jetzt nicht wieder so nett zum CWM zu sein. Oder, wie es bei ihm heißt: "ein bisschen mehr die eigene Position einzunehmen". Evelyn daraufhin: "Sollen wir den jetzt ausscheiden oder was?" Der Dialogautor weint still in seinen Fernet Branca, der Splatterfilmautor merkt interessiert auf.

Mollakkord des Tages I: Hätte nicht tags zuvor ausgerechnet Melodram-Mimin Indira, die seinerzeit ja im Teich eine Art Homevideo-Remake der "Blauen Lagune" drehen wollte, Sandra geraten, doch endlich "ihre Geschichte" zu erzählen, hätte man deren trauriger Erzählung ohne diese murmelnden Misstrauenstierchen lauschen können, die nun also zeitgleich im Hinterkopf darüber tuscheln, warum Sandra nun ausgerechnet so knapp vor dem Finale darüber spricht. Über ihren unerfüllten Kinderwunsch nämlich. Als sie vor drei Jahren schwanger wurde, verlor sie das Kind früh, das Schlimmste sei daran gewesen, dass dies für den Vater, ihren nun Exfreund, ein "Freudentag" gewesen sei. Sie liegt weinend auf der Pritsche, man fühlt mit ihr. Wären da nur nicht diese tuschelnden Tierchen.

Mollakkord des Tages II: "Ich weiß, wie sich es anfühlt", tröstet sie unerwartet ausgerechnet Starkmann Yotta, dessen Exfreundin vor zwei Jahren ebenfalls ein ungeborenes Kind verlor. Man kommt sich beim Zuschauen schlecht vor, weil die Misstrauenstierchen nun noch lauter zischeln, weil er doch wirklich aufrichtige Trauertränen weint. Ist das unbremsbares Gefühl oder nur eine Variation in oll? "Ich war sechs Monate weg von Social Media", sagt er dann, als Beleg, wie hart ihn der Verlust getroffen hat, und langsam ist es wirklich tragisch, wie die Abhängigkeit von diesem Digitalklimbim in dieser Dschungelstaffel wirklich jeden emotionalen Moment in handliche Postinggröße zurechtdengelt.

Unnötigste Sexszene: Sie wurde zum Glück nur verbal performt, aber reicht auch. "Mein Schwanz ist wahrscheinlich das sauberste am ganzen Körper", spricht Yotta. Wären wir hier wirklich beim Film, würde dazu im Hintergrund leise eine Reprise von Leilas Eichelkäse-Theme dudeln.

Unnötigster Special Effect: Der CWM redet privat gar keinen Kölner Dialekt, wie er es im Camp tut, verrät der Yotta. Vielleicht will der augenscheinlich künstlich rheinisierte Wurstwender mit diesem Kunstgriff sympathische Bodenständigkeit simulieren. Kleiner Denkfehler dabei: Es gibt keinerlei erfolgssachliche Grundlage, ihn für abgehoben zu halten.

Double des Tages: Thorsten Legat, der für eine kleine Moderationsszene gruselig echt als Daniel Hartwich hergerichtet wurde. Damit schlägt er verdient, aber knapp den nächtlichen Auftritt von Yotta, der sich bei der Feuerwache für eine CWM-Parodie heimlich dessen Brille ausborgt, damit eckig im Camp herumgeht und "Ich bin Teamchef" deklamiert. Am Ende hörte er von der Regie freilich doch ein "Danke, reicht", bevor er seine Rolle komplettieren konnte. Zusammen mit Sandra muss er das Camp verlassen, im Finale sind Evelyn, Felix und Peter. Das schaffen wir heute Abend auch noch.

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